Wir schreiben das Jahr 1956. Irgendein Regisseur, der auf den Namen Stanley Kubrick hört, dreht den Film "Die Rechnung ging nicht auf", vielleicht besser bekannt unter "The Killing". Doch das Genie, das in späteren Zeiten mit Filmen wie "A Clockwerk Orange", "Full Metal Jacket" oder auch "Eyes Wide Shut" für Aufsehen sorgen sollte, erzählte diesen Film anno 1956 nicht auf eine herkömmliche Weise. Er entschied sich für ein Bilder-Wirr-Warr, in dem scheinbar sinn- und wahllos von Zeitebene zu Zeitebene gesprungen wird. Kommentiert von einem Erzähler aus dem Off. Erst nach und nach ergibt die Geschichte einen Sinn, die verschiedenen Charaktere werden schließlich immer mehr miteinander in Verbindung gebracht, bis sie gegen Ende sogar gleichzeitig auf dem Bildschirm zu bewundern sind.
Wieso ich das erwähne ?
Ganz einfach. Dieser Stil sorgte für Furore und ist anscheinend heutzutage mehr denn je angesagt. Quentin Tarantino, bekennender Fan vom mittlerweile verstorbenen Kubrick, wollte auch in seinen persönlichen Meisterwerken "Pulp Fiction" und "Jackie Brown" nicht auf solch eine Erzählweise verzichten und griff auf jene zurück. Auch aktuellere Filme wie der oscarprämierte Überfilm "L.A. Crash", Independent-Filme wie "Fugitivas - Auf der Flucht" oder das spanische Wunderwerk "Amores Perros" legen Wert darauf, zunächst voneinander unabhängige Handlungsstränge ineinander überlaufen zu lassen.
Logischerweise hab ich nicht ohne Grund besagten "Amores Perros" als Letztes genannt. Beide Filme gehen auf die Kappe von Alejandro Gonzalez Inarritu. Binnen 3 Jahre veröffentlichte er diese 2 sagenhaften Streifen, ohne dass sie sich sonderlich voneinander unterscheiden. Und dennoch könnten sie unterschiedlicher und kurzweiliger nicht sein.
Wie schon sein Vorgänger beinhaltet "21 Gramm" einen zentralen Autounfall, der die Charaktere zusammenführen und aufeinandertreffen lässt. Hier sind es Paul Rivers (Sean Penn), Jack Jordan (Benicio del Toro) und Christina (Naomi Watts). Deren Schicksale zu erwähnen, wäre fehl am Platz und würde nur Zeit kosten. Es geht mir auch gar nicht darum, irgendetwas von der Story zu verraten.
Vielmehr liegt es mir am Herzen, diesen Film, man kann es auch in einer gewissen Weise ein Stück der Perfektion nennen, wiederum jedem ans Herz zu legen, der die Chance dazu hat. Diese Schauspieler, diese Handlung, diese Erzählweise, diese Kamera, diese Bilder, diese Musik. Was in Gottes Namen ist hier bitte nicht perfekt ?
Die Schauspieler, im Mittelpunkt Sean Penn, Naomi Watts und Benicio del Toro, spielen für mich an der absoluten Höchstgrenze. Phänomenal, wie sie ihre Charaktere und deren Achterbahnfahrten der Gefühle verkörpern, so mitreißend und bewegend, dass es wirklich schon fesselt, wenn mal Nichts gesprochen wird und die Protagonisten einfach nur gezeigt werden. Wenn Paul den todkranken, dann wieder intakten und dann doch wieder irgendwie zerbrochenen mimt. Wenn Christina wohl die schrecklichste Erfahrung macht, die einer Mutter zustoßen kann, dann doch wieder einen Funken Hoffnung verspürt, aber letztendlich doch zutiefst traurig ist. Oder wenn Jack, mit einer miesen Vergangenheit, einen Neuanfang starten, Alles besser machen will und dann doch kläglich scheitert und eigentlich Alles noch verschlimmert. Solch Werdegänge kann man nicht nur anhand der Story erzählen. Da braucht man die passenden Schauspieler dazu, die diese wiedergeben, ja fast schon leben müssen. Dies gelingt hier perfekt.
Die Kamera tut ihr Übriges. Sie schont die Schauspieler zu keiner Sekunde, zoomt regelrecht auf Penn, Watts und del Toro drauf, da ein Close-Up, hier ein weinendes Gesicht, da ein Nervenzusammenbruch und dort ein wildes Geschrei, sei es aus Wut, Trauer oder Verzweifelung. Was "21 Gramm" an Gefühlen beinhaltet und vor allem, wie viel von diesen Gefühlen auch beim Zuschauer ankommen, ihn berühren, mitnehmen und bewegen, das ist schlichtweg atemberaubend. Nicht dass das genug wäre, da kommt ein Score hinzu, der die Augen nicht trocken und die Gehirnzellen nicht unaktiv lässt. Wer hier mal 5 Minuten nicht aufpasst, vor allem am Anfang, der kann ganz schnell einpacken und verpasst die ein oder andere wichtige Sequenz. Ich habe wirklich selten einen Film gesehen, der teilweise so konfus und wirr wirkt und in dem so gut wie jede Szene von akuter Bedeutung ist.
Die Erzählweise ist wie bereits beschrieben. Da wird von Person zu Person gesprungen, von der Vergangenheit in die Zukunft, um dann doch wieder in der Gegenwart zu landen. Alles ineinander verworren, keine Chronologie, kein Sinn. Scheinbar. Doch dank einem Schnitt, der seinesgleichen sucht, ist diese Erzähltechnik jetzt Nichts, wo man sich denkt, dass man es so erzählen wollte, um sonderlich ausgefallen und hip sein zu wollen. Sie passt perfekt zum Rest des Films, nimmt meistens schon den Ausgang einer Szene voraus, was aber überhaupt nicht stört oder negativ ausfällt, im Gegenteil.
Es sind Einzelschicksale, die hier im Mittelpunkt stehen. Keine alltäglichen Einzelschicksale, sondern schon wirklich harte Brocken. Gute Laune verbreitet "21 Gramm" also nicht. Es ist ein Film über die Liebe, den Glauben, das Leben und den Tod. Über Schuld und über Sühne. Über das Kinderkriegen, über das Vertrauen, über das Schicksal und und und. Es gibt kaum einen Bereich aus dem Leben, das der Film nicht zumindest tangiert. Wo Kubricks "The Killing" noch mit einem Kommentator aufwartete, der einem sozusagen beim Folgen der Erzählung unter die Arme griff, springt Inarritu hier wild hin und her, er fordert die Konzentration des Zuschauers ins Unermessliche. Nicht, dass man den Film nicht verstehen würde, sollte man die ein oder andere Szene verpassen. Doch um die wahre Essenz, die eigentliche Qualität des Films wirklich zu begreifen, da bedarf es schon einer großen Portion Auffassungsgabe und Bereitschaft, sich einen Film für die Ewigkeit anzuschauen.
"21 Gramm" beschäftigt einen. Er berührt einen, man identifiziert sich teilweise. Man frägt sich, wie man in der und der Szene selbst handeln würde. Man überlegt sich, ob das und das nun wirklich richtig war. Wie die Personen gehandelt haben. Doch noch viel mehr. Er wirft Fragen auf, die wohl schon immer von Interesse waren. Inwiefern spielt es eine Rolle für deren Beziehung, dass Paul das Herz von Christinas Ehemann hat ? Oder verlieben sie sich nur, weil sie gleichzeitig recht zerrüttet sind ? Ist Jacks übertriebener Glaube gerechtfertigt ? Und würde man, in Christinas Situation, bezüglich Jack, genauso handeln wollen ? Oder würde man anders handeln ? Und wenn ja, wie ?
Fragen über Fragen, die es nach "21 Gramm" zu beantworten gilt. Das ist nicht nur ein Film, den man sich aus Unterhaltung oder Zeitüberfluss ansieht. Gibt man sich einmal diesem Geniestreich hin, lässt er einen nicht mehr los, zieht einen in seinen Bann und auch mit Einsetzen des Abspanns ist es noch nicht getan. Denn erstens verarbeitet man das Gesehene nicht so ohne Weiteres und zweitens wäre da eben noch besagter Score. Nicht von dieser Welt eben.
Mit "21 Gramm" entstand ein Film, der in Sachen Vielschichtigkeit, Tiefgründigkeit und Anspruch nur schwer zu übertreffen ist und von Schauspielern, einem unbeschreiblich bewegenden Score und einer exzellenten Kameraarbeit lebt. Ich würde gerne nur etwas annähernd Negatives schreiben. Nur leider gibt es Nichts. Und ich vergebe wirklich seltenst die Höchstnote, auch wenn ich es oft aus Übermut oder kurzzeitiger Überwältigung tun möchte. Doch hier geht es einfach nicht anders.
10/10 Punkte