„Ich sehe niemals, noch höre ich oder spreche Böses...“ (Überlebenstaktik im Hause Robeson)
Zwischen seiner TV-Arbeit „Night Visions“ und der Wiederaufnahme seines Serienkillers und „Traummanns“ Freddy Krueger in „Freddy’s New Nightmare“ drehte US-Horror-Regisseur Wes Craven im Jahre 1991 den Horrorfilm „Das Haus der Vergessenen“, sein erster Film jener Dekade. Das Drehbuch stammt ebenfalls aus seiner Feder.
Ghettokid „Fool“ (Brandon Quintin Adams, „Moonwalker“) ist verzweifelt: Seine Familie ist verarmt und seine Mutter benötigt dringend Geld, um sich eine lebenswichtige Operation leisten zu können. Zusammen mit zwei befreundeten älteren Kleinkriminellen dringt er in das Haus der seltsamen Familie Robeson ein, von der man sagt, dass diese einen Goldschatz horten würde und die zudem das Viertel systematisch ausbeutet. Im Haus angelangt jedoch segnen Fools Freunde schnell das Zeitliche und muss nun auch er selbst um sein junges Leben bangen, denn die Familie entpuppt als inzestiöses und mörderisches Geschwisterpaar, das im Keller des Hauses von der Außenwelt isoliert Kinder und Jugendliche gefangen hält, die im Laufe der Jahre kannibalistische Neigungen entwickelt haben. Außerdem lernt er das Mädchen Alice (A.J. Langer, „Flucht aus L.A.“) kennen, die angebliche Tochter des Paars (Wendy Robie, „.Dentist II - Zahnarzt des Schreckens“ und Everett McGill, „Werwolf von Tarker Mills“). Zusammen versuchen die beiden, ihrer Situation zu entkommen und der sich des Zugriffs des sadistischen Paares entziehende Roach (Sean Whalen, „Batmans Rückkehr“), der zwischen den Wänden des architektonischen Kuriosums lebt, hilft ihnen dabei…
Wes Cravens „Das Haus der Vergessenen“ ist eine hysterische, überzeichnete, schwarzhumorige Parabel auf den mit geistiger wie ökonomischer Gesundheit nicht mehr viel gemein habenden Zustand der besitzenden Klasse, ihr sinnloses Anhäufen von Reichtum, ihr krampfhaftes Festhalten an vermeintlich traditionell gewachsenen Verhältnissen, deren bizarre Entstellungen sie selbst nicht mehr wahrzunehmen in der Lage sind und die fatalen Auswirkungen auf die elementaren Grundbedürfnisse der Bevölkerung wie gesundheitliche Absicherung und bezahlbaren, menschenwürdigen Wohnraum. Zu diesem Zwecke wurde eine Familie erdacht, die sich nach außen hin das Gesicht konservativer Durchschnittsamerikaner gibt, sich mit ihrem wahren Handeln und ihren eigentlichen Interessen aber weitestmöglich abschottet von Bevölkerung und staatlichem Einfluss. Stilistisch bewegt sich Craven damit zwischen zahlreiche Genremotive abdeckendem Horror, der mit tief verwurzelten Ängsten spielt, jedoch jeweils auch aus zahlreichen anderen Produktionen bekannt sein sollte, und einem sich an den Erzählstrukturen des Mainstreams orientierenden, alptraummärchenhaften Kinder-/Außenseiter-Fantasy-Abenteuer, das indes in wenig kindgerechter Form dargereicht wird, aber die Überwindung von Rassengrenzen sowie von Ekel und Scheu gegenüber andersartigen Wesen aufgreift.
Dabei setzt Craven auf ein beinahe irrsinniges Tempo, das einhergeht mit dem Overacting insbesondere der erwachsenen Darsteller und bei rasanten Hatzen durch Kellergänge kaum Zeit zum Luftholen lässt. Einige visuelle Härten und grauenerregende Masken garantieren Schreckspitzen und werden in ihrer Konsequenz lediglich durch den satirisch-humoristischen Unterton in ihrer Wirkung relativiert. So hält sich der Verstörungsgrad in Grenzen, während die wenig ambivalenten Charakterisierungen und die Thematik zweier (dann doch gar nicht so) hilfloser Kinder gegen eine übermächtige, von der gefühlskalten Erwachsenenwelt ausgehenden Gefahr dem Märchenhaften Vorschub leistet. Das Ende ist dann irgendwo zwischen spielbergesker kitschiger Sozialromantik und abstrahierter, allgemein verständlicher und – wie letztlich der ganze Film – auf emotionaler Ebene funktionierender Beschreibung der potentiellen Macht eines solidarischen Einstehens für seine Rechte anzusiedeln.
„Das Haus der Vergessenen“ ist von Anfang bis Ende „typisch US-amerikanisch“ und mag auf den ersten Blick etwas oberflächlich erscheinen mit seiner wenig subtilen Art, gesellschaftliche Missstände aufzugreifen um dem Zuschauer in der beschriebenen Form um die Ohren zu hauen, ist für den wahren Mainstream und dessen Sehgewohnheiten aber zu schwer verdaulich und bietet unabhängig davon aber unterhaltsame, laut polternde Genrekost, passable Schauspieler, bizarr-morbide Kulissen und einem Inszenierungsstil, der sich durchaus angenehm an große Kinder bzw. das Kind im Manne richtet. Sicherlich kein Craven-Klassiker, aber ein sympathischer, recht gelungener Film. Dass man des Öfteren an den in der Wand lebenden Herrn Riebmann wird denken müssen, konnte der gute Wes seinerzeit natürlich nicht ahnen...