Review

Über Argentos wohl weltweit bekanntesten Film ist bereits viel geschrieben worden, positiv wie negativ, und irgendwie haben sowohl die Fürsprecher als auch die Nörgler mit ihren stärksten Argumenten recht.

Weder vor noch nach „Suspiria“ wußte Argento in punkto Farbeinsatz und Set-Design so zu glänzen. Unterstützt durch längst nicht mehr verwendetes spezielles Filmmaterial schafft er im Verbund mit Kameramann Luciano Tovoli Bilder von faszinierender Schönheit, und das nicht nur partiell in einzelnen Szenen, sondern von der ersten bis zur letzten Sekunde. Ganze Drehorte oder auch lediglich einzelne Objekte werden in eine grelle Optik getaucht, wie man sie so gebündelt wohl noch nie gesehen hat. In die Hände spielt ihr zudem als hauptsächlicher Schauplatz die Ballettschule, deren Fassade dem im gotischen Stil gestalteten „Haus Zum Walfisch“ nachempfunden ist. Im Inneren reihen sich ungewöhnliche Einrichtungsgegenstände und irritierend fremdartige Wandmalereien und -symbole aneinander, die durch gleichzeitige Überbetonung der Primärfarben die imposante Wirkung noch vervielfachen und geradezu eine Reizüberflutung auslösen. Die Figuren gehen darin verloren, so daß selbst die eigentliche Hauptdarstellerin Jessica Harper zum Zweite-Geige-Spielen degradiert wird. Sie ist halt da, weil jeder Horrorfilm Schauspieler und natürlich auch eine Heldin braucht.

Zu alledem erklingt unentwegt ein in allen Belangen verwirrender Goblin-Score von der Tonspur, der angesichts dieses mit der Kamera festgehaltenen Fiebertraums niemals sinnvoller eingesetzt wurde, ihn noch verstärkt – vom simpel-ruhigen und dennoch unheimlichen Leitthema, in das mitunter eine Männerstimme zischend und flüsternd einstimmt, bis hin zu gänzlich unmelodischem Geschrei und Geprügel auf diverse Schlaginstrumente wird mit voller Absicht auf den Nerven des Zuschauers herumgetrampelt, um die Befremdung noch zu vertiefen.

Wie einfach wäre es nun, sich an der visuellen Brillanz zu berauschen! Form geht bei einigen Regisseuren nun mal vor Inhalt, und bei Argento gilt diese Faustformel wie bei kaum einem anderen Regisseur, den ich kenne. Nur liegen auch bei kaum einem anderen Regisseur die Qualitäten so weit auseinander: Vom erzählerischen Standpunkt betrachtet ist „Suspiria“ nämlich eine ausgesprochen dürftige Angelegenheit – einen Fakt, den man ignorieren könnte, wenn die Geschichte nicht permanent an der imaginären Linie zur unfreiwilligen Komik vorbeischrammen würde, die es schwer macht, die an sich allen Gruselansprüchen gerecht werdende Story durchgehend ernstzunehmen. So kommen sich Form und Inhalt immer wieder unschön in die Quere und verursachen fortwährend die Frage, was hier hätte herausgeholt werden können, wenn nicht ständig diese beknackten Dialoge wären, die ich leider auch dann nicht außer acht lassen kann, wenn ich den Film als Alptraum betrachte, in dem die Logik vollends aufgehoben ist. Immer dann, wenn die Protagonisten länger als wenige Sekunden den Mund aufmachen, wird es kritisch. In der Hinsicht funktionieren einzig und allein die Gastauftritte von Udo Kier und Rudolf Schündler, beim ganzen Rest ist viel, leider manchmal auch zu viel Schwund dabei.

Dem gegenüber stehen ja aber eben die ganzen tollen Sequenzen, die man auch losgelöst von der Optik nach Jahren nicht vergißt: die komplette Einführung bis zum ersten Doppelmord; die Szene mit dem blinden Pianisten und seinem Schäferhund auf dem Münchner Königsplatz; oder das Finale, in der die Hauptfigur den Geheimgang entdeckt und der laut seufzenden Hexe gegenübersteht. Argento zeigt sich wirklich auf dem Höhepunkt seines Schaffens und läßt selbst die brutale, geradezu sadistische Tat des unbekannt bleibenden Killers zu Beginn schön aussehen, wobei eine Detailaufnahme eines offenen Brustkorbs mit noch schlagendem Herzen schon zu viel des Guten ist. Die einfallsreichen Mordsequenzen sind generell so kunstvoll gestaltet, daß sie kaum zu erschrecken vermögen. Fies anzusehen sind sie dennoch.

So siegt am Ende dann die Form irgendwie doch deutlich über den Inhalt, weil es die Form ist, die sich im Kopf des Zuschauers einbrennt, und nicht der schwache Inhalt, der zwar während der Sichtung das Filmvergnügen schmälert, aber im Nachgang bei diesem imposanten Bildersturm, ach was, -orkan!, nur allzu gern vergessen wird. Als Stummfilm mit der Goblin-Musik sowie mit einigen erklärenden Texttafeln oder Off-Erzähler wäre „Suspiria“ vielleicht sogar makellos. Trotzdem ein Genuß. 8/10.

Details
Ähnliche Filme