GODZILLA No. 24
GODZILLA VS. MEGAGUIRUS
(GOJIRA TAI MEGAGIRASU: JÎ SHÔMETSU SAKUSEN)
Masaaki Tezuka, Japan 2000
Vorsicht – das folgende Review enthält SPOILER!
Kaum war ein Jahr nach seiner letzten Vorstellung vergangen, da gab es schon wieder Arbeit für den Großen Grünen aus dem Hause Tōhō: Godzilla vs. Megaguirus ist der zweite Film seiner sogenannten Millennium-Reihe, für die es nach dem holprigen und seltsam identitätsarmen Auftaktstreifen Godzilla 2000: Millennium galt, etwas mehr Charakter und Energie zu entwickeln, um ihren Helden unfallfrei ins neue Jahrtausend führen zu können. In meinen Augen ist das mit dem vorliegenden Kaijū-Eiga-Regiedebüt Masaaki Tezukas jedoch nur bedingt geglückt, denn etwas Bleibendes wollte es nicht hinterlassen – Godzilla vs. Megaguirus (Originaltitel Gojira tai Megagirasu: Jî shômetsu sakusen, also in etwa „Godzilla gegen Megagiras: G-Vernichtungs-Strategie“) war für mich eine der obskursten Veranstaltungen in der Geschichte des japanischen Vorzeigemonsters. Es wurde also höchste Zeit, hier wieder einmal vorbeizuschauen.
Wir erinnern uns: Die Millennium-Reihe wurde als Abfolge von Reboots konzipiert, sprich all ihre Filme sollten unmittelbar an die Ereignisse in Ishirô Hondas Ur-Godzilla anknüpfen. Also knüpft auch Godzilla vs. Megaguirus brav dort an. Anders als beim Vorgänger Godzilla 2000: Millennium werden wir aber freundlicherweise darüber informiert, was seitdem geschah, während wir (teilweise miserabel auf „alt“ getrickste) „dokumentarische“ Bilder sehen: Tokio wurde dereinst so stark zerstört, dass es vorerst nicht mehr für Größeres zu gebrauchen war, und so erklärte die Regierung im Jahre 1956 Osaka zur japanischen Hauptstadt. 1966 kam es zu einer weiteren Katastrophe – Godzilla kreuzte unerwartet auf und zerstörte das Atomkraftwerk Tōkai. Die Folgen waren verheerend, weshalb sich die Japaner ernsthafte Gedanken über die Zukunft ihrer Energiegewinnung machten und beschlossen, die Nutzung von Atomkraft umgehend einzustellen. Zu groß erschien die Gefahr, dass Godzilla von weiteren Reaktoren angezogen wird. Dreißig Jahre später ist dank irgendeines Plasmas der endgültige Durchbruch bei der Erzeugung sauberer Energie gelungen und alle könnten glücklich und zufrieden sein – wenn da nicht immer noch dieses nervende Monster wäre.
Und das schaut nun just in der Hauptstadt Osaka vorbei und beginnt damit, Häuser und ganze Straßenzüge zu zertrümmern. Aber man ist vorbereitet und stellt ihm eine ungefähr 15 Mitglieder starke (!!) Spezialeinheit entgegen, zu der auch die junge Soldatin Kiriko Tsujimori gehört. Natürlich stehen die Spezialisten gegen das Monster, das sich gemeinhin selbst von der vollständig angetretenen japanischen Armee nicht in seinem Tatendrang einschränken lässt, auf verlorenem Posten. Ein schneller Rückzug ist angezeigt, aber Kiriko möchte noch ein wenig die Heldin spielen und Godzilla mit einer Panzerfaust stoppen. Ob man darin eher gegenstandslosen Optimismus oder eine wahnhafte Fehlinterpretation der Lage sieht, ist egal – auf jeden Fall kostet dieser Kampfeswille ihren Kommandeur das Leben, weil er ein Stück Hochhaus auf den Kopf bekommt. Kiriko schwört Rache. So weit die Vorgeschichte. Titeleinblendung.
Im Osaka der Gegenwart (die Schäden des gerade geschilderten Monsterbesuchs scheinen behoben zu sein) begegnen wir Kiriko Tsujimori wieder. Sie ist nunmehr Mitglied der innerhalb des Verteidigungsministeriums hoch angebundenen „Anti-G“-Spezialeinheit und leitet als „Major im dritten Rang“ eine Gruppe von Leuten, die unter der Bezeichnung „G-Grasper“ firmieren. In dieser Funktion rekrutiert sie gerade den außergewöhnlich begabten jungen Wissenschaftler Hajime Kudo, der geniale Mikromaschinen bauen kann und bei seinem derzeitigen Job in einem Elektrozubehörgeschäft geistig nicht wirklich herausgefordert wird. Kudo sagt gern zu und ist sehr erfreut, als er im Gebäude der Anti-G-Spezialeinheit seine ehemalige Dozentin Yoshino Yoshizawa wiedertrifft. Die läuft dort freilich nicht einfach nur durch die Gegend, sondern ist hauptverantwortlich für den neuesten und ultimativen Godzillabekämpfungsplan – und zwar den „Micro-Black-Hole“-Godzillabekämpfungsplan. Aber von wegen „micro“: Man will ein Schwarzes Loch mit etwa zwei Meter Durchmesser (!!) erzeugen beziehungsweise, noch schlimmer, ein Schwarzes Loch erzeugen und dann auf zwei Meter Durchmesser verkleinern (liebe Leute, wisst ihr auch nur annähernd, wovon ihr redet ...??), um es hernach auf Godzilla abzuschießen, damit das Monster von ihm eingesaugt wird. (Und dann? Was dann??) Idealerweise soll der Abschuss schön weit draußen im Weltall, also vermittelst eines Satelliten erfolgen. Klingt wirklich toll ... und man arbeitet mit Hochdruck an der benötigten Ausrüstung.
Drei Monate später ist man schließlich so weit, dass ein erster Test stattfinden kann. Als unschuldiges Opfer wurde ein leer stehendes (also hoffentlich nicht mehr benötigtes) Schulgebäude in Shirabu in der Yamanashi-Präfektur auserkoren. Als die „Black-Hole-Kanone“ abgefeuert wird, fliegt zwar das Schulgebäude spektakulär in die Luft oder besser ins Loch, aber dann ist da auch noch eine seltsame Luftspiegelung zu sehen („Das Experiment hat die Dimension verzerrt“, meint Kudo). Diese Erscheinung verschwindet jedoch schnell wieder, und zurück bleibt nur ein riesiger Krater. Und das Schwarze Loch? Wo zum Kuckuck ist das Schwarze Loch?? Nun, es ist und bleibt verschwunden, und kein Mensch mag darauf hinweisen, dass jemand, der etwas verschlingt, eigentlich zunehmen und nicht verschwinden sollte. Aber gut, wir werden einen Kaijū Eiga natürlich nicht mit kleinlicher Physik festnageln.
Weiter geht’s, und zwar mit einem ... etwa sechsjährigen Jungen (arrrgh!) namens Jun. Der hat die Schulgebäudeauslöschung beobachtet und streunt des Nachts, als er von unheimlichen Lichtern und dem Schatten einer Drei-Meter-Libelle erschreckt wird, noch einmal in der Gegend rund um den Krater herum (klar, genau das macht man als Sechsjähriger in so einem Fall ...). Dabei findet er ein etwa wasserballgroßes und auch sonst sehr merkwürdiges bläuliches Ei und hat natürlich nichts Besseres zu tun, als es mit nach Hause zu nehmen und zu verstecken. Als seine Familie kurz darauf nach Tokio umzieht, geht auch das Ei mit auf die Reise, aber in der einstigen Hauptstadt muss der Junge feststellen, dass der Umzugskarton mit seinem geheimnisvollen Fund völlig durchnässt ist – offensichtlich entweicht ihm Wasser oder etwas anderes, von dem man gar nicht wissen möchte, was es ist. Ergo: Das Ei muss weg. Aber wohin damit? Es in der belebten Stadt loszuwerden, stellt sich als schwierig heraus, und so ist Jun froh, als er es schließlich unerkannt in einen Kanalschacht befördern kann. Dort unten aber, in der Kanalisation, wächst nun Grausiges heran ...
Was genau das ist, erfährt bald darauf ein junges Pärchen, das abends in den belebten Straßen von Shibuya unterwegs ist und sich zum Biertrinken in eine stille Hinterhofecke zurückzieht: Die beiden Verliebten werden blutig von einem Rieseninsekt dahingemeuchelt!
Kurz darauf analysieren die Wissenschaftler in der Anti-G-Zentrale eine seltsame Infrarotaufnahme, die darauf hindeutet, dass Godzillas Atemstrahl irgendetwas, möglicherweise ein riesiges Insekt, in der Luft geröstet hat. Auf geht’s zum Tatort, sprich mit dem selbstredend von Tsujimori gesteuerten Spezial-Kampfjet „Gryphon“ hinaus aufs offene Meer. (So wie sich Tsujimori inzwischen benimmt, möchte ich sie übrigens nicht mehr beim Vornamen nennen.) Tatsächlich schwimmt dort draußen eine Riesenlibellenleiche im Wasser, weshalb ein Schlauchboot abgeworfen wird, zu dem sich Tsujimori und einer ihrer Mitstreiter anschließend abseilen – eine ebenso mutige wie dumme Aktion, denn es ist sehr wohl damit zu rechnen, dass sich Godzilla in dieser Gegend herumtreibt, und da ist man in einem Schlauchboot eher suboptimal aufgehoben. Richtig gerechnet: Schon taucht Godzilla auf! Tsujimori, ganz Heldin, sorgt dafür, dass ihr Kollege wieder zurück in den „Gryphon“ gezogen wird, klettert auf Godzilla Rücken, bringt einen Peilsender an, springt ins Wasser und ruft dem friedlich davonschwimmenden Monster hinterher: „Du entkommst mir nicht!“ (Tsujimori kann es einfach nicht lassen, Gefahrensituation sehr eigenwillig zu interpretieren – zehn Meter hinter Godzilla im Meer herumschwimmend sollte sie eigentlich dringend an ihr eigenes Entkommen denken.)
Anderenorts ist derweil die „Dimension Tide“, sprich die hauptverantwortlich von Kudo zusammengebastelte Antigodzillaschwarzlochkanone fertig gestellt und ins Weltall geschossen worden. Bevor es ans Schwarzlocherzeugen geht, erzählt uns und den G-Graspern aber ein kurz vor dem Einschlafen stehender Fachmann noch allerlei Wissenswertes über die verstorbene Libelle: Es ist eine „Meganula“, die als Larve „Meganulon“ heißt, eigentlich im Karbon, also vor 36 bis 28 Millionen Jahren gelebt hat, in der Regel in großen Schwärmen auftaucht und sich besonders aggressiv verhält (das ist gar nicht so verkehrt – abgesehen davon, dass sich der Experte oder die Synchro beim Erdzeitalter um eine glatte Zehnerstelle vertan hat, gab es im Karbon tatsächlich als „Meganeuras“ bezeichnete Riesenlibellen). Kaum sind die Ausführungen beendet, trifft eine schlechte Nachricht ein: Der gesamte Tokioter Stadtteil Shibuya steht unter Wasser. Warum man das ausgerechnet der Anti-G-Spezialeinheit erzählt, bleibt fraglich, aber da Kudo ein schönes fernsteuerbares Mini-Godzilla-Such-U-Boot gebastelt hat, schauen sich unsere Spezialisten die Bescherung einmal von unten, sprich unter Wasser an – und sehen dort Unmengen von Rieseninsekteneiern herumliegen (während wir staunend feststellen, dass Shibuya ungefähr 15 Meter hoch überflutet ist!).
Aber sollen sie erst einmal herumliegen und machen, was sie wollen, denn nun wird im Ogasawara-Graben Godzilla gesichtet – es ist also an der Zeit, die Antigodzillaschwarzlochkanone endlich einzusetzen, obwohl Kudo vorher lieber noch einen Test durchgeführt hätte. Die G-Grasper sind jedoch im Jagdfieber und schmieden schon ihren Schlachtplan: Man will Godzilla auf die kleine unbewohnte Insel Kiganjima locken, weil er festen Boden unter den Füßen haben muss, wenn er sich von Schwarzen Löchern einsaugen lassen will, und dann – Feuer frei.
Gesagt, gelockt ... aber ganz so einfach ist das nicht, wobei das „Locken“ auch wenig subtil mit roher Waffengewalt vonstattengeht. Während Godzilla also mühsam durch massiven Raketenbeschuss zum gewünschten Ziel „geleitet“ wird, schauen wir noch einmal kurz nach Shibuya: Dort kleben inzwischen Hunderte von Rieseninsekten an den Häuserwänden. Ziemlich eklig. Aber auch für sie findet sich schnell eine unbürokratische Lösung: Man beginnt sie zu beschießen ...
Zurück zur Insel Kiganjima. Dort ist Godzilla endlich an Land gegangen und bekommt prompt neuen Ärger, aber nicht etwa mit irgendwelchen Schwarzen Löchern, sondern mit einem plötzlich heranbrausenden Schwarm Meganulas! Die stürzen sich auf ihn und versuchen, seine Energie zu rauben, weil sie die als „Nahrungsquelle“ für ihren kommenden Chef benötigen. Es wird ein langer und lästiger Kampf für Godzilla, aber irgendwann hat er sich auf seine unbequemen Gegner eingestellt und kann sie allesamt mit seinem Atemstrahl rösten. Die Menschen haben einstweilen gewartet und zugeschaut. Da ihnen die Meganulas die Arbeit nun doch nicht abgenommen haben, sind sie an der Reihe – und feuern ihre satellitengestützte Black-Hole-Kanone ab. Einige miese CGI-Effekte später ist Godzilla verschwunden. Mission accomplished. Oder? Nee ... doch nicht: Godzilla wühlt sich verwirrt, aber bei bester Gesundheit aus dem Erdreich. „Dimension Tide hat das Ziel verfehlt“, resümiert Tsujimori.
In Shibuya tut sich unterdessen auch wieder etwas: Ein Riesenlibellenschwarm erscheint. Die Tiere sind aber nicht auf Krawall aus, sondern tauchen auf den Grund des überschwemmten Gebiets und versorgen dort etwas Großes mit Energie. Was dieses Große ist, bleibt kein Geheimnis, denn nun taucht ... Megaguirus auf, ein gigantisches und extrem garstig aussehendes Riesenfluginsekt. Leider sieht es nicht nur garstig aus, sondern ist es auch, denn es dreht ein paar Runden durch Tokio und legt vornehmlich durch Schallwellen die halbe Stadt in Trümmer. Nebenbei gibt’s gratis etwas Hintergrundwissen: Immer noch oder schon wieder mit dem drohenden Schlaf ringend, teilt uns der bereits bekannte Biologie-Fachmann mit, dass Megaguirus keine Königin ist – vielmehr würden die Meganulas ein Exemplar aus ihrem Schwarm auswählen und dann zu Riesengröße verhelfen. An der misslichen Lage in Tokio ändert das indes herzlich wenig, und sie droht sogar bald noch misslicher zu werden, denn Godzilla hat sich auch schon auf den Weg in die Stadt gemacht. Dort beginnt man, wir verbeugen uns vor dem Skript, umgehend mit der Evakuierung. Nicht zu früh, denn kaum trifft der Große Grüne ein, kommt Megaguirus angeflogen und attackiert ihn – und schon ist der allerfeinste Monsterkampf im Gange.
Die Menschen wollen derweil versuchen, ihre offensichtlich nicht korrekt arbeitende Dimension-Tide-Waffe zu reparieren, wobei sie feststellen müssen, dass der Satellit, an dem sie angebracht ist, abzustürzen droht. Eile ist also geboten, zumal ihnen im Fall Godzilla auch jetzt nicht die Arbeit abgenommen wird: Der Große Grüne gewinnt nach hartem Ringen gegen Megaguirus die Oberhand und kann die Monsterlibelle schließlich mit seinem Atemstrahl abfackeln (man fragt sich nur, warum er das nicht schon vorher getan hat ...). Zur Feier des Tages spaziert er anschließend erst einmal ein wenig durch Tokio und zerlegt den einen oder anderen noch intakten Stadtteil. Es ist also dringend angezeigt, mal wieder mit einem Schwarzen Loch nach ihm zu werfen – und ja, Kudo kann vermelden, dass die Schwarzlochkanone repariert wurde und für einen neuen Einsatz zur Verfügung steht. Umso ärgerlicher ist es da, dass der Satellit nun tatsächlich abstürzt und die Dimension-Tide-Waffe daher ihr Ziel nicht mehr korrekt erfassen kann. Damit sollte das Godzilla-Einsaug-Projekt endgültig gescheitert sein, aber ... wir haben ja noch Tsujimori im Rennen, die natürlich auch in dieser Situation zwingend die Superheldin spielen muss: Sie startet mit dem Gryphon-Jet, fliegt ihn in eine ganz bestimmte Position (die sie scheinbar flugs im Kopf berechnet hat) und lässt die Schwarzlochkanone auf sich beziehungsweise den Gryphon-Jet feuern, sodass das Schwarze Loch von ihm abgelenkt wird und präzise den Großen Grünen trifft. Oder so ähnlich ... himmelschreiender Blödsinn ist es in jedem Fall. Hauptsache, es kracht – und es kracht gewaltig: Godzilla vergeht in einer gigantischen Explosion, während sich Tsujimori mit dem Schleudersitz retten konnte. Geigen und Fanfaren jubeln, dass man es kaum noch aushalten kann, und ein schmerzhaft kitschiges Bild zeigt die zufrieden in den Sonnenuntergang blickende Tsujimori.
Beiläufig erfahren wir noch, dass man im Nationalen Wissenschaftsinstitut seit Jahren heimliche Plasmaenergieforschung betrieben hat und Godzilla, der ja zu einer gepflegten Portion Energie nie Nein sagen kann, dadurch angelockt wurde. Aber nun ist er ja vom Schwarzen Loch verschluckt worden. Oder in einer anderen Dimension. Oder weiß der Kuckuck wo. Oder? Oder?? Am Ende sehen wir Kudo wieder in seinem Elektrozubehörgeschäft an irgendwelchen Mini-Robotern basteln, als erneut Tsujimori den Laden betritt und ihm mitteilt, dass irgendwo in der Tiefe seltsame Erdstöße registriert wurden ...
Da dem Konzept der Millennium-Reihe entsprechend der folgende Streifen wieder ein Reboot sein sollte, können uns derlei Erdstöße freilich schnuppe sein. Und solange Tsujimori da ist, wird der Menschheit schon nichts passieren ... Wenn da gerade ein unterschwelliger Groll zu spüren gewesen sein sollte, dann ist das okay: Godzilla vs. Megaguirus mag nun für mich vielleicht nicht mehr der obskurste Godzilla-Film sein, aber es ist der bislang schlechteste. Das kann hier ruhig schon einmal gesagt werden. Dabei geht’s gut los – die Einleitung ist halbwegs schlüssig und berücksichtigt beispielsweise den Zustand des zerstörten Tokios, und später wird auch pflichtbewusst an erforderliche Evakuierungen gedacht (für die „Massenpanik“-Aufnahmen haben sich übrigens beeindruckend viele Statisten mobilisieren lassen). Auf solche Aspekte wurde in der Historie der Gojira Eiga oft genug gepfiffen – gerade erst beim Vorgänger Godzilla 2000: Millennium fiel das deutlich ins Auge. Auch der Insekten-Plot ist grundsätzlich ein Gewinn, weil er dem Großen Grünen einmal ein paar eher ungewöhnliche Gegner beschert (zumindest gilt das für die „kleinen“ Libellen – zur großen kommen wir noch). Zudem liefert Masaaki Tezuka (der hier zwar sein Kaijū-Eiga-Regiedebüt gibt, als Regieassistent aber bereits bei Godzilla – Kampf der Saurier-Mutanten, Godzilla vs. Mechagodzilla II und den zwei letzten Teilen der Neunzigerjahre-Mothra-Trilogie dabei war) auch eine ganze Reihe großartiger, in ihren besten Momenten schlichtweg umwerfender Actionszenen. Sogar ein wenig Splatterei darf man bestaunen (das Pärchen mit dem Bier ...) – etwas Derartiges gab es in den bisherigen Godzilla-Filmen noch nie. Mit Blick auf die Godzillabekämpfungsstrategie der Anti-G-Spezialisten sollten sich die Geister derweil schon scheiden: Die Idee mit dem Schwarzen Loch ist von vorn bis hinten derartig hanebüchen, dass man den Autoren Hiroshi Kashiwabara und Wataru Mimura (die schon das Skript für Godzilla 2000: Millennium zu verantworten hatten) wahlweise mangelnde Zurechnungsfähigkeit, komplett fehlenden Sachverstand oder einen ganz speziellen Humor unterstellen möchte – gegebenenfalls auch alles zusammen. Möglicherweise sind bei der Übersetzung ins Deutsche ein, zwei Informationen darüber verloren gegangen, was das Schwarze Loch nun mit irgendwelchen anderen Dimensionen zu tun haben soll, aber selbst mit einem ganzen Buch voller zusätzlicher Informationen wäre die Physik dieses Films nicht zu retten. Einen Vorwurf will ich angesichts dieses Unfugs allerdings niemandem machen – der Kaijū Eiga hat seine eigenen Gesetze und lebt natürlich auch davon, dass er allerlei Abstruses mitbringt und ein sehr unbekümmertes Verhältnis zu Sinn und Verstand hat.
Was Godzilla vs. Megaguirus indes angekreidet werden muss, sind zahlreiche miserable CGI-Effekte, sein wenig einnehmendes menschliches Personal und ein immer unangenehmer werdender Tonfall. Die Menschen werden hier vorrangig von der sehr zentral agierenden Kiriko Tsujimori und dem Mikrokrimskramsbastler Hajime Kudo vertreten, und beide arbeiten nach einem anständigen Start unermüdlich daran, sich unbeliebt zu machen. Besonders die humorlose und mit wachsender Penetranz zur Superheldin hochstilisierte Tsujimori ist mir spätestens nach zwei Dritteln des Films extrem auf den Wecker gegangen, aber auch Kudo, der als eine Art Klassenkasper light eingeführt wird, beginnt irgendwann dem Heroismustrieb anheimzufallen und dementsprechend zu nerven, zumal die Versuche, das Geschehen durch seine Figur ein wenig aufzulockern, ohnehin nie über das Versuchsstadium respektive ein paar Albernheiten hinauskommen. Im gleichen Tempo aber, mit dem Tsujimori und Kudo zu Weltrettern aufgeplustert werden, nehmen wechselwirkend auch Schwulst und Pathos zu und verkleistern schließlich den ganzen Film. Dagegen kommen nicht einmal ein paar (moderate und sogar gelungene) Späßchen im Finalkampf zwischen Godzilla und Megaguirus an – am Ende herrscht eine nachgerade verstörende Ironiefreiheit. Wenn ich eine solche hier kritisch betrachte, will ich damit allerdings keineswegs sagen, dass jeder Kaijū Eiga unbedingt ein Stück weit ins Lächerliche gezogen werden sollte, sondern nur: Was zu viel ist, ist zu viel.
In Sachen Optik gefällt Godzilla vs. Megaguirus wie alle Filme der Millennium-Ära zunächst mit sauberen Breitwandbildern ... und vermasselt sie wie schon der Vorgängerstreifen nur allzu gern mit schaurigen Rechnereffekten. Das ist mehr als nur schade, weil es wie schon angesprochen den ganzen Film in den Keller zieht und einfach nicht in einen Kaijū Eiga passt. Dass man sich bei der Tōhō zur Jahrtausendwende den neuen technischen Möglichkeiten, die ja durchaus auch ein Segen sein konnten, nicht völlig verschließen wollte, ist verständlich, aber der Übergang zum Einsatz von CGI-Effekten hätte schon etwas sensibler erfolgen dürfen. Ein paar Explosionen und einige der Shibuya-Überschwemmungsbilder mögen noch vertretbar sein, aber manche Flammen, die „Schwarzen Löcher“ oder drei, vier CGI-Schnellzüge sind schlichtweg blamabel, und den Satelliten-Absturz würde man auch im Hause Asylum nicht schlechter hinbekommen. Unangenehm fallen darüber hinaus ein paar Ruckel-Zeitlupen auf, bei denen offen bleibt, wo das Problem liegt oder ob es gar kein Problem gibt und das Geruckel intendiert ist. Vortrefflich sind indes wieder einmal alle Trickeffekte ausgefallen, die wir guter alter Handarbeit verdanken. Vor allem die Häuser- beziehungsweise Städtemodelle sind von beeindruckender Detailtreue und gehen sehr glaubwürdig zu Bruch (vor allem die Zerstörung des Tōkai-Kraftwerks und Megaguirus‘ verheerender Begrüßungsflug durch Tokio sehen umwerfend aus). Eine besondere Erwähnung verdienen zwei kleine Modell-Mülltonnen, die durch die Gegend kullern, als Godzilla angestapft kommt – das sieht zwar absolut nicht echt aus, ist aber allerliebst und lässt ganz kurz den Charme der Shōwa-Ära durch den Film wehen (aber leider wirklich nur ganz kurz, denn zwei Sekunden später fliegt schon ein mies getrickstes brennendes CGI-Auto durchs Bild).
Sehen wir uns die Monster an, von denen zumindest eins wie gewohnt ausschließlich mithilfe des Suitmation-Verfahrens zum Leben erweckt wurde: Godzilla respektive sein Darsteller tritt im „Giragoji“-Kostüm an, das allerdings mit dem „Miregoji“-Kostüm aus dem Vorgänger Godzilla 2000: Millennium identisch ist. Wie also schon einmal gesagt sieht der Große Grüne (der hier übrigens tatsächlich so grün ist wie selten zuvor!) damit vergleichsweise sportlich und vor allem wunderbar misslaunig aus. Wirklich böse wirkt er jedoch nicht, und unverändert haftet ihm auch eine gewisse Plastik-Ausstrahlung an, was schlechterdings daran liegt (ein Umstand, der mir ziemlich spät bewusst geworden ist), dass ein echtes Lebewesen Gesichtsmuskeln hat, und mit denen kann man nun mal etwas mehr anstellen als nur das Maul zu öffnen und mit den Augen zu rollen. Zudem sind Godzillas Zunge und sein Rachen entschieden zu hellrot geraten und sehen daher ebenfalls unnatürlich aus. Insgesamt macht der Große Grüne aber noch immer eine sehr gute Figur – und damit eine bessere als seine Gegner.
Die „kleinen“ Libellen oder Meganulas, um‘s korrekt zu sagen, entstanden vorwiegend am Rechner und sehen dementsprechend auch nie anders aus als Meganulas aus dem Rechner, wobei sie sich im Vergleich zu den meisten anderen CGI-Effekten immerhin noch halbwegs wacker halten (mit Betonung auf „im Vergleich“ und „halbwegs“). Im Kampf zwischen ihrem Schwarm und Godzilla kamen zudem ein paar ordentliche Old-School-Modelle zum Einsatz (hierbei liegt die Betonung auf „ein paar“). Megaguirus selbst, der überwiegend als Modell zum Einsatz kommt, gelegentlich aber auch im Suitmation-Verfahren „gespielt“ wird, ist schließlich mit seinem fiesen und gefährlichen Aussehen erst einmal eine feine Sache und als Vertreter der Insekten ein angenehm exotisches Mitglied in der Innung der Godzilla-Gegner (artverwandt waren lediglich die Kamakiras aka Kamacuras aka Gimantis in Frankensteins Ungeheuer jagen Godzillas Sohn), aber wenn man’s etwas nüchterner betrachtet, haben wir mit ihm auch nur eine weitere Variante der unverwüstlichen Riesenmotte Mothra beziehungsweise der bösen Mothra-Inkarnation Battra aus Godzilla – Kampf der Saurier-Mutanten. Die Ähnlichkeiten sind mitunter frappierend – vor allem beim Flugverhalten, mit dem sich die Tōhō-Effektspezialisten hier noch genauso schwer tun wie im ersten Mothra-Film (dem parallel zur Godzilla-Reihe produzierten Mothra bedroht die Welt von 1961): Ganz im Stil seiner fliegenden Vorgänger gleitet auch Megaguirus stocksteif durch die Luft (man beachte die Beine ...) und lässt die Arbeit seiner Schöpfer und Lenker damit leicht unbeholfen wirken. So außergewöhnlich wie erhofft ist er dann also doch nicht, der Megaguirus.
Von den Darstellern haben wir hingegen gar nicht erst erhofft, dass sie Außergewöhnliches leisten, weil sich dazu im Kaijū Eiga bekanntermaßen kaum Möglichkeiten bieten. In der eindeutigen Hauptrolle sehen wir Misato Tanaka als Kiriko Tsujimori – sie lässt sich nichts zuschulden kommen und sieht hübsch aus, verkörpert aber leider eine sehr unsympathische Figur, der zumindest ich keine Träne nachgeweint hätte, wenn sie vom nächstbesten Schwarzen Loch eingesaugt worden wäre. Mikrokrempelbastler Hajime Kudo wird derweil etwas zu albern von Shôsuke Tanihara gegeben, der auch generell nicht den Eindruck macht, dass er für ernsthaftes Schauspiel zu gebrauchen ist. Ungeachtet dessen hat er seither wie auch Misato Tanaka in zahlreichen Filmen mitgewirkt. Beide sind Neulinge im Gojira Eiga, werden dort aber später noch einmal mit von der Partie sein. Interessant ist Yuriko Hoshi als für den Schwarzlochplan verantwortliche Professorin Yoshino Yoshizawa, die bereits als Zwanzigjährige in zwei Godzilla-Filmen der frühen Shōwa-Ära mitgewirkt hat: In Godzilla und die Urweltraupen war sie als Fotografin Junko Nakanishi und in Frankensteins Monster im Kampf gegen Ghidorah als Journalistin Naoko Shindo zu sehen. Hier nun hat sie es 36 Jahre später zum dritten Mal mit dem Großen Grünen zu tun, wenngleich in einer eher kleinen und wenig herausfordernden Rolle. Neben Tsujimori und Kudo bleiben aber ohnehin nur noch kleinere und sehr kleine Rollen übrig. In einer der sehr kleinen ist dabei wieder einmal der erfahrene Godzilla-Nebendarsteller Kôichi Ueda zu sehen, der bereits in Godzilla – der Urgigant, Godzilla – Duell der Megasaurier, Godzilla – Kampf der Saurier-Mutanten, Godzilla vs. Mechagodzilla II, Godzilla vs. Spacegodzilla, Godzilla vs. Destoroyah und Godzilla 2000: Millennium Kurzauftritte hatte und hier einen Regierungsbeamten mimt. Deutlich mehr zu tun haben die Herren in den Monsterkostümen, deren Arbeit wie immer viel Anerkennung verdient. Als Godzilla ist Tsutomu Kitagawa tätig, der den Großen Grünen bereits im Vorgänger Godzilla 2000: Millennium verkörpert hat, während Minoru Watanabe als „Megagirasu“ sein Monstersuit-Debüt gibt. Ebenfalls neu im Kaijū-Eiga-Geschäft ist schließlich die Komponistin Michiru Ôshima, deren Musik zwischen banal und nervig oszilliert und gegen Ende auch noch furchtbar kitschig wird – nein, das hört sich leider alles nicht schön an.
Die Millennium-Reihe hat also weiterhin Mühe, in die gewünschten Gänge zu kommen: Godzilla vs. Megaguirus ist ein halbwegs ordentlich konzipierter, achtbar in Szene gesetzter, partiell entwaffnend hirnrissiger und technisch sehr launenhafter Kaijū Eiga, der mit einigen denkwürdig wuchtigen Krawallszenen begeistert, aber erheblich unter seinem ebenso schablonenhaften wie unzugänglichen menschlichen Personal leidet und am Ende bis zum Hals im Pathos versinkt – man sollte sich glücklich schätzen, wenn man diesen grässlichen finalen Heldenkitsch als Parodie interpretieren kann. Mir persönlich wollte das leider nicht so recht gelingen, zumal er wie angedeutet auch nicht aus heiterem Himmel kam. So bleibt auch im Nachhinein ein leicht unangenehmer Beigeschmack, der nicht zuletzt darauf verweist, dass ein Kaijū Eiga liebend gern spottbillig, schlampig geschrieben, komplett hirnverbrannt oder auch infantil sein darf, aber auf keinen Fall unsympathisch. Ganz so weit ist es hier freilich noch nicht: Unter dem Strich wurde ich auch von Godzilla vs. Megaguirus sehr gut unterhalten, nur eben mit der Randnotiz, dass ich alle dreiundzwanzig zuvor gedrehten Godzilla-Filme zufriedener verlassen habe als diesen.
7 von 10 Punkten aus persönlicher Sicht, ansonsten 6 von 10 Punkten.
(08/24)