Review

Aufs Neue ohne Reue


Wo Tom Clancy drauf steht, ist auch Tom Clancy drin. Das gilt auch noch Jahre nach seinem Tod und dann, wenn von seinem Roman nur noch Fragmente übrig sind. Aktuell aufgrund pandemischer Umstände als TOM CLANCY´S WITHOUT REMORSE nicht im Lichtspielhaus, sondern beim Streamingriesen ihres Vertrauens zu begutachten. Sicherheitshalber hat man also den Namen des Autors gleich mit geliefert, nur damit keine Missverständnisse oder irrigen Annahmen aufkommen.

Die Romanvorlage stammt aus dem Jahr 1993 und spielt im Jack Ryan-Universe. Ja, der CIA-Agent, der regelmäßig vom Schreibtisch an die Front wechselt und dabei sämtlichen Veteranen eine lange Nase zeigt. Im Kino durften schon vier recht namhafte Darsteller (Alec Baldwin, Ben Affleck, Chris Pine und der doppelte Harrison Ford) fünf Mal sehr gründlich aufräumen, wobei der Mist fast immer in den eigenen Reihen zu finden war. Dort, dafür muss man kein Hellseher sein, wird auch John Kelly die bleihaltige Mistgabel schwingen müssen, respektive dürfen, aber das tut dem Spaß keinen Abbruch.

John (Michael B. Jordan) ist praktisch der umgekehrte Jack, soll heißen erst kommt die Front, dann der Schreibtisch. So lernen wir ihn als toughen Navy SEAL im umkämpften Aleppo kennen. Die Mission zur Befreiung eines CIA-Agenten stinkt bereits vor Ort, denn die Geiselnehmer sind in Wahrheit russische Militärs. Der begleitende CIA-Mann John Ritter (Jamie Bell) scheint wenig überrascht und damit sofort zwielichtig. Als wenig später diverse Mitglieder der Mission auf heimischem Boden von russischen FSB-Agenten ermordet werden, sieht der gerade noch so davon gekommene Kelly rot.

Dass der gute John diesem bösen Rachetrieb nachgehen darf, verdankt er lediglich der Fürsprache seiner direkten Vorgesetzten Karen Greer (Jodie Turner-Smith) und dem Umstand, dass Verteidigungsminister Thomas Clay (Guy Pearce) die Gewitterwolken eines neuen kalten Krieges heraufziehen sieht. Und so fliegen Kelly, Greer, Ritter und ein paar grimmige Ledernacken via Leipzig nach Murmansk, um das dortige Verschwörernest endgültig auszuheben. Sollte John dieses Himmelfahrtskommando überstehen, dürfte der Wechsel vom Tarn- zum Büroanzug reine Formsache sein. Nicht dass der Film so etwas auch nur andeuten würde, aber wir kennen schließlich unseren John, also den Clancy, nicht den Kelly.

Wem jetzt die Platitüden-Halsschlagader schwillt, dem sei mit einer anderen ein kleiner Senker verabreicht: Der Weg ist das Ziel. Ja, wir wissen wie das ausgehen wird. Ja, wir sehen schon am Casting, wer da seine schmutzigen Finger erst Mal in Unschuld wäscht und ja, das US-Militär wird den Film bestimmt nicht als Nestbeschmutzung missverstehen. Dass wir uns dennoch nicht langweilen, verdanken wir dem dynamischen Duo Taylor Sheridan (SICARIO, WIND RIVER) und Stafano Sollima (GOMORRAH, SUBURRA, SICARIO 2). Beide haben als Autoren und Regisseure schon mehrfach bewiesen, dass man auf so ausgetrampelten Pfaden wie Drogen-, Mafia- und Crime-Thriller noch sehr abwechslungsreiche und schweißtreibende Trips veranstalten kann. Dasselbe gelingt ihnen nun auch in US-Uniform.

Mission, Verlauf und Ende mögen gängigen Erwartungen entsprechen, die jeweiligen Details aber nicht unbedingt. Ein unkonventionelles Verhör, ein sich überraschend entwickelnder Gefängnisaufenthalt und ein turbulenter Flug über die Ostsee sorgen für ordentlich Abwechslung im grauen CIA-Thriller-Alltag. Eine schöne Visitenkarte übrigens auch für die Babelsberger Filmstudios, in denen das Gros der Innen- wie Außenaufnahmen entstand. Es wird also was geboten fürs Auge. Großen Anteil daran hat auch Philippe Rousselot. Der französische Kameramannn zeigt mal wieder sein besonders Auge für Licht und Beleuchtung, was hier vor allem für Düsternis und Bedrohung steht, im Filmkritiker-Jargon auch gern als atmosphärisch umschrieben.

Kurz und trocken, man kann also durchaus seinen Spaß haben an diesem knackigen Action-Thriller mit politisch-militärischem Unterbau. Dafür steht nicht zuletzt die Besetzung. Michael B. Jordan wirft die nötige Physis und Präsenz in den (vertrauten) Ring, Jamie Bell und Guy Pearce sorgen für ausgleichende Skepsis und Ambivalenz und Jodie Turner-Smith rundet mit Würde und Stil ab. Gegen ein Wiedersehen ist also bestimmt nichts einzuwenden und natürlich riecht das Ganze schwer nach Sequel, oder vielleicht auch gleich Serie? Dem Ryan Jack hat man ja bereits eine spendiert, warum soll der Kelly John da nachstehen? Schließlich stammt man nicht nur aus derselben Feder, man läuft auch für denselben Streaming-Stall. Und Stallgeruch ist in diesem Fall ohnehin nicht verhandelbar, es steht Tom Clancy drauf.

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