Dario Argento, der dem Genrekino unmittelbar entsprungen ist und fern vom Western den Giallo und den Horrorfilm maßgeblich geprägt hat, zuletzt wirklich aber nur noch Rotz ablieferte, hat sich in den Siebzigern den Ruf erworben, die qualitativ besten Beiträge im Bereich Giallo und Horror abgeliefert zu haben.
Und als sein Meisterwerk gilt heute eben „Suspiria" von 1977, der die Grenze zwischen den beiden Genres quasi naturgegeben auflöst.
Über diesen Film ist bereits viel geschrieben worden und er erhielt auch die „Ehre" eines ansehnlichen Remakes, das aber eben nicht an die ästhetische Wucht vom Original herankommt.
Alle Bereiche, die sonst schwankend bis enttäuschend den Ruf des Genrekinos ramponierten, werden hier meisterlich bedient:
Die Kameraarbeit darf auf viele unterschiedliche Techniken zurückgreifen und Kamerafahrten scheinen nicht mehr als unnötiger Luxus zu gelten, der auf Befehl des nur auf Kohle schielenden Produzenten kostengünstig durch wackelige, hektische Zooms zu ersetzen sei.
Die Kulissen und Bauten sind stimmungsvoll und in den Bildkompositionen liegt eine große Stärke des Films. Die Verwendung von viel Farben, Formen und Licht taucht die Geschichte in eine überzogene, artifizielle Glasur, deren Glanz schon teilweise blendet. Nie war Blut roter als hier, selten ein Filmset arrangierter.
Die Musik von Goblin geht mit der optischen Kraft Hand in Hand und zusammen entwickelt sich ein Klang- und Bilderrausch, der auch die etwas dünne Story durchgehend unter Spannung halten kann.
Die Story wird dabei aber nicht so schändlich missachtet, wie es beispielsweise Fulci immer wieder tat. Von Beginn an wird über die Stimmung die Erwartung an eine sich entladende Bedrohung geschürt und der Kern der Handlung wird im Vergleich recht konsequent vorangetrieben und gipfelt dann auch in einem klar angesteuerten Finale, das in der Auseinandersetzung zwischen Heldin und Gegenpart im Vergleich zur atmosphärischen Dichte dann etwas dünn ausfällt.
Den einen oder anderen italo-typischen Tritt, der einen etwas aus dem Takt bringt, gibt es dann aber doch. In der Anfangssequenz mit dem ersten Opfer gibt es Sprünge, die einfach als ungeschickt beschrieben werden müssen und den Eindruck erwecken, dass Szenen bei der Endbearbeitung verschwunden waren. Das sind aber eher kleine Stolperer und nach einem kurzen Schütteln ist man wieder drin.
Die Schauspieler sind für einen italienischen Horrofilm ungewöhnlich besetzt. Neben den Genrefreunden bekannten Udo Kier und Rudolf Schündler in kleinen Rollen kann vor allem die vollkommen genrefremde US-Schauspielerin Jessica Harper überzeugen. Das Konzept der jungen Frau als Heldin, die tatsächlich keinerlei männliche Unterstützung erhält, steht ganz erfrischend im Gegensatz zur unbestreitbaren Mysogynie des italienischen Kinos, das Frauen im Giallo und im Horrofilm lediglich als Opfer und in anderen Genres allenfalls als erotisches Zielobjekt oder den Mann treu unterstützendes Familienfaktotum darstellte. Natürlich ist diese Art der Darstellung einer an der stets als naturgegeben angenommenen weiblichen Emotionalität scheiternden Frau immer eine zeitgenössische Komponente, die damals als vollkommen normal angesehen und nicht hinterfragt wurde, entsprach sie doch weitestgehend den gesellschaftlichen Geschlechterrollenkonzeptionen.
Allerdings verschloss sich der Film im Allgemeinen doch merklich dem einsetzenden gesellschaftlichen Umbruch der späten Sechziger und frühen Siebziger, bzw. münzte den lauter werdenden Ruf nach weiblicher Selbstbestimmung lediglich in freizügigere Darstellungen weiblicher Figuren als weiterhin in erster Linie zunächst in ihrer Erotik wahrgenommene Objekte um. Aber das ging ja durch alle Genres und Länder und so ganz weg davon ist man mit Blick auch auf das zeitgenössische Unterhaltungskino auch heute noch nicht.
Da sticht das Konzept Argentos eben doch hervor, wenn er auf den typischen Macho, der die Frau letztlich rettet und sie spätestens am Ende dann klarmacht, gänzlich verzichtet. „Suspiria" nun aber als Leitbild emanzipatorischer Umbrüche im Kino der Siebziger zu deuten, wäre natürlich schlichtweg falsch, wenn man die stets sexualisierten Mordszenen betrachtet, die dann eben doch wieder das weibliche Opfer in gewohnter, wenngleich schicker, Weise inszenieren.
Aber das Fehlen des männlichen Helden, die selbstbestimmende Art der Heldin und die Tatsache, dass das Böse hier als Hexe eben auch weiblich ist, fallen doch auf. Suzy Banyon aber als Vorbild für Ellen Ripley zu sehen, geht dann aber, wie gesagt, doch zu weit.
Fazit
„Suspiria" ist einer der wenigen italienschen Genrefilme, die ihren guten Ruf zu recht innehaben. Bild- und klanggewaltig, atmosphärisch fesselnd und von traumartiger Ausstrahlung gelingt es Dario Argento, kreative Ideen auch konsequent umzusetzen, ohne dass das Budget diese Ideen permanent ausbremst und den Zuschauer denken lässt: „Ich glaube, ich weiß, was er da eigentlich machen wollte" oder "Ah, der will gerade XYZ kopieren." Dafür ist Argento dann in seiner Kreation viel zu eigenwillig.
Dass es hier und da landestypische, kleine Brüche gibt und die Figurenzeichnung der Überästhetisierung weichen musste, wird auf diese Weise ausreichend kaschiert.
Mainstream ist „Suspiria" damit noch nicht, was hier als Lob gemeint ist, hebt sich aber dennoch von vielen sonstigen Beiträgen des italienischen Kinos qualitativ deutlich ab. Trotz der (wenigen aber eindrücklichen) Gore- und Splatterszenen ist der Film also nichts für die Freunde des Italo-Trashs wie Fulcis „New York Ripper" oder D`Amatos „Antropophagus", die auf eben diese krude zusammengeschusterten BPJS-Hits eingestellt sind. Dafür ist diese Filmperle einfach zu schön.
Unnützes Wissen
Laut Wikipedia spielte der Film in Italien mehr Geld ein als "Der weiße Hai", immerhin bis 1977 der finanziell erfolgreichste Film Welt. Dass heute so ein eigensinniger Film wie "Suspiria" den immergleichen, dummbräsigen Marvel-Müll in einem europäischen Land oder in den USA an den Kassen schlagen könnte... - Undenkbar!