Review

Von Jean Claude Van Damme sagte man einst und wahrscheinlich auch heute noch, er wäre hoffnungslos in der Direct-to-Video-Hölle gefangen. Auch mit seinem Knastactioner „In Hell“ ist er noch immer im selben Metier tätig. Die Frage ist nur, ob „In Hell“ ihn noch tiefer in diese „Hölle“ reißen wird.

Russland: Fortschrittliche Gastfreundschaft
Kyle LeBlanc (JCVD) ist als ausländischer Architekt in Russland tätig. Noch sechs Monate müssen er und seine schöne Frau Gray aushalten, bis es zurück nach Louisiana geht. Doch soweit soll es nicht mehr kommen. In derselben Nacht, in der er von einem schweren Arbeitstag nach Hause fährt, wird seine Herzallerliebste von einem russischen Einbrecher überfallen und erstochen. Kyle kommt gerade noch rechtzeitig, um den Übeltäter zu verfolgen und ihn in die Arme der Polizei zu treiben. Unerwarteterweise wird der Mörder von einem korrupten Richter freigesprochen. Das kann Kyle natürlich nicht akzeptieren, schnappt sich eine Pistole und richtet den Killer vor dem Gerichtssaal hin. Das beschert ihm einen lebenslangen Aufenthalt in einem heruntergekommenen, russischen Gefängnis mit dem blumigen Namen „Kravavi“, in dem sich verständlicherweise nicht gerade die Haute Couture der russischen Gesellschaftsschichten tummelt. Nein, stattdessen grimmig starrende, muskelbepackte Stiernacken, denen wohl allesamt eine höchst erfolgreiche Wrestlerkarriere bevorstehen würde, säßen sie nicht in diesem Kabuff. Auf Kyle haben sie es gleich abgesehen, auch, wenn sie ihn nicht als neue Zuchthaushure ausgesucht haben, wie sie das mit dem armen Wicht Billy tun. Da Kyle jedoch nicht die Art von Duckmäuserich ist, der alles tatenlos mit ansieht, macht er sich schon bald gefährliche Feinde, die ihn bei jeder Gelegenheit angreifen. Dem hat er anfangs nichts entgegenzusetzen, bis er erkennt, dass er gegen sie und die sadistischen Wärter nur eine Chance hat, wenn er sich zur Kampfmaschine drillt und an den blutigen Kämpfen teilnimmt, die immer wieder zur Belustigung des Gefängnisgenerals stattfinden, der mit seinen alten Sowjetfreunden hohe Wettbeträge auf den Sieger setzt. Doch dabei gerät Kyle immer weiter in die moralische Hölle, die er sich immer bewahren wollte….

Where have all the Russians gone…?
Interessanterweise war das mein erster Gedanke. Der Ganze Laden wimmelt vor Amerikanern, Iren. Südländern …..und einem Belgier. Und das in einem russischen Gefängnis. Sehr realistisch. Nein, ein Bewerbungsvideo für die Exekutive Russlands ist „In Hell“ sicher nicht, zumal die einzigen Genossen als geldgeile, menschenverachtende Sadisten rüberkommen. Oh, oh, wenn Gevatter Putin da nicht die Zensur einschaltet… Glücklicherweise sind wir nicht davon betroffen und können „In Hell“ mit seiner ganzen Dreckigkeit und Brutalität sehen. Die Kämpfe sind ziemlich hart. Blut spritzt fast immer, auch der ein oder andere Knochen knackt hier und da. Dass die kruden Bodybuilder zuhauen können, glaubt man sofort. Doch die Fights sind, und wer hätte das am Anfang gedacht, nicht das einzig Sehenswerte, was „In Hell“ zu bieten hat. Der Film beschreibt den Knastalltag, (auch, wenn ich hier einschieben möchte, dass mir dazu der Erfahrungsbezug fehlt) realistisch. Die Atmosphäre ist giftig, äußerst brutal und geladen bis zum Anschlag. Der allgegenwärtige Pessimismus wird von einer Hoffnungslosigkeit assistiert, die greifbar ist. (Ja, ich habe „Die Verurteilten“ gesehen und kann vergleichen). Wenn der junge Billy mal wieder von den Wärtern, die sich damit ein paar Rubel zusätzlich verdienen, zu einem der muskulären Brutalos in die Zelle geleitet wird und dort vergewaltigt wird, kann man sich Mitleid nicht verkneifen. Regisseur Ringo Lam hat hier gute Arbeit geleistet. Die darstellerische Leistung zu bewerten fällt hier schwer, denn alles, was hier von den Schauspielern verlangt wird, ist Rumgebrülle und aggressives Verhalten (inkl. Zähnefletschen). Ganz schlichtes Alphamännchengebaren also, welches jedem halbwegs entwickelten Mann schon genetisch implantiert sein sollte. Die Kameraarbeit ist gelungen. Sie fängt die rasanten Kämpfe gut ein und weiß auch stille Momente in Szene zu setzen. Von der Story darf man nicht allzu viel erwarten, aber hanebüchen wie andere Van Damme-Schinken der Vergangenheit ist sie sicher nicht. In manchen Momenten möchte man jedoch schon schallend loslachen, wenn z.B. eine (schlecht animierte) Motte auf Kyle herabflattert und ihn nicht nur zum Philosophieren bringt („Man sagt, dass ein Mensch als Motte wiedergeboren werden kann“) und seine Frau wieder erkennen lässt, sondern ihn auch zum Essen und Weiterleben motiviert. What (in) the hell?!
Die Dialoge sind alle recht zweckmäßig und entstammen zweifelsohne nicht der Feder eines großen Dichters oder Denkers. Aber denken soll man ohnehin nicht zuviel bei diesem „Van Damme“.

Jean Claude out of hell
Alles in allem ein zurfriedenstellender Eintrag in Van Dammes Filmographie, der sich deutlich von Debakeln wie „Inferno“ oder „Double Team“ abhebt. Ringo Lam qualifiziert sich durchaus für ein größeres Budget. Die Action geht in Ordnung, die Story ist akzeptabel, Fazit: Solide B-Kost mit den „Muscles from Brussels“.
Achja, eine Sache noch: Vielleicht wäre es ratsam, wenn die Covertexter den Film, dessen Inhaltsangabe sie fabrizieren müssen, auch vorher sehen würden. Dann würden groteske Schnitzer wie „Kyle Lord“ oder „Strafanstalt Marquezas“ sicher nicht passieren…

Dialoghighlight: siehe „Mottenabschnitt“

6 von 10 CGI-Motten

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