Review
von Leimbacher-Mario
Die Gedanken sind frei
Die literarische Vorlage oder die alte Verfilmung mit Mario Adorf kenne ich nicht, habe keines der beiden etwa in der Schule durchgenommen, bin daher komplett blind in „Schachnovelle“ gegangen, den ich als Mischung aus „Damengambit“ und „Shutter Island“ beschreiben würde. Manchmal sogar mit Nuancen eines „Shining“, ohne Gotteslästerung zu betreiben. Und was soll ich sagen… das Ding ist nicht nur ein Höhepunkt der hiesigen Filmlandschaft in diesem Jahr. Dieses psychologische Kriegsdrama hat ohne Frage internationales Format und muss sich vor gar nichts verstecken. Zwei Stunden saftigster und wichtiger, fast schon charakterbildender Geschichtsunterricht über Freiheit, Widerstand, Isolation, Taktik, Hoffnung und Kunst. Erzählt wird von einem sehr wohlhabenden Wiener Anwalt zur Zeit der Nazibesatzung in Österreich und seiner Flucht per Schiff in die Staaten. Und an Bord des Nebeldampfers lernen wir nicht nur mehr über sein bisheriges Schicksal im Krieg, sondern er zieht auch das Interesse eines kauzigen Schachweltmeisters und dessen Managers auf sich, da er dem Champion von sich selbst überrascht ein Unentschieden abtrotzen kann…
„Schachnovelle“ beweist einmal mehr, dass deutsche Kriegsfilme nicht immer gleich sein müssen, was das deutsche Kino im besten Fall zu leisten im Stande ist, dass man nur Fan von Oliver Masucci sein kann und dass trotz aller Vorhersehbarkeit, Düsternis und fast schon nihilistischen Zügen ein solches Drama dennoch durch die Bank packen, fesseln, faszinieren und funktionieren kann. Der Score ist eine Wucht. Die Optik hochwertig und dennoch dreckig. Masucci verkörpert beide Seiten seiner Charaktermedaille verblüffend, aufopferungsvoll. „Schachnovelle“ bringt die Stärken seiner Vorlage denke ich exzellent rüber und in die Neuzeit. Ein Psychogramm, fast schon mit Horrorzügen. Eine Flucht in 64 Felder voller Schwarz, Weiss und Menschlichkeit. Niederschmetternd, schmerzhaft und traurig. Aber genauso willensstark, zeitlos und nur in ganz seltenen Momenten deutsch-steif.
Fazit: obwohl eigentlich Epoche und Szenario genau mit dem spielen, was man nicht mehr (so viel) vom deutschen Film sehen will - „Schachnovelle“ ist großes Kino mit Wucht, Finesse und Hintergedanke. Eine vorbildliche Buchverfilmung.