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Dario Argento, der Meister des italienischen Giallo-Schockers, hat mit seiner Mütter-Trilogie um ein satanisches Hexen-Trio eine der unter Genre-Fans berühmtesten Horror-Reihen inszeniert. Schon der Erstling "Suspiria" besticht dabei als bildstarkes, schockierendes Gesamtkunstwerk.

Das Interessante an diesem späten 70er-Exploitation-Streifen: Er dürfte eigentlich gar nicht funktionieren. Zu primitiv und vorhersehbar die Schockeffekte (wie aufleuchtende Augen in der Dunkelheit oder Überfälle aus dunklen Ecken heraus), zu künstlich Setdesign und Beleuchtung, zu unglaubwürdig die Handlungen der Figuren - ganz zu schweigen von deren hauchdünner, klischeehafter Charakterzeichnung und dem Nichts an Story. Und dennoch entwickelt "Suspiria" von der ersten Szene an eine dichte, enorm beängstigende Atmosphäre, der man sich nicht entziehen kann.

Das Geheimnis liegt in der puren Wucht der Inszenierung: Wo andere Filmemacher versuchen würden, leisere Töne oder dezenten Grusel zu erzeugen, schlägt Argento gnadenlos mit der formalen Keule zu. Allein schon diese Farbdramaturgie: Permanent werden die gesamten Szenen in künstliches Knallrot, Tiefblau oder giftiges Grün getaucht. Zusammen mit den ins Absurde gesteigerten architektonischen Experimenten des 70er-Baustils - knallrote Hauswände und Tapeten, verwinkelte, klinisch sterile Flure und eine geradezu kalt wirkende Einrichtung - erzeugt der Film so den Eindruck, in einer irgendwie falschen Traumwelt unterwegs zu sein, ein kleines Stück neben unserer Realität. Dieser leicht surreale Touch, der in den mitunter urplötzlich einbrechenden Schocksequenzen regelmäßig auf die Spitze getrieben wird, ist die perfekte Ausgangslage für einen Schocker, der zwischen brutalem Serienkiller-Slasher und mystischem Okkult-Reißer pendelt.

Dazu kommt der geniale Soundtrack, an dem neben Dario Argento persönlich auch die Kultband Goblin beteiligt war und der mit seiner ebenso krachenden wie subtil verstörenden Wucht inklusive Choraleinflüssen schon ganz allein für Gänsehaut sorgen kann. Kaum ein Score in der Geschichte des Horrorfilms lässt den Zuschauer dermaßen erzittern, allenfalls vielleicht noch John Carpenters Untermalung von "Halloween". Wenn diese geisterhafte Musik die Figuren auf ihren Schleichwegen durch rot beleuchtete Gänge begleitet, greift das das Nervenkostüm auch erfahrener Genre-Fans mächtig an.

Und als grausiger Höhepunkt kommen zu all dem noch die krassen Schocksequenzen. Auch wenn aus heutiger Sicht die Splattereffekte etwas schwach aussehen, kann die schiere brachiale Gewalt der Bilder immer noch verstören: Wenn etwa in Detailaufnahme Messer in den Leib der Opfer gerammt werden oder ein freigelegtes Herz zerschlitzt wird. Blutüberströmte, verstümmelte Leichen tauchen nur sehr punktuell auf, wirken dafür aber umso entsetzlicher. Ebenso vermögen einige Szenen durch sehr originelle Auflösungen enorm zu bestürzen - etwa die völlig unvorhergesehene Attacke auf einen Blinden mitten auf einem nächtlichen Platz. Auch die berühmt-berüchtigte Madenszene kann für Herzklopfen sorgen. Das ist Giallo at its best.

Mit "Suspiria" hat Dario Argento ein expressionistisches Meisterwerk des Horrorfilms gedreht, dessen Hauptmittel die formale Übersteigerung ist. Diesen Achterbahn-Höllentrip übersteht man nur mit zerrütteten Nerven - der brillanten Licht- und Farbdramaturgie, dem irren Score und den krassen Schockbildern sei Dank. "Suspiria" ist ein brutaler, verstörender, visuell und auditiv enorm origineller und immer wieder überraschender Schocker - kurz gesagt, ein ästhetisch wertvoller, zeitloser Klassiker des Genres!

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