Amerika – das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Am 28. Februar 1997 ereignete sich in North Hollywood, Los Angeles aber eine Unmöglichkeit, die bis heute beispiellos ist. Zwei schwer bewaffnete Bankräuber liefern sich mit dem hilflosen L.A.P.D. einen 44minütigen Shootout, der in die Kriminalgeschichte einging. Yves Simoneau rekapituliert diese Ereignisse und zieht die TV-Produktion „44 Minutes: The North Hollywood Shoot-Out“ wie eine Dokumentation auf.
So kristallisiert sich in der ersten Hälfte des knapp 80minütigen Films auch kein klarer Plot heraus. Simoneau liefert ein wenig Backgroundwissen, stellt ein paar der beteiligten Cops vor und begleitet sie bei ihrer tägliche Arbeit, ohne dass das für den weiteren Verlauf weiter von Belang ist. Alibicharakter kann man den ersten 40 Minuten kaum absprechen, denn die diversen privaten Probleme und Sorgen (schwangere Frau, frisch verstorbener Vater, etc.) mögen zur Charakterisierung der Personen hilfreich sein, sind im Shootout später jedoch kaum von nutzen. Etwas anders verhält es sich da mit den hineingeschnitten Interview-Ausschnitten, die die Authentizität des Stoffs untermauern.
Immerhin gelingt es dem Film, während seiner Exposition, a la „Training Day“ ein Gefühl heraufzubeschwören, dass an diesem Tag etwas besonderes passieren wird. Der Sonnenaufgang wirkt leicht surreal, die Routine der Cops am Morgen zu einstudiert. Während sich die Hüter des Gesetzes an ihre tägliche Arbeit machen und ihre Patrouillen fahren, laden zwei Osteuropäer ihr Auto mit Waffen voll und fahren zur „Bank of America“, um dort auf den Geldtransporter zu warten. Als der nicht eintrifft disponieren sie um und beschließen die Bank zu überfallen.
Die so ausführlich gestaltete Vorstellung der Personen ist von nun an nicht mehr wichtig, was einerseits etwas schade ist, da privates Schicksal den einen oder anderen Cop vielleicht zum Nachdenken oder zur Vorsicht bewegen könnte, anderseits aber auch ein Pluspunkt, da Simoneau sich von nun an nur noch auf den überlangen Shootout konzentriert. Der ist gemäß Budget natürlich nicht mit aktuellen Großproduktionen aus Hollywood zu vergleichen, in seiner ausufernden Art aber überraschend gelungen.
Hilflos müssen die Cops mit ansehen, wie die beiden Verbrecher Larry Eugene Phillips Jr. (Andrew Bryniarski, „Street Fighter“, „Black Mask 2: City of Masks”) und Oleg Taktarov („15 Minutes”, „Bad Boys II”) die Bank erstürmen, die Einrichtung mit ihren AK-74 kurz und klein schießen und schließlich aus der Bank wieder heraus kommen, um sich ihren Weg in die Freiheit durch eine Übermacht von Cops zu schießen. Die Gesetzeshüter haben dem unberechenbaren Duo, trotz ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit, nichts entgegenzusetzen. Die Berettas können mit ihren 9mm-Geschossen die Ganzkörperpanzer der beiden nicht durchdringen. Dafür durchsieben deren großkalibrigen Geschosse so manchen Polizeiwagen und menschlichen Körper.
Actionfans dürften von dem hohen Munitionsverbrauch und der Zerstörungsorgie begeistert sein. Eine Handkamera kommt genauso wie Slowmotion zum Einsatz. Blutige Shootouts werden nicht aufgespart und auch unschuldige Zivilisten werden in diesem Kugelhagel schwer verletzt - schonungslos realistisch. Da es den Cops unmöglich ist aus der Distanz einen gezielten Kopfschuss zu platzieren, gelangen die beiden an ihr Fluchtauto, um im Schneckentempo eine Schneise der Gewalt durch Hollywood zu ziehen – auch durch Wohngebiete, weil die Polizei einfach nicht entschlossen eingreifen kann und das S.W.A.T. wegen der Rush Hour Probleme hat zum Einsatzort zu gelangen.
Die prominente Besetzung um Michael Madsen („Reservoir Dogs“, „Species“), Ron Livingston („Band of Brothers“), Ray Baker (Nebenrollen u.a. in „Total Recall“ und „Hard Rain“) und Mario Van Peebles („Heartbreak Ridge“, „Highlander III: The Sorcerer”) hat zwar genügend Screentime, ist hier aber meist von Zurückhaltung geprägt. Schließlich soll „44 Minutes: The North Hollywood Shoot-Out“ in erster Linie immer noch einen realistischen Charakter haben und eben kein Spielfilm sein. So bleiben die großen schauspielerischen Leistungen auch aus. Selbst Madsens emotionelle Verbindung zu dem Verbrecherduo ist später nicht weiter von Belang.
Die heroische Stilisierung der Beteiligten findet kaum statt, wofür man dankbar sein kann. Eher das Gegenteil ist der Fall, lässt man Ende doch den schwerverletzten Kriminellen, anstatt Erste Hilfe zu leisten, blutend am Boden liegen. Dabei werden zwar keine wirklich kritischen Stimmen laut, einwandfrei ist das Verhalten der Cops in dieser Situation jedoch natürlich nicht.
Spannend ist der Dokufilm dank seiner Unberechenbarkeit allemal, gelingt es Simoneau in der zweiten Hälfte doch eine kurzweilige, überraschend spektakuläre, harte und effektgeladene (dabei dominiert Realismus!) Auseinandersetzung zu inszenieren, die sich vor diversen Big-Budget-Streifen nicht zu verstecken braucht. Kameramann David Franco dürfte da mit Erfahrung aus den bleihaltigen „Silent Trigger“ und „3000 Miles to Graceland“ eine echte Hilfe gewesen sein. Die Zerstörungsorgie wird vom Schicksal diverser Polizisten und mutigen Rettungsversuchen unterbrochen, um dann fix wieder den Munitionsverbrauch nach oben zu schrauben.
Der abschließende Kommentar von Michael Madsen hat noch einmal ein paar interessante Informationen zu bieten. Die Reputation der Cops verbesserte sich nach dem Vorfall nämlich enorm und die Ausstattung mit Maschinengewehren wurde nach diesem Vorfall Pflicht. Mit Live-Footage von 1997, begleitet von Texttafeln, klingt der Film schließlich aus. Schade nur, dass er nichts weiter zu der Klage der Familie des einen Bankräubers sagt.
Noch ein Wort zur deutschen DVD. Wer die Möglichkeit hat, sich das amerikanische Pendant zu besorgen, sollte zugreifen. Zum einen ist auf der deutschen DVD die englische Sprachfassung nur in Stereo enthalten, zum anderen ist die deutsche Synchronisation leider von, um es mal vorsichtig auszudrücken, untalentierten Sprechern verbrochen worden.
Fazit:
Für eine TV-Produktion ist „44 Minutes: The North Hollywood Shoot-Out“ in der zweiten Hälfte ein überragendes Actionspektakel. Schade, nur dass die dröge, den Streifen auf Spielfilmlänge dehnende, erste Hälfte da nicht mithalten kann. So bemüht Simoneau auch ist den Publikum die drei wichtigsten Charaktere nahe zu bringen, so überflüssig ist das angesichts des späteren Shootouts doch. Die kurzen Interview-Ausschnitte sind da wesentlich hilfreicher. Mit seinem Doku-Stil, dem hohen Grad an Realismus und Authentizität und der grandiosen Action in der zweiten Halbzeit ist „44 Minutes: The North Hollywood Shoot-Out“ ein echter Geheimtipp. Nicht auszudenken, was man hier mit einem größeren Budget anstellen hätte können.