Review

Clint Eastwood muss nichts mehr beweisen.
Mit 73 Jahren muss man so was nicht mehr, nicht mal in Hollywood und wenn man es doch tut, dann hoffentlich weil man es noch kann und nicht, weil man es nötig hat.
Clint hat es nicht mehr nötig, aber er kann es noch.
Was genau der Grund ist, warum gleichzeitig so beeindruckt und ernüchtert aus dem Kino kommt, nachdem man "Mystic River" gesehen hat. Denn jede Medaille hat immer zwei Seiten...

Es ist schon ein beklemmendes Garn, was hier gesponnen wird, eine Geschichte vom Verlust der Jugend, von unendlichem Leid, Identitätsverlust, Schmerz und einer Katastrophe, die die nächste auslöst.
Und weil man so etwas ja in einer Art Inhaltsangabe zusammenfassen muss, erscheint "Mystic River" wie eine Kriminalgeschichte mit Rachedrama gemixt, die irgendwann auf ein Moralstück herauskommt.
Falscher könnte man gar nicht liegen.

Denn Eastwoods Letzter geht überhaupt nicht mit Moral spazieren, im Gegenteil, wenn jemand eine Moral aus dem Ganzen herausziehen will, dann kann er das problemlos, die Geschichte ist in dieser Hinsicht eindeutig. Es fehlt geradezu an plakativer Moral, nicht einmal einen Identifikationsansatz bietet das Drehbuch an. Keine zentrale Sympathiefigur, die außerhalb des Kreises steht und mit uns beobachtet; kein ein- und ausleitender Off-Kommentar, der uns bei der Hand nimmt.
Der Zuschauer ist einfach Zeuge. Dinge geschehen, Fehler werden gemacht, Menschen sterben. Die Figuren müssen damit klar kommen und wir gleichzeitig auch. Danke auch für so viel Unabhängigkeit, das wird einem selten zugestanden im modernen Hollywood.

Um so beeindruckender, wie der Film langsam aber sicher in seine tödliche Sackgasse läuft, in der alle Fäden zusammenlaufen; die Schicksale, die schon gar nicht mehr verknüpft waren aufgelöst oder neugebunden werden. Es ist grimmig, es ist traurig, es ist großes Schauspielerkino.

Und der Cast läuft zu absoluter Awardform auf, allen voran Sean Penn und Tim Robbins.
Penn, als Ex-Knacki, der für den sinnlosen Mord an seiner 19jährigen Tochter aus erster Ehe Rache will, liefert eine herzerwärmende Darstellung menschlichen Verlustschmerzes ab, die sich im Nacken festkrallt. Das bewirkt, dass uns der Tod der Tochter viel näher geht und unbehaglicher macht als die vielen anderen Toten aus Actionfilmen oder Krimis - ohne das wir das Opfer für mehr als eine Handvoll kurzer Szenen überhaupt kennen lernen.
Wenn acht Polizisten nötig sind, einen vollkommen durchgedrehten Penn davon abhalten müssen, den Fundort der Leiche zu stürmen, dann stehen die dramatischen Vorzeichen auf Sturm. Ebenso das andere Ende der Skala, wenn er im Verandagespräch mit Robbins sich zu erklären versucht, während sämtliche heraufgeschwemmten Emotionen ihn permanent übermannen.

Entgegengesetzt arbeitet da Robbins, dessen Figur Dave als Kind vier Tage entführt und missbraucht wurde und der seitdem in sich verkrochen und mit Identitätsproblemen lebt, zwar mit Frau und Kind, aber man darf vermuten, dass der eigentliche Dave nicht mehr existiert. Sein defensives Nuscheln, sein Huschen durch die Straßen, sein von unten angesetzter Blick - hier geht ein Toter durch die Straßen, es hat bloß noch niemand gemerkt. Wenn er sich seiner Frau in einem Vampir/Werwolfgleichnis offenbart, kriecht das Wesen, das von ihm übrig ist, an die Oberfläche - und es ist keinesfalls liebenswert.
Dass es anders geht, beweist er durchaus, sein Geist ist wach - die Hölle seiner zerstörten Kindheit, die in ihm tobt, treibt ihn zu einer Verzweiflungstat und die Parallelität der Ereignisse lösen eine Katastrophe aus, die sein zerrupftes Inneres nicht aufhalten kann.

Das Trio wird durch Kevin Bacon abgerundet, der sich als Polizist aus dem Städtchen zurückgezogen hat (Vorort träfe es auch ganz gut) und mit seiner Vergangenheit nichts mehr zu tun haben will. Der augenscheinliche Widerwillen lässt ihn immer wieder zögern, sein persönliches Dilemma (seine Frau ist ausgezogen, ruft ihn an, schweigt aber nur) ist ihm innerlich näher.
Dazu noch Laurence Fishburne, als traditioneller Polizist die Stimme der Vernunft; Laura Linney und Marcia Gay Harden als Penn und Robbins Ehefrauen, die ihren Teil am Geschehen haben, wenn auch indirekt.

Warum ist dann "Mystic River" aber doch nur ein sehr guter, kein meisterhafter Film?
Es liegt an Drehbuch und Regisseur und man kann beiden eigentlich nichts richtig vorwerfen.
Zum einen ist die breitwändige Detailfreudigkeit des Skripts notwendig, um so weit in die Tiefen der Charaktere vorzudringen, gerade weil es eben ein menschliches Drama ist und kein zu lösender Kriminalfall (obwohl der die treibende Rolle spielt), andererseits bedingt der kriminelle Hintergrund ein Interesse an der Aufklärung, bzw. an den Auswirkungen, die die ausufernde Erzählweise nicht tragen kann. Während also die Schicksale der Charaktere reichlich innere Spannung produzieren, kommt die äußere Spannung dadurch zu kurz.

Hier kommt nämlich Eastwoods sonst wunderbare Gelassenheit zum Tragen, dem Schicksal hier einfach seinen Lauf zu lassen. Die Katastrophe kommt, alles ist wichtig, nichts darf vergessen werden, aber in Bezug auf die äußere Dynamik der Geschichte entsteht ein Vakuum, selbst wenn man sich auf ein Charakterstück einlässt.
Noch weiter beeinträchtigt wird die Story dadurch, dass wunderbar tiefe Charaktere in einer vorausberechenbaren Handlungen stecken. Sobald der Mord an dem Mädchen geschehen ist und Tim Robbins mit Blut an den Händen in der Tür steht, ahnt man das Verhängnis, was geschehen könnte. Und so geschieht es, ohne Schlenker, ohne wirkliche Überraschungen, nur sorgfältig ausgearbeitet und präzise visualisiert.

Das führt dazu, dass, wenn der parallel ablaufende Showdown (falls man ihn so nennen will) endlich losgeht, man gewillt ist, sein unausweichliches Ende möglichst schnell herbeizuwünschen, weil dahinter endlich das Unbekannte lockt, was wir noch nicht sehen können.

Im Endeffekt kann man definitiv sagen, der Film zieht sich, zwischendurch, kurzfristig.
Nicht wie Kaugummi, aber der Pendeleffekt zwischen innerer und äußerer Dramatik und das damit verbundene Ungleichgewicht können doch für ein, zwei Blicke auf die Uhr sorgen.
Eastwood soll damit nicht der Prozess gemacht werden, denn die Art, die Geschichte zu erzählen wirkt geschlossen, wenn leider filmisch auch uneben.
So erscheint das Ende nach dem Penn/Bacon-Gespräch nach der Verhaftung der Mörder auch passender, als der verwirrend angehängte Schluss, der die Souveränität der Geschichte gegenüber den Zuschauererwartungen beweist. Laura Linney nimmt Sean Penn die Schuld an den Geschehnissen, indem sie sie indirekt an ihre Cousine weiterreicht und ihrem Mann Jimmy eine Art familiärer Absolution erteilt.

Wie überaus raffiniert und dreist dieser Schluss ist, beweist die stille Empörung, die im Zuschauer hochkocht, weil wir erwarten, dass Penn zu leiden hat. Die finale Straßenparade jedoch bezieht am Ende Position und zwar diejenigen, die schon zu Beginn der Geschichte bestanden, jedoch mit leichten Änderungen.
Hier steht das Skript ganz auf der Seite seiner Figuren und nicht auf den moralischen Erwägungen unserer Gesellschaft, die Schuld, Sühne oder Reue fordert, weil sie es vom Kino so gewohnt ist.

Eastwood ist ein sehr unabhängiges Stück Film gelungen, nicht mal alte Schule, sondern durchaus modern und auf eigenen Füßen stehend. Man muss ihn dafür loben, auch wenn man sich nicht in den Rhythmus des Ganzen einfinden kann.
Ich für meinen Teil hatte so meine Probleme, auch wenn ich den Wert des Gesamtwerks zu schätzen weiß. Entscheidet selbst! (7,5/10)

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