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"Suspiria“ ist der Film, der wohl wie kein zweiter die pure Quintessenz des Lebenswerks von Dario Argento, zeigt. Nie wieder ist es Argento nach „Suspiria“ gelungen einen Film zu schaffen, der auch nur annähernd so Alptraumhaft und verstörend wirkte. Er hat zwar auch in den Jahren danach immer wieder großartiges Abgeliefert, aber die nahezu perfekte Kombination aus Musik, Atmosphäre, Farben und Optischer Brillanz blieb doch unerreicht.

Bevor ich aber etwas näher auf all diese Dinge eingehe zur einzigen Schwäche die sich Argento gegönnt hat. Die Story. Knappe 90 Minute gelingt es Argento den Zuschauer zu fesseln, ihn auf ein Finale vorzubereiten, von dem man sich als Zuseher erhofft, dass es das bis dahin gesehene übertreffen kann, es zu einem würdigen Abschluss führt. Doch genau hier scheitert Argento. Er verliert sich im Finale in einer aufgesetzt und dahin gefuhrwerkten Aufklärung, die eher verärgert als verstört und schockiert. Beim ersten Sehen hatte ich das Gefühl, Argento hätte sich zum Schluss einen großen Witz erlaubt, den Zuschauer einfach mit dem abgespeist was er wohl nur als bitterste Alternative befürchten konnte. Wo bleiben hier Spannung, Atmosphäre, Thrill und Alptraumhaftigkeit des vorangegangenen Films? Es wirkt als ob man aus einem zugleich faszinierenden und doch erschreckend heftigen Alptraum aufwacht und feststellt, dass man ja keinerlei Grund hatte sich zu fürchten, da es ja doch wieder nur auf altbekanntes hinausläuft.
Dabei erzählt Argento doch zuvor eine Geschichte die Gefangen nimmt, die fesselt. Die junge Ballettschülerin die nach Deutschland kommt um an einer altehrwürdigen Tanzschule das Tanzen zu lernen, während im Umfeld die Menschen sterben. Der Film wandelt gekonnt zwischen „Hanni und Nanni“ Schullandheimatmosphäre und knallharter Thrillerstory. Pure Naivität in den Szenen die die Mädchen unter sich zeigen und die harte Realität wenn dieser Bannkreis durchbrochen wird vom Tod. Man mag es fast schon als ein Abbild des Erwachsenwerdens sehen. Der Ausbruch aus dem behüteten, beschützten Kindlichen hin in die harte Realität, in eine Welt die keinen Schutz mehr bietet, der Menschen auf sich selber stellt. Suzy die Hauptfigur, hat dann auch eher etwas Elfenhaftes. Zierlich, klein und immer mit großen Augen durch die Welt gehend wird sie konfrontiert mit etwas, dass sie nicht verstehen kann, nicht begreifen kann/möchte. Erst als sie beginnt zu hinterfragen und sich mit der Situation auseinander zusetzen wird sie Einblicke in eine Welt hinter der ihr bekannten Realität finden.

Unterstützt wird dabei dieser Übergang zwischen Kindheit und Erwachsenenwelt von der wohl einmaligen und herausragenden Bildsprache und Farbgebung. Jede einzelne Szene ist farblich ausgeleuchtet. Man mag es abfällig als Nebenprodukt der psychadelischen 70er Jahre abtun. Aber Argento geht weiter, benutzt die Farben um Stimmungen und Gefühle auszudrücken. Alles hat „seine“ Farbe, die Freude, der Tod, die Gewalt, die Angst. Und wie auch im echten leben schlagen die Gefühle und Stimmungen um, wechseln wie ein Chamäleon die Farbe. Auch gibt es keine Nacht, die Dunkelheit selbst hat ihre Farbe. Schatten spielen hinter Vorhängen, das Unbekannte, Unsichtbare ist der Feind ist die Angst.
Nie gab es einen einsameren Menschen in einem Film als den Blinden Klavierlehrer der über einen Platz fern jeglicher Verhältnismäßigkeit geht, geführt von seinem Hund, die Dunkelheit ist nicht sein Feind, sie ist sein Alltag, es ist sein augenlicht, sein Beschützer, der sich letztlich gegen ihn wenden wird. Doch bis es soweit ist wird der Zuschauer gefoltert. Die Nerven liegen blank. Man rechnet jederzeit mit einem Angriff, doch Argento gibt dem Zuschauer nicht das Gefühl der Erlösung, hält ihn weiter hin, untermalt von den treibenden, verstörenden Klängen von Goblin, die nie besser waren als bei diesem Soundtrack. Wenn sich diese Szenen letztlich endlich entlädt, und die Farben zurückkehren zur Ruhe weiß man, das Argento hier etwas geschaffen hat, dass er unmöglich jemals wieder wird toppen können.
Hier wird Film zum bösen Traum, Realität zu etwas das nicht greifbar scheint, man kann die Leistung von Kameramann Luciano Tovoli nicht hoch genug einschätzen. Die Bilder fesseln durch außergewöhnliche Perspektiven, lassen den Zuschauer nie mit dem Gefühl von Sicherheit dasitzen.
Dazu kommen Szenen, die man den surrealistischen Touch noch unterstreichen, Das Lager in der Turnhalle, die Maden und der Sturz Suzys in ein Lager voller großer Metallspiralen. Argento schafft Szenerien und Situationen die absurd wirken, losgelöst von allem, aber immer wieder durch den Einbruch der Gewalt zurückgezerrt werden in Gefilde von denen man weiß das sie existieren.

Die Darsteller und ihre Rollen unterstreichen dabei noch das Gefühl, das die Welt die Argento geschaffen hat, irgendwo nur ein winziges blinzeln entfernt von der Realität ist, aber doch vollkommen eigen. Die Russische Ballettlehrerin, der behinderte Butler, der blinde Klavierspieler, sie alle wirken überzeichnet und doch nie lächerlich oder aufgesetzt, eher verstärken sie die Wucht der Bilder. Jessica Harper die wie eine Schlafwandlerin als Kindfrau durch diesen bösen Traum läuft liefert eine grandiose Leistung ab. Doch auch ihre Leistung muss hinter der alles überragenden Bildsprache und Optik hinten anstehen.

Man kann Argento vorhalten, dass er sich neben dieser Optik zu wenig um die Story gekümmert hat, doch das würde dem Film nicht gerecht. Auch wenn ich das Ende wie bereits geschrieben, für wirklich schlecht halte, für unpassend, ja eher Zerstörend für alles was zu vor kam, ändert das doch nichts daran, dass ich „Suspiria“ den Status eines Meisterwerkes zuspreche. Sicherlich nicht perfekt, aber doch einfach zu anders als alles was man sonst so kennt, um nicht als herausragend betrachtet werden zu können. 9 von 10 Punkten.

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