Die Leutnant Blueberry Comics zählen zu den besten Western-Comics überhaupt. Erstmals wurde der Wilde Westen wirklich wild, dreckig und unromantisch dargestellt, der Held war kantig und rauh. Als Vorlage musste übrigens kein geringerer als Jean-Paul Belmondo sein markantes Konterfei herhalten, was in den ersten Comics auch noch recht gut zu erkennen ist. Später schliff sich das Gesicht ein und entwickelte sozg. ein charakterliches Eigenleben.Bemerkenswert war auch die realistische Darstellung der Indianer als echte Menschen mit Bedürfnissen, Ängsten, Familie und Tradition. So differnziert sollten sie erst wieder in Der mit dem Wolf tanzt auftauchen.
Der Film Blueberry von Jan Kounen (Dobermann) mit Vincent Cassel in der Titelrolle nimmt sich auch genau diesen Themas an, überspitzt das Ganze jedoch auf die mystische Ebene der indianischen Schamanen- und Zauberkunst. Schon immer sprach man den Indianern Fähigkeiten im Umgang mit der Natur zu, die weit über das Können eines Bernhard Grzimek hinausgehen. Sie konnten mit Tieren reden, in die Zukunft sehen, das Wetter verändern und ihren Körper verlassen, um in Visionen in Kontakt mit ihren Göttern zu treten. Oder mit ihren Dämonen.
Blueberry wird als Jüngling nach einer Schießerei von Indianern in der Wüste gefunden, aufgepäppelt und indianisch erzogen. Er ist sich also deren Kräfte durchaus bewusst, als er Jahre später als Marshall einer dreckigen Kleinstadt dient und sich plötzlich seinen eigenen Dämonen stellen muss - in Form von schatz- und weisheitsuchenden Ganoven, angeführt von einem herrlich diabolischen Michael Madsen. Für Romantik sorgt die unerwartet attraktive und untypisch besetzte Juliette Lewis, für die Lacher sorgen Djimon Hounsou als schweigsamer Schwarzer und Colm Meaney als Bluberrys Gefährte und für die Nostalgie kurvt Western-Urgestein Ernest Borgnine als rollstuhlfahrender Scheriff durch das Westerndorf.Blueberry ist ein bewusst untypischer Western, der sich nicht scheut das Genre zu verlassen, ein bisschen Dämonen-Grusel, ein bisschen Indiana Jones-Abenteuer, ein bisschen Trainspotting-Drogenvisionen. Gut und Böse bleibt ziemlich subjektiv, alle haben mehr oder weniger Blut an den Händen, es wird erschossen, skalpiert, verbrannt und ertänkt. Völlig unerwartet und dadurch ziemlich beeindruckend sind die computeranimierten Visionen, die die Protagonisten und damit den Zuschauer in eine Welt zerren, die direkt dem Hirn H. R. Gigers entsprungen zu sein scheint. Nicht schlecht.
Dennoch überzeugt gerade Cassel nicht so richtig als Blueberry, den man sich irgendwie reifer, aufgeklärter, weiser wünscht. Vielleicht wäre ein etwas älterer Darsteller wie Tchéky Karyo hier die bessere Wahl gewesen, anstatt ihm nur eine winzige Nebenrolle als versoffener Onkel zu geben. Madsen als Bösewicht - wieder mal brillant und sehr charismatisch. Die Inszenierung und Optik ist typisch französisch und erinnert an Klassiker wie Pakt der Wölfe oder Vidocq.Alles in allem ein mal etwas anderer Western, der jedoch erheblich von der Comic-Vorlage abweicht. Aber der zugträchtige Name Blueberry hat schließlich auch in meinem Falle gewirkt und neugierig gemacht. Für John Wayne Fans wahrscheinlich zu abgedreht, für Fans von Spaghetti-Western sicher mal eine Abwechslung. Kein wirklicher Hammer, aber durchaus werkzeugkastentauglich...