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Staffel 2

Der Tod einer osteuropäischen Prostituierten in Luxemburg ist der erste Fall, den sich der titelgebende ex-Kommissar Luc Capitani (Luc Schiltz) aufzuklären vorgenommen hat - nicht ganz freiwillig, denn der einstige Ermittler ist nach drei Jahren Knast gerade erst wieder in Freiheit und braucht dringend etwas Geld. Dank abgehörten Polizeifunks ist Capitani jedoch noch vor den offiziellen Ermittlern am Tatort und findet an der Toten merkwürdige Spuren: Knochen in deren Hand sowie Schnitte am Oberkörper lassen auf einen Ritualmord schließen, was der bärtige Luc an seine Auftraggeberin weitermeldet. Jene Bianca, übrigens selbst Prostituierte, hatte sich Sorgen um ihre Kollegin gemacht, was Capitani dann im Zuge seiner weiteren Ermittlungen schließlich ins Rotlichtmilieu rund um den Hauptbahnhof von Luxemburg führt.
Dort herrscht eine (noch) friedliche Koexistenz zwischen dem alten Bordellbesitzer Gibbes Koenig und Valentina Draga (Edita Malovcic), die einst für Koenig gearbeitet hatte und inzwischen mit ihrem Sohn ebenfalls ein Etablissement führt. Die beiden Rotlichtgrößen betrachten mit Argwohn die vielen Nigerianer, die rund um den Bahnhof ihren Stoff verkaufen, wollen mit Drogen aber nichts zu tun haben, ganz im Gegensatz zu ihren Sprößlingen (und designierten Nachfolgern) Arthur "Prinz" Koenig und Dominik Draga, die darin ein gewisses Potential sehen.
Der Mord an der Prostituierten, dem schnell ein weiterer nach gleichem Muster folgt, ruft nun die Sonderkommission Schneewittchen auf den Plan, der Capitanis frühere Kollegin Elsa Ley (Sophie Mousel) angehört. Capitani, dessen Ruf als ex-Bulle mit Kontakten schnell die Runde macht, verdingt sich nun mehr oder weniger sowohl bei Koenig wie auch bei Valentina, hilft nebenbei dem gerade frisch eingetroffenen Nigerianer Lucky (Edson Anibal), der seine Schwester im Rotlichtmilieu finden will, versucht aber auch, alte Connections bei den Ordnungshütern anzuzapfen und gerät dadurch in kürzester Zeit völlig zwischen die Fronten. Als wäre das nicht schon genug, trifft er sich heimlich mit einer Staatsanwältin, die ebenfalls Tipps haben will im Gegenzug für ihre Bemühungen, seine seinerzeitige Verurteilung wegen Mordes, mit der etwas nicht gestimmt hat, noch einmal zu durchleuchten...

Nach der 1. Staffel von 2019 ist der eigensinnige Ermittler in einer 2. Staffel auch 2022 wieder aktiv: ein wenig heruntergekommen (kein Wunder, gerade aus dem Knast entlassen) ist er mit Rollkragenpulli und Parka allerdings immer noch der mürrisch dreinblickende, drahtige (ex-)Cop, der nicht viele Worte verliert und dort hinschaut und etwas entdeckt, wo die meisten nichts finden würden. Spielte die 1. Staffel noch im ländlichen Manscheid, ist der 2022er Schauplatz ganz ausschließlich die Hauptstadt des Großherzogtums und hier deren Rotlichtmilieu rund um den immer wieder als Kulisse dienenden Hauptbahnhof.

Während die Prostituiertenmorde als Leitmotiv dienen und Capitani zunächst zwischen den beunruhigten Bordellbetreibern zu kalmieren versucht, muß er auch teils gegenläufige Interessen bedienen und damit zwischen allen beteiligten Parteien vermitteln - freilich so, daß diese nicht unbedingt von seinen teils riskanten Unternehmungen erfahren.
Zu den zahlreichen Subplots gehört die Geschichte von Lucky, der extra aus Nigeria angereist ist im Auftrag seiner Familie, um seine Schwester zurückzuholen. Die aber hat gar keine Lust darauf, zurückzukehren und setzt sich ab, da sie etwas beobachtet hat, was sie nicht hätte sehen sollen. Capitanis Schwester Jeanne, zu der Luc gar kein Verhältnis hat, hilft zwischendurch Lucky, der bei einem Polizeieinsatz verletzt wurde und kommt damit ihrem Bruder wieder näher. Der überlegt zwischendurch ernsthaft, ob er nicht auf "Prinz" Koenigs Angebot eingehen und das Leben einfach genießen soll wie der Sohn des Bordellbesitzers, der in teuren Sportwagen herumfährt, Opern lauscht und exquisites Essen schätzt. Ganz im Gegensatz übrigens zu Valentinas Sohn Dominik, einem großmäuligen Taugenichts, der mit der Prostituierten Bianca verbandelt ist, mit Eifersucht deren Arbeit verfolgt und sie am liebsten ins "Management" des Clubs seiner Mutter holen will. Schließlich ist da noch Elsa Ley, die einen neuen Kollegen hat, der ihr gegenüber unangenehm aufdringlich ist und bei Einsätzen übereifrig vorgeht. Und zu guter Letzt ist da noch Capitanis Haftstrafe, deren Ursache auch noch geklärt werden muß, wobei einiges darauf hindeutet, daß er zu Unrecht verurteilt wurde...

Erfreulicherweise muß man die 1. Staffel nicht unbedingt kennen, um der wieder in einem Dutzend Episoden zu je etwa 30 Minuten abgedrehten 2. Staffel folgen zu können - Rückgriffe auf die Geschehnisse von 2019 gibt es erst in den letzten Folgen, und diese werden ausreichend dokumentiert. Auch dieses Mal kann man sich die Netflix-Produktion im Lëtzebuergischen Original anschauen, entsprechende Dialekt- bzw. Sprachkenntnisse vorausgesetzt.
Fazit: mit der Fokussierung auf die Großstadt und einem durch persönliche Umstände deutlich stärker involvierten ex-Kommissar, der sich aus Frust Schnaps, Pillen und Koks reinzieht und daher schon mal in seiner eigenen Kotze aufwacht, ist diese 2. Staffel noch einmal einen Tick härter und direkter und somit interessanter als der 2019er Erstling - für Krimifreunde durchwegs empfehlenswert: 8 Punkte nach Luxemburg.

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