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„Wir sind besser als die Polizei!“

Der elfte Einsatz der Essener „Tatort“-Kommissare Heinz Haferkamp (Hansjörg Felmy) und Willy Kreutzer (Willy Semmelrogge) entstand nach einem Drehbuch Karl Heinz Willschreis, wurde von Wolfgang Becker („Die Vorstadtkrokodile“) inszeniert – und landete nach seiner Erstausstrahlung am 28. August 1977 mehrere Jahrzehnte im Giftschrank: Grund sollen Zuschauer(innen)beschwerden über die gezeigte Brutalität dieser öffentlich-rechtlichen Krimiepisode gewesen sein.

„Ich kann schon selber auf mich aufpassen!“ – „Sieht nicht so aus…“

Mitglieder eines Judoclubs überfallen einen Geldtransporter, indem sie einen Verkehrsunfall fingieren und damit den Fahrer Werner Fink (Andreas Seyferth, „Tatort: Tote brauchen keine Wohnung“) aus dem Fahrzeug locken: Er will sich um ein vermeintlich verletztes Opfer, eine angefahrene Frau, kümmern. Dieses attackiert ihn jedoch, im weiteren Verlauf des Überfalls wird er auf offener Straße erschossen. Sein Kollege Schießer (Traugott Buhre, „Die Dubrow-Krise“), der während des Überfalls in einer Bankfiliale weilte, findet seinen sterbenden Partner und ist tief betroffen. Schießer ist ein ehemaliger Polizist, der sich Recht und Ordnung weiterhin verbunden fühlt und vom ermittelnden Beamten Haferkamp nicht sonderlich viel hält. Dieser bekommt es bald mit zwei weiteren Morden zu tun: Offenbar hat jemand zwei der drei Täter jeweils mit einer Schlinge um den Hals erhängt, um es wie Selbstmord aussehen zu lassen, dabei aber deren Beute nicht angerührt… Aber wer ist die dritte Person im Bunde, die Frau, die erst angefahren wurde, dann jedoch aufsprang und Fink niederschlug? Und wer ist der Mörder, der auf eigene Faust unter den Tätern „aufzuräumen“ scheint…?

„Was wollen Sie von mir?!“ – „Dich aufhängen, weiter nichts!“

Tatsächlich ist „Drei Schlingen“ ein recht harter, grimmiger „Tatort“, der mit Thriller-Elementen arbeitet und zuweilen die Atmosphäre eines Rachewesterns heraufbeschwört. Dazu trägt u.a. die Kameraführung bei, die neben entschleunigten Fahrten einige Nahaufnahmen von Gesichtern produziert und bei Finks Beerdigung eine beunruhigende Perspektive aus dem Grab heraus einnimmt. Bemerkenswert ist auch die Szene, in der die Kamera die mit Nacktfotos von Frauen behangenen Wände der Wohnung eines der Toten vollumfänglich abtastet. Ungewöhnlicherweise geht es eine Zeitlang weniger um die Ermittlung des Schlingenmörders, hinsichtlich dessen Identität Haferkamp schnell den richtigen Riecher hat, sondern um den oder die Dritte(n) des Überfalltrios. Man kommt schließlich einer Stuntfrau auf die Spur – oder doch einem Stuntman? Daraus entwickelt sich ein interessantes Spiel mit Geschlechteridentitäten, zeitgenössisch „erklärt“ mit Homosexualität, was letztlich gar nicht nötig gewesen wäre.

„Wir haben uns benommen wie die Idioten!“

Nichtsdestotrotz mutet dieses Handlungselement progressiv an und steht im Zusammenhang mit einem Gastauftritt des Unterhaltungskünstlers Vico Torriani („O Sole Mio“), der sich selbst spielt, und einem ellenlang und übermäßig laut integrierten Slapstick-Film-im-Film. Dieser steht in krassem Kontrast zur toternsten Stimmung dieses „Tatorts“ um einen Mann, der eigentlich immer noch gern Polizist wäre und seinen Job in Law-&-Order-Manier interpretiert. Haferkamp spielt mit dem Feuer und trickst wissentlich zusammen mit dem, wie sich alsbald herausstellen wird, Mörder, führt sogar dessen potenzielles nächstes Opfer mit ihm zusammen. Gegenüber dem Mörder plaudert Haferkamp offen seine Überlegungen und Schlüsse aus, und wenngleich sein Plan aufgeht, gibt er im handfesten, brutalen Showdown keine besonders gute Figur ab. Ein Vabanquespiel, das an die Substanz geht. Im Epilog erwartet den erschöpften Haferkamp ein ernüchternder Dialog mit seiner Ex-Frau Ingrid (Karin Eickelbaum), die ihn anfänglich noch bei ihm zu Hause erwartete und zum festen Inventar der Essener „Tatorte“ gehört.

Der atmosphärische, unheilschwangere, aber coole Synthesizer-Soundtrack arbeitet mit Versatzstücken aus Jean Michel Jarres „Oxygène (Part I)“, weitere Musik steuern Supertramp („School“) und Jethro Tull („Bouree“) bei. In einer Nebenrolle ist übrigens Marie-Luise Marjan aus der „Lindenstraße“ zu sehen. Für den renommierten Theater-Charakterdarsteller Traugott Buhre, der hier eine Spitzenleistung als innerlich verbitterter und wütender, äußerlich aber kontrollierter Biedermann gibt, folgten noch vier weitere von insgesamt sechs „Tatort“-Einsätzen. Ja, „Drei Schlingen“ dürfte die Grenzen des Machbaren zur bundesdeutschen Hauptsendezeit am Sonntagabend des Jahres 1977 ausgelotet haben und unterhält seinen Temposchwankungen zum Trotz als Mischung aus gewohnten „Tatort“-Ingredienzien und härterer Thriller-Kost auch heute noch vorzüglich. 7,5 von 10 Judorollen absolviere ich da gern.

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