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„Wir werden ständig beschimpft, bespuckt, bedroht!“

Dem elften „Tatort“ des Dresdner Ermittlungsteams um Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach), seit fünf Episoden hauptamtlich aus den Kommissarinnen Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) bestehend, liegt ein Drehbuch Christoph Busches zugrunde, mit dessen Inszenierung die Regisseurin Isabel Braak („Plötzlich Türke“) innerhalb der öffentlich-rechtlichen Krimireihe debütierte. Der im Frühjahr 2020 gedrehte Fall spielt im Milieu von Rettungssanitäterinnen und -sanitätern und wurde am 7. Februar 2021 erstausgestrahlt.

„Wir sind da inzwischen Blitzableiter für jedweden Frust!“

Rettungssanitäter Tarik Wasir (Zejhun Demirov, „Little Thirteen“), der als syrischer Flüchtling nach Deutschland gekommen war, wird während eines Einsatzes am Elbufer mittels Elektroschocker, Kabelbinder und einer Plastiktüte im Wagen sitzend erstickt. Seine Kollegin Greta Blaschke (Luise Aschenbrenner, „Hanne“) hatte währenddessen mit einer verwirrten, obdachlosen Frau gesprochen, die den Einsatz ausgelöst hatte. Die Kommissarinnen Karin Gorniak und Leonie Winkler übernehmen die Ermittlungen, in deren Verlauf sowohl ein ausländerfeindliches Motiv in Betracht gezogen als auch unter Sanitäterinnen und Sanitätern sowie in deren direktem Umfeld ermittelt wird. Ersteres scheint auszuscheiden, als ein weiterer Sanitäter einen Einsatz mit seinem Leben bezahlen muss. Man sei ständig Anfeindungen bis hin zu Übergriffen ausgeliefert, wissen die Sanitäterinnen und Sanitäter zu berichten, doch diese Dimension der Gewalt ist neu. Die Situation belastet die Einsatzkräfte nicht nur psychisch, die Gefahr scheint handfest. Kommissariatsleiter Schnabel verordnet Polizeischutz, während man ein besonderes Augenmerk sowohl auf den zu Aggressionen neigenden Berufssoldaten Arnold Liebig (Jochen Strodthoff, „Fack ju Göhte“) als auch den sich verdächtig verhaltenden Sanitäter Rigmers (Matthias Kelle, „Lang lebe die Königin“) richtet…

„Für die Junkies sind wir doch ’ne rollende Apotheke!“

Wenn dieser „Tatort“ seine Geschichte zu erzählen beginnt, ist der Mord bereits geschehen und die Leiche aufgefunden worden. Die Ereignisse zuvor werden im Gespräch mit Greta Blaschke, der Kollegin des Toten, erörtert und in Form einer kommentierten Rückblende visualisiert – ein Stilmittel, das Regisseurin Braak wiederholt aufgreifen wird. „Rettung so nah“ wirft ein Schlaglicht auf die unwirtliche Situation von Rettungskräften im Allgemeinen und schärft das Bewusstsein für diesen Berufsstand sowie die speziellen Herausforderungen, die dieser mit sich bringt. Sich beschimpfen, bedrohen und körperlich angreifen zu lassen, sollte eigentlich nicht dazuzählen, gehört aber, darf man entsprechenden Pressemeldungen Glauben schenken, längst zum Alltag von Sanitäterinnen und Sanitätern – und zwar anscheinend nicht nur durch betrunkene oder drogenvernebelte Klientel. Eine besorgniserregende Entwicklung, für die dieser „Tatort“ sensibilisiert – ohne jedoch das Rettungspersonal zu glorifizieren.

„Mit Waffe würde ich mich hier auf jeden Fall sicherer fühlen!“

Dieses wird durchaus ambivalent dargestellt; so wird sich illegal an Medikamenten bedient oder zur Selbstverteidigung zur Schusswaffe gegriffen. Im Speziellen folgt die Handlung Greta Blaschke, die befürchten muss, das nächste Opfer des Mörders zu werden. Man zeigt die alleinerziehende Mutter privat mit ihrer kleinen Tochter, beim Entspannungs-Joint und beim Versuch, mit jemandem aus der Nachbarschaft (Golo Euler, „Tatort: Im Schmerz geboren“) eine leidenschaftliche Nacht zu verbringen. Weiß sie mehr, als sie sagt? Luise Aschenbrenner ist die schauspielerische Entdeckung dieser Produktion: Pausbackig und mit müdem bis traurigem Blick spielt sie eine junge Frau, die aufgrund ihres Berufs psychisch schneller zu altern scheint als körperlich. Ohne zu wissen, was es ist, merkt man ihr an, dass sie eine zentnerschwere Last mit sich herumschleppt. Seit 2014 ist Aschenbrenner immer mal wieder im TV zu sehen, vor dieser sogar bereits in zwei anderen „Tatort“-Episoden – und hoffentlich nicht zum letzten Mal.

Obwohl während des ersten Covid-19-Pandemie-bedingten Shutdowns gedreht, grassiert gemäß Drehbuch eine Grippewelle in der Stadt, die insbesondere Gorniak zu schaffen macht. Dennoch sprechen sie und Winkler sich in aller Kürze aus, und auch ihr Vorgesetzter Schnabel ist mittlerweile weit von der konservativen Witzfigur, die die Rolle in den ersten Episoden zumindest zeitweise darstellte, entfernt. Das Dresdner Trio ist zu einem sehr funktionalen Team zusammengewachsen. Die mehrere Verdächtige einführende Handlung übertreibt es in Einzelszenen, beispielsweise mit dem unvermittelten Ableben einer dieser Figuren. Auch die Szene, in der Vermummte, die offenbar Dresdner Ultras darstellen sollen, auf vollkommen sinnlose und idiotische Weise einen Sanitäter angreifen, bereitet mir ein wenig Kopfschmerzen: Einerseits wird dadurch endlich einmal ganz konkret gezeigt, worüber die Rettungskräfte zuvor nur redeten, andererseits drohen derartige Momente in TV-Produktionen mit der Reichweite eines „Tatorts“ auch stets, ein gesellschaftliches Zerrbild gewalttätiger, krimineller und völlig durchgeknallter Fußballfans zu zementieren. Nichtsdestotrotz ist die eskalative Zuspitzung, die sich aus dieser Szene ergibt, überaus effektiv. Mitunter mäandert man aber auch etwas ereignisarm vor sich hin, bis im letzten Drittel mit einer nahegehenden Hintergrundgeschichte um einen Kindstod Dramaturgie und Tragik gleichermaßen hochgeschraubt werden.

Dazu passt dann auch die ungemütliche, insbesondere in Gretas Szenen melancholische bis bedrückende Atmosphäre, die zu erzeugen die basslastigen Elektroklänge des Duos Dürbeck & Dohmen sich als hilfreich erweisen. Der „Tatort: Rettung so nah“ entpuppt sich als gelungene Mischung aus klassischem Whodunit?-Krimi und Milieu- bzw. Berufsgruppenporträt mit starker dramatischer Note und sowohl einer sozialen Botschaft als auch nicht ganz leicht zu beantwortenden Fragen nach Schuld, Sühne und Akzeptanz sowie Verarbeitung tragischer Unglücksfälle. Damit dürfte Busche, Braak und ihrem Team das Kunststück geglückt sein, sowohl ein konservatives „Tatort“-Publikum zu befriedigen als auch diejenigen zufrieden zu stellen, die soziale Missstände aufgegriffen wissen und neben polizeilicher Entwicklungsarbeit interessante Figuren zu sehen bekommen wollen.

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