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Nach LOST IN TRANSLATION nun noch dieser amerikanischer Independent-Knaller. So langam arbeitet sich das Jahr 2004 an das zuletzt so rosige Independent-Jahr 1999 heran, in dem so herrliche Filme wie MAGNOLIA, AMERICAN BEAUTY und GODS AND MONTSERS das Kino bevölkerten.

21 GRAMM ist ein Ensemblefilm in der Tradition des Robert Altmannschen Schaffens (SHORT CUTS, THE PLAYER), PULP FICTION oder MAGNOLIA. Mit letzterem verbindet ihn die traurige, streckenweise erschütterende und fast schon religiöse Story. Hier wie dort gibt es scheinbar unzusammenhängende Handlungsstränge, die nach einer Zeit zu einander führen und als Gesamtes einen Sinn ergeben. Jedoch verändert Inarritu die klassische Herangehensweise an diese Form der Ensemblefilme dahingehend, dass er nicht nur Parallelmontagen nutzt, sondern auch die Chronologie der Erzählung nicht einhält. Innerhalb der räumlichen und auch der zeitlichen Achse wird fröhlich hin und hergesprungen, ohne aber dass auch nur mittelmässig intelligente und konzentrierte Zuschauer jemals das Gefühl haben müssen, nix mehr zu kapieren. Insgesamt ist für mich die Montage auch der Star des Films. Brilliant, brilliant, brillianr!!! Und so dynamisch, dass die 125 min wie im Fluge vergehen.

Neben der Montage gibt es aber noch weitere Stars: Die Schauspieler!!! Sean Penn mit nicht mehr oder weniger als der Rolle seines Lebens. Die ewige Neuentdeckung Benicio del Toro ist der gewohnte Poser, aber eindringlich und gut. Großartig daneben noch Naomi Watts, die momentan wohl eine der hottesten Newcomerinnen ist und mit 21 Gramm mal wieder beweist, warum. Ihre Performance ist eindringlich, exzessiv und rundum gelungen.Nebenbei verdingt sich immehin noch Charlotte Gainsbourg in einer Nebenrolle. Ganz fantastisch sind auch alle weiteren Nebenrollen besetzt und beeindruckend die Personenregieleistung des noch recht jungen Mexikaners, sich allen Nebenrollen in derartiger Präzision zu widmen.

Die Bildgestaltung ist roh und durch Handkamera geprägt. Erinnerungen an die Pre-Dogma-Zeit eines Lars von Trier machen sich breit. Effektive Handkamera á la BREAKING THE WAVES, ohne in modisches Gewackel zu Verfallen. Die Kamera saugt sich förmlich in die ungeschminkten Gesichter der Darsteller, um auch bloß jede Regung aus ihnen herauszuholen.

Zu Handlung sei hier nichts weiter gesagt und ich kann auch nur jedem raten, völlig unvorbereitet das Kino aufzusuchen, da sich der Film erst dann richtig entfalten kann.

Eine erstaunliche Leistungen für einen Mexikaner, der mit 21 GRAMM gerade mal seine zweite Regiearbeit für einen Langfilm nach dem sehr guten AMORES PERROS vorlegt und zum ersten Mal überhaupt für ein US-amerikanisches Studio gearbeitet hat.

Ein intensives Kinoerlebnis, welches wohl keinen kaltlassen wird, manchen aber zu heftig durchschütteln dürfte.

Mirco Hölling (15.03.2004)

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