Der Tag begann schon nicht besonders gut, als Polizist und Familienvater Martín (Javier Gutiérrez) eine seiner beiden Töchter abliefern wollte und dabei im strömenden Regen mit einer Reifenpanne liegenblieb, aber als er nach eigenhändiger Behebung derselben in seiner Dienststelle erscheint, wartet die nächste Überraschung auf ihn: Er muß aushilfsweise einen Gefangenentransporter fahren, in dem ein halbes Dutzend schwere Jungs verlegt werden sollen. Ihm zur Seite steht der routinierte Montesinos (Isak Férriz), ein im Gegensatz zum ruhigen Martín heißblütiger Cop, der den Gefangenen auch gern demonstriert, wer hier Herr im Haus ist. Mit zwei weiteren Kollegen in einem Begleitfahrzeug voraus setzt sich der Truck dann spätabends in einer winterlich verschneiten spanischen Ortschaft in Bewegung. Auf einem nebligen Waldweg verliert Martín dann das vorausfahrende Fahrzeug aus den Augen, und die Kollegen melden sich auch nicht über Funk. Schlimmer noch, Unbekannte habe eine Nagelkette über die Straße gelegt, in die Martín im Nebel hineinrauscht, was den Truck erst einmal zum Stehen bringt. Unter den (sehr unterschiedlichen) Gefangenen bricht Unruhe aus: Hat einer von ihnen etwa eine Befreiungsaktion organisiert? Ein gesichtstätowierter Finsterling, den alle nur "den Rumänen" nennen, macht diesbezügliche Andeutungen. Wird er die anderen "mitnehmen"? Montesinos, im hinteren Teil des Trucks bei den Zellen, hat alle Hände voll zu tun, die Leute zu beruhigen. Doch dann muß er die Lage draußen checken...
Mit Bajocero, zu deutsch Unter Null (englischer Titel Below Zero) spielt der spanische Krimi von Regisseur Lluís Quílez zwar auf die vorherrschenden eisigen Temperaturen an, bietet abseits dieser Rahmenbedingung jedoch vor allem einen spannenden Psycho-Thriller, der gekonnt mit der Interaktion der vollkommen verschieden ambitionierten Charaktäre in dieser undurchsichtigen Zwangslage spielt: Ein älterer Aktienbetrüger, ein fast noch jugendlicher Gewalttäter, ein Intellektueller, ein hartgesottener Killer und andere versuchen, den aufbrausenden Montesinos zu provozieren, während der eher bedächtige Martín vorne im Führerhaus die Ruhe bewahren will - sie alle jedoch eint die Sorge und Ungewissheit darüber, was eigentlich wirklich passiert ist, und als sich der Gegner draußen, der die Lage absolut im Griff zu haben scheint, endlich zu erkennen gibt, müssen wechselnde Allianzen geschmiedet werden - ein turbulenter Kampf ums Überleben beginnt...
Trotz aller Spannung und realistischer Dramatik hat das Drehbuch leider einige Umstände zu berücksichtigen vergessen, die einem mit der Zeit trotz des flotten Erzähltempos auffallen - Umstände, die man bei sorgfältigerer Planung hätte vermeiden oder zumindest umgehen können. Dies bedeutet für Bajocero leider Punktabzug, denn daß eine einfache Nagelkette die Reifen eines schweren, gepanzerten Polizeifahrzeugs platt macht, wirkt etwas unglaubwürdig, genauso wie die Reparatur derselben etwas später, die zu mühelos vonstatten geht. Auch daß bei einem Gefangenentransport nicht ständiger Funkkontakt zur Zentrale besteht, daß überhaupt viel zu spät Alarm geschlagen wird und das fast schon sorglose Vorgehen Montesinos´ (der ohne gezogene Waffe aussteigt) wirkt wenig vorbildgerecht und ist sicher auch in Spanien gegen sämtliche polizeilichen Vorschriften. Später wird dann auch noch die Physik außer Kraft gesetzt, wenn aus einer Luftblase heraus eine Luke gegen den Wasserdruck geöffnet werden soll, wie überhaupt die titelgebenden eisigen Temperaturen den Darstellern gar nichts mehr auszumachen scheinen. Doch daß diese - neben einigen weiteren Ungereimtheiten - nie die Handlung ernsthaft stören oder gar unterbrechen können, spricht für den Sog, den der Film auf den Betrachter ausübt. Am Ende gibt es noch einen Plot Twist, dem dann ein unerwarteter, grandioser Showdown folgt...
Insgesamt ist Bajocero eine höchst spannende Angelegenheit, die sich zunächst entfernt an den 1997er Con Air (freilich ohne dessen komödiantische Einlagen) anlehnt, um später in ein rasantes Psycho-Triell zu münden. Die erwähnten, ärgerlichen Fehler verhindern zwar eine höhere Wertung, davon abgesehen ist der Film jedoch absolut empfehlenswert: 8,49 Punkte.