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„Das ist jetzt unsere Leiche!“

Der vierzehnte „Tatort“ um den Hamburger BKA-Ermittler Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) – der achte für seine Kollegin Julia Grosz (Franziska Weisz) – wurde Ende 2019 gedreht und am 24.01.2021 erstausgestrahlt. Regisseur Lars Henning, der im Jahre 2018 bereits mit dem „Tatort: Der Turm“ innerhalb der öffentlich-rechtlichen Krimireihe in Erscheinung getreten war, verfilmte ein Drehbuch David Sandreuters nach einer Idee Arne Noltings und Jan Martin Scharfs.

„Die scheißen auf den Naturschutz!“

Bundespolizist Thorsten Falke wird von einer ehemaligen Freundin, mit der er einst eine kurze Liebschaft hatte, um Hilfe gebeten: Es handelt sich um die Journalistin Imke Leopold (Franziska Hartmann), die ihre Kindheit auf der Nordseeinsel Norderney verbracht hat und nun, nach sie an ihre Belastungsgrenze und darüber hinaus führenden Außeneinsätzen u.a. in Kriegsgebieten, aufs Eiland zurückgekehrt und prompt schmutzigen Immobiliengeschäften auf der Spur ist. Doch niemand glaube ihr, sie werde sogar anonym bedroht. Falke jedoch zieht es zunächst einmal zum Geburtstag seines Sohns, wo er aber nicht sonderlich willkommen ist. Als Imke ihn verstört anruft und berichtet, gerade überfallen und gewürgt worden zu sein, reisen Falke und Kollegin Grosz nach Norderney. Gemeinsam mit Imke will man den Vorfällen auf den Grund gehen, findet jedoch als erstes Imkes Quelle, einen Anwalt und Immobilienmakler, tot in seinem Haus auf…

„Also ich find’s gemütlich hier.“

Henning lässt diesen „Tatort“ wie eine großangelegte Kinoproduktion mit imposanten Bildern und einem an klassisches Spannungskino erinnernden, dramatischen Orchester-Soundtrack beginnen, der eigens für diese Episode von der NDR-Philharmonie eingespielt wurde. Das schürt die Erwartungshaltung an diesen Fall, der mit spröden, faszinierenden Bildern des herbstlich-rauen Norderneys eine beeindruckende Atmosphäre schafft und ebenso nordisch unterkühlt wie melancholisch seine Geschichte erzählt: von Inselintrigen und Gentrifizierung, Ferienwohnungsbau trotz Wohnungsnot, rücksichtslosen Investor(inn)en und einem mit sehr selektiver Wahrnehmung ausgestatteten Bürgermeister. Aber auch von einer dreadgelockten Frau mit Mikropony, offenbar eine „Alternative“, die auf Norderney unbeliebt ist und trotzdem zur Femme fatale für manch Insulaner wird. Die mit der Flinte Kaninchen schießt und ihnen eigenhändig das Fell abzieht (die Kamera hält drauf…), die Verschwörungen wittert und die möglicherweise nicht immer ganz Frau ihrer Sinne ist.

„Diese Frau macht einfach immer und überall Probleme!“

Dass mit der (sich in einer Szene arg selbstzweckhaft oben ohne zeigenden) Journalistin etwas nicht so ganz stimmt und ihre Aussagen mit Vorsicht zu genießen sind, bestätigt die immer mehr zum Psychogramm werdende Handlung, riecht man der steifen Nordseebrise zum Trotz aber bereits zehn Meter gegen den Wind. Insofern ist es womöglich nicht die klügste Entscheidung gewesen, dramaturgisch auf ein Whodunit? zu setzen, zumal das arg gedrosselte Erzähltempo ohnehin lieber die Landschaftsaufnahmen auskostet als mal in die Vollen zu gehen. Dramaturgisch kommt dieser „Tatort“ außer zu Beginn und im Finale leider nie aus dem Quark. Der Aufhänger um die Gentrifizierung der Insel verkommt schnell zum reinen Beiwerk, das zu stören beginnt, wenn die Handlung es trotzdem immer wieder aufgreift. Im Dreiecksbeziehungsgeflecht der Figuren Falke, Grosz und Imke bleibt vieles unausgesprochen, was seinen Reiz hat, diesen unfokussiert erscheinenden „Tatort“ aber auch nicht über die Zeit rettet.

Das Finale hätte die Chance für nervenaufreibende Spannung und spektakuläre Rettungseinsatzszenen geboten, beschränkt seine Expressivität jedoch auf die letzten Interaktionen der beiden Hauptfiguren miteinander und lässt den Rest außerhalb des Bilds bzw. innerhalb eines Zeitsprungs geschehen. Ob es dem eigentlich so gewichtigen Thema der Gentrifizierung angemessen ist, damit verbundene unlautere Vorgänge als Hirngespinste einer durchgeknallten Frau darzustellen, die – natürlich – optisch an alternative Milieus erinnert, sei einmal dahingestellt. Böses unterstellen möchte ich an dieser Stelle indes nicht, wenngleich es mitunter verdächtig nach Diskreditierung eines bestimmten Menschenschlags riecht und die psychologischen Erklärungsversuche halbherzig bleiben. Fazit: Tolle Bilder von Insel und Meer, Spitzenmusik und ein gut aufgelegtes Ensemble (Hartmann spielt gut und die irgendwie gestörte Chemie zwischen Falke und Grosz, die zum Konzept dieser Reihe gehört, tritt hier wieder deutlicher hervor) auf der Habenseite – die jedoch unter einer schwachen Handlung und einer Inszenierung, die dramaturgisch einem Schlag ins Wasser gleicht, leidet.

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