Der etwas andere Bikerfilm
„Trostlos, diese Vororte...“
Die britisch-französische Koproduktion „Nackt unter Leder“ des britischen Regisseurs Jack Cardiff („Katanga“) ist ein mit den attraktiven Stars Marianne Faithfull und Alain Delon prominent besetztes Liebes- und Biker(in)-Drama, eine Verfilmung des Romans „Das Motorrad“ von André Pieyre de Mandiargues, vor allem aber ein Kind seiner Zeit: Der Film erschien im Jahre 1968.
„Verheiratet sein hat auch etwas von Sterben in sich!“
Rebecca (Marianne Faithfull, „Was kommt danach...?“) ist erst seit zwei Monaten mit Raymond (Roger Mutton, „Der Angriff der leichten Brigade“) verheiratet, hat aber bereits die Nase von dessen mangelndem Durchsetzungsvermögen, seiner Spießigkeit und ihrem provinziellen Leben im Elsass voll. Kurzentschlossen schwingt sie sich in Lederkluft auf ihre Harley und eilt nach Heidelberg zum aufregenden Daniel (Alain Delon, „Nur die Sonne war Zeuge“), zu dem sie eine Affäre unterhält. Während der Fahrt schwelgt sie in Erinnerungen…
„Dein Körper ist wie eine Geige in einem samtenen Futteral.“
Typische endsechziger psychedelische Effekte leiten einen Traum Rebeccas ein (und werden auch wieder aus ihm entlassen): Ihr Geliebter Daniel fährt in einem Zirkus Motorrad, während sie auf einem Pferd reitet. Träume sind nun einmal oft wirr. Als sie aufwacht, wandelt sie zur Freude des Filmpublikums wie die Evolution sie schuf durchs Bild und schlüpft ohne Unterwäsche in ihren körperbetonten ledernen Bikerdress. Der deutsche Titel lügt also nicht. Auszüge aus ihrer Gedankenwelt werden per Voice-over hörbar. So reitet sie also ihren Bock und cruist in der Morgendämmerung an Soldatenfriedhöfen vorbei – ein erstes Beispiel für die kraftvolle Symbolsprache des Films. Wir erfahren die Hintergründe um ihren als Grundschullehrer, dem die Kinder auf der Nase herumtanzen, arbeitenden Mann und ihre Heirat, lauschen ihr beim unentwegten Sinnieren aus dem Off und werden wiederholt Zeuge psychedelischer Verfremdungseffekte, während die unverfremdeten Bilder Lust einen Motorradausflug machen.
„Miststück! Miststück! Miststück!“
Sie wähnt sich bereits in Heidelberg, als sie nach einem Nickerchen am Straßenrand jäh aus einem weiteren Traum erwacht und Soldaten an sich vorbeifahren sieht. Eine gute halbe Stunde ist vergangen, als die erste Rückblende einsetzt, die sie auf einer Bahnreise zum Skifahren mit Freunden und ihre Ankunft in einem kleinen Bergdorf zeigt. Entsprechend gibt es nun Skifahr- statt Motorrad-Szenen zu sehen. Ihr Mann ist ihr zu vernünftig und langweilig, da kam es ihr ganz gelegen, im Skiurlaub Daniel kennenzulernen. Cardiff verschachtelt seine Narration weiter mit einer Rückblende in der Rückblende: Rebecca arbeitete im Buchladen ihres Vaters und traf dort erstmals auf Daniel, einen Privatdozenten aus der Schweiz. Anstelle ihres Mannes schleicht dieser nachts zu ihr ins Zimmer. Die gezeigte Sexszene wird leider ebenfalls psychedelisch verfremdet gezeigt. Nach einer per Rückprojektion umgesetzten Spritztour auf dem Motorrad trieben sie noch einmal miteinander.
„Deine Zehen sind wie kleine Grabsteine!“
Rebecca macht Pause in einem bayrischen Rasthaus; weitere Rückblenden zeigen, wie Daniel ihr Motorradfahren beibrachte. Bilder historischer Rennen, von denen er ihr im Bett zu erzählen schien, werden eingefügt. Im Rasthaus beginnt sie mit ihrer Situation zu hadern und bricht in Tränen aus. Anschließend brettert sie wie von Sinnen mit überhöhter Geschwindigkeit durch die Straßen und baut fast einen Unfall, hat dabei immer wieder Daniels ihren Fahrstil kommentierende Stimme im Ohr. Sie verzweifelt am kühlen Daniel und weiß es eigentlich besser, ist ihm aber trotzdem – oder gerade deshalb – verfallen. Sie versucht sich nun auch von Daniel zu emanzipieren. Die Schlusssequenz mit Rebecca auf dem Motorrad ist ein trügerischer Ausdruck ultimativer Freiheit – denn es kommt, wie es kommen muss.
„Eigentlich bist du alles andere als unwiderstehlich...“
Das Motorradfahren als Sinnbild individueller Freiheit dient Cardiffs Film als Aufhänger für eine Reise Rebeccas zu sich selbst und zu dem, was sie sich wirklich wünscht. Ein tränenreicher Weg, der fatalistisch endet, was schade ist – ohne sein Ende hätte „Nackt unter Leder“ mit einer positiven Aussage geschlossen. Frauenemanzipation und freie Liebe als der Ehe diametral gegenüberstehendes Ideal werden verhandelt, unter anderem in Diskussionen Daniels mit seinen Studenten, durchaus auch kontrovers. Darüber hinaus äußert der Film immer wieder Kritik an Militär und Krieg und präsentiert nicht zuletzt beeindruckende Landschaftspanoramen.
Zugegeben, sonderlich aufregend oder spannend ist die immerhin Ländergrenzen überschreitende, aber zuweilen etwas unnötig verwirrend erzählte Geschichte nicht, deren Kippen in die Melodramatik am Ende irritiert. Fürwahr aufregend ist jedoch der geschmackvolle Erotik-Touch, den Marianne Faithfull einbringt und der sich auch in den Reaktionen der Männer widerspiegelt, denen sie auf ihrer Reise begegnet. Cardiff stilisiert und ästhetisiert sie gekonnt als Lederbraut, wenngleich man ihr hin und wieder vielleicht anmerkt, nicht sonderlich viel Erfahrung als Motorradfahrerin zu haben. Der griffige, aber irreführnede deutsche Titel suggeriert einen höheren Erotikanteil, als der Film letztlich aufweist, der mit seinem Low-Budget-Genrefilm-Charme und massig Zeitkolorit aber so oder so sein Publikum findet und für sich einzunehmen versteht. Am besten im Double Feature mit „Ich – Ein Groupie“ gucken!