Erstes Ausrufezeichen in den Nullerjahren von Clint Eastwood, nach einigen von der Kritik und/oder dem Publikum ungnädig oder uninteressiert aufgenommenen Werken, nach dem kommerziell erfolgreichen, aber eher als Jux betrachteten Space Cowboys (2000), dem finanziell erfolglosen Blood Work (2002), welcher auch als reine Genrearbeit bezeichnet wurde; ab nun eine Kette von Erfolgen gänzlich unterschiedlicher Art und Weise auch, hier als Romanadaption nach Dennis Lehanes “Spur der Wölfe“, nach einer anerkannten, 2001 veröffentlichten Vorlage, und mit Starbesetzung auch. Zudem die erste Arbeit von Eastwood als Komponist, mit Unterstützung durch Bruce Ricker, wurde doch vorher meist auf Lennie Niehaus zurückgegriffen, eine Bekanntschaft seit 1953, Niehaus hörte nach Blood Work auf:
1975. Charlestown, Boston. Die irisch-amerikanischen Jimmy Markum, Sean Devine und Dave Boyle sind Kindheitsfreunde, was sich abrupt endet, als Dave in das Auto eines scheinbaren Polizisten gezwungen wird und nach 4 Tagen Missbrauch fliehen kann, alles hat sich verändert. 25 Jahre später ist Jimmy [ Sean Penn ] ein ehemaliger Sträfling und Besitzer eines kleinen Lebensmittelladens in der Nachbarschaft, Sean [ Kevin Bacon ] zusammen mit seinem Partner Detective Sergeant „Whitey“ Powers [ Laurence Fishburne ] Kriminalbeamter bei der Staatspolizei von Massachusetts, und Dave Gelegenheitsarbeiter; seine Frau Celeste [ Marcia Gay Harden ] und Jimmys zweite Ehefrau Annabeth [ Laura Linney ] sind Cousinen. Eines Nachts wird Jimmys Tochter Katie ermordet, und Dave kommt blutüberströmt und verletzt nach Hause. Die Polizisten nehmen die Ermittlungen auf, während Jimmy seine Verbindungen spielen lässt und die Savage-Brüder [ Kevin Chapman & Adam Nelson ] auf den Fall ansetzt.
Die Klänge sind leise und behutsam, die erste Kamerafahrt zögerlich und klein, ein Herabsenken des Blickes, weg vom Hintergrund auf die Personen weiter unten, und deren Blickwinkel, deren Umgebung, ein Vorortgeschehen, kein Vorhersehen, zwei Erwachsene beim Palavern, drei Heranwachsende am Spielen. Träume werden aufgegriffen, verbotenes imaginiert, auch unerlaubtes getan, zurechtgewiesen von einem Fremden, eine Drohung, ein Übergriff, der Zuschauer und der Junge weiß es schon, die Ahnung bedrohlich, es droht mehr als eine Mahnung, ein Verbrechen bahnt sich an, eine Veränderung des Zustandes, der bisherigen Friedlichkeit und Sorglosigkeit, ein Junge direkt betroffen, zwei indirekt, nicht weniger mitgenommen. In Andeutungen wird die Qual gehalten, sonst nicht ertragbar, eine Flucht, (k)ein Abschied, ein Sprung nach vorn in die Gegenwart, ein letztes Winken der Kinder war es, was der Zuschauer vorher sieht; anschließend das Verhalten der nunmehr selber Erwachsen gewordenen, manche eigene Väter, ihre Kinder im selben Alter wie damals, ein unsichtbarer Wechsel der Zeit, die Gegend noch dieselbe geblieben. Dem Vater geht es sichtlich nicht gut, das Leben auf ewig vernarbt, ewig die Schmerzen, nach innen verdeckt, nach außen trotzdem sichtbar, trotz allem arrangieren.
“Sein Vater klaubte ein paar verstreute Nägel von der Werkbank und warf sie in eine gelbe Kaffeedose. »Ich weiß, dass Jimmy Marcus dein Freund ist, aber wenn ihr künftig zusammen spielen wollt, bleibt ihr gefälligst in Sichtweite des Hauses. Und zwar unseres Hauses.« Sean nickte. Widerworte waren sinnlos, wenn sein Vater so leise und langsam wie jetzt sprach; jedes einzelne Wort kam über seine Zunge, als wäre es mit einem Kieselstein beschwert. »Haben wir uns verstanden?« Sein Vater schob die Kaffeedose zurück und warf Sean einen Blick zu. Sean nickte, während er zusah, wie sein Vater sich Sägemehl von den dicken Fingern rieb. »Für wie lange?« Sein Vater langte nach oben und zupfte ein Staubfädchen von einem Haken in der Decke. Er rollte es zwischen den Fingern hin und her, ehe er es in den Abfalleimer unter der Werkbank warf. »Eine ganze Weile, würde ich sagen. Übrigens, Sean…« »Ja, Sir?« »Komm bloß nicht auf die Idee, deswegen zu deiner Mutter zu gehen. Nach der Nummer heute ist sie ein für alle Mal bedient – sie will, dass du überhaupt nicht mehr mit Jimmy spielst.« »Er ist gar nicht so schlecht. Er…« »Das habe ich auch nicht gesagt. Aber er ist eben ein Unruhestifter, und von Unruhestiftern hat deine Mutter die Nase gestrichen voll.«“
Eine behutsame Erzählung, die Regie komplett unauffällig, sehr dezent, mit einigen größeren Bildern, erst von unten auf die Hochbrücke, später von oben herab auf die Nachbarschaft, manche sind geblieben, manche weggezogen in ein anderes Viertel, es sind die gleichen und doch andere Menschen, sie haben an Erfahrungen zugenommen, im Kern die Kinder von damals, die Erinnerungen nicht auslöschbar, nicht austauschbar, nicht abschließbar, sie gehören für immer zu einem. Die drei Charaktere werden in Augenschein genommen, mehr einzeln anfangs, dann wieder zusammen, sie führen ihr eigenes Leben, die letzten vielen Jahre zumindest. Eine blutige Heimkehr verändert alles und holt Früheres wieder hervor, der Regisseur arbeitet weiter mit Ungezeigten, mit Erzählung der Beteiligten, mit einer polizeilichen Ermittlung, mit diversen anderen Problemen, mit Vermisstenmeldungen, bei anonymen Anrufen bei den Behörden, viele Geschichten auf einmal, ohne das große Ganze aus den Augen zu verlieren, viel Milieu, viel Studie, ein riesiges Puzzle, “Fuck, man. He's in for a world of hurt.“ Alltägliches vermischt sich mit Besonderen und umgekehrt, Blicke sind ebenso entscheidend wie Worte, Polizeisirenen rauschen durch die Straßen, Suchmannschaften zu Lande und im Wasser, eine Aggression bricht aus, ein Aufruhr in den Gassen, im Park, eine gewaltsame Auseinandersetzung, viele Fragen, zu viele Antworten, Dinge, die man nicht hören und nicht erleben und glauben will, nur Einer ist beruflich vor Ort, der Rest persönlich betroffen.
Darstellerisch vorzüglich, jeder Dialog auf den Punkt, auch von den Nebenakteuren, Informationen alle wichtig, oft zum falschen Zeitpunkt, ein Drama, ein Police Procedural, die meiste Kollaboration und Kommunikation zwischen Bacon und Fishburne, der Rest oft im Schweigen, die Häuser sind voll, manche Zimmer sind leer und verlassen, das Schicksal hat erneut zugeschlagen, Wunden und Verletzungen verbreitend. Sätze und Taten sind manchmal widersprechend, sie sind menschlich, sie stehen nicht vereinzelt im Raum, Pläne wurden und werden gemacht, sie werden vereitelt. Viele Leute erschrecken sich vor der Ankunft oder der Anwesenheit anderer, dennoch möchte man nicht alleine sein, es werden Gefühle aufgewühlt und aufgewacht und unterdrückt, es werden Geheimnisse zurückgehalten, Erinnerungen erweitert und erweckt.
“Als Jimmy aufblickte, sah er, dass Dave wieder hinter dem Fenster stand und zu ihm heruntersah; das Zimmer war jetzt von gedämpftem gelben Licht erhellt. Diesmal machte sich Jimmy nicht die Mühe zu winken. Nun, da Polizei und Reporter fort und alle derart mit Feiern beschäftigt waren, dass sich niemand mehr erinnern konnte, warum überhaupt gefeiert wurde, begriff Jimmy, wie Dave sich dort oben in der Wohnung fühlen musste, allein bis auf seine verrückte Mutter, umgeben von braunen Wänden und trübem gelben Licht, während unten auf der Straße die Post abging. Und da war er wieder gottfroh, dass er nicht in das Auto gestiegen war. Einen Schaden fürs Leben. Das hatte sein Vater am Abend zuvor zu seiner Mutter gesagt: »Selbst wenn sie ihn lebend finden, hat der Junge einen Schaden fürs Leben. Davon wird er sich nie wieder erholen.« Dave hob eine Hand. Er hielt sie in Schulterhöhe und verharrte so eine kleine Ewigkeit, und als Jimmy ihm winkte, spürte er, wie sich eine ungekannte Traurigkeit in kleinen Wellen bis in sein tiefstes Inneres ausbreitete. Er wusste nicht, ob diese Traurigkeit etwas mit seinem Vater, seiner Mutter, Miss Powell, ihrem Viertel oder mit Dave zu tun hatte, der unablässig weiter die Hand hochhielt, doch was auch immer sie ausgelöst hatte – eins von alldem oder alles zusammen –, sie würde für immer in ihm bleiben. Jimmy war elf Jahre alt, aber er fühlte sich viel älter. Steinalt. So alt wie seine Eltern, so alt wie die Straße, in der er lebte. Einen Schaden fürs Leben, dachte Jimmy und nahm seine Hand herunter. Er sah, wie Dave ihm zunickte und dann die Jalousie herabließ, um sich wieder in die totenstille Wohnung mit den braunen Wänden und den tickenden Uhren zurückzuziehen, und Jimmy spürte, wie sich die Traurigkeit weiter in ihm ausdehnte, sich in seinem Innern einnistete wie in einem Kokon, doch er versuchte nicht einmal, gegen sie anzukämpfen, da er wusste, dass es ohnehin zwecklos war.“
Das alte Trauma nie verarbeitet, ein neues Trauma hergestellt, Vorahnungen, Verzahnungen, Verwarnungen, Verwandte, Verwaltung, Bacon als Mittelpunkt des Geschehens, aufgrund der Befragungen, der Recherchen, es wird sich auch ausführlich um die Anderen gekümmert, ein Schwur, ein Fluch, ein Zweifel, ein Zwiespalt, Ruhe wird gesucht und ein Mörder, eine Deadline aufgestellt, ein altes Verbrechen aufgearbeitet, ein Zusammenhang oder auch nicht hergestellt, “to think about things“. Ein ständig schmaler Grat hier, ein ständig wachsender Graben, es werden andere und vor allem auch sich selber infrage gestellt. Ein psychologischer Thriller, eine störende Stille, trotz vieler Sätze kaum Geräusche, der Zuschauer weiß so viel wie der Rest, er wird permanent an der kurzen Leine gehalten, mitgenommen auf die Reise, in den Mystic River, in die Wahrnehmung und die Vorstellung. Dann steigt wieder jemand in das Auto eines anderen, mehr gezwungen als gewollt.