Zu sagen, ich wäre Argento-Fanboy ist maßlos untertrieben: vielmehr bin ich ein unreflektiert wie fanatischer Bewunderer, der dem Maestro auch in Zeiten des Mittelmaßes treu blieb und selbst dem verhältnismäßig schwachbrüstigem "Dark Glasses" noch was positives abgewinnen kann. Kurzum: ich bin dem Regisseur verfallen und das, obwohl meine erste filmische Begegnung mit ihm unter einem denkbar ungünstigen Zensurstern stand.
Mein erstes Mal in Sachen "Suspiria" verdankte ich dem französisch-deutschen Fernseh-Joint Venture Arte, dessen kanaleigene deutsche Fassung mich trotz einiger Schnitte in den Bann zog: Mit jeder Filmminute bröckelte der Damm ein wenig mehr und am Ende war ich vollkommen von audiovisuellen Eindrücken überflutet, angenehm schockiert und brannte vor Neugier: auf das Genre, auf Argentos übrige Filmographie, auf das Kino als solches. Speziell aber für das Horrorgenre.
Einer ähnlichen Leidenschaft nach fühlte sich bestimmt auch unsere Heldin Suzy Banner zum Ballett berufen: die talentierte junge US-Tänzerin will im gothisch anmutenden Freiburg an ihre Grundausbildung und das Lebenswerk ihrer berühmten Tante anknüpfen und begibt sich in die Hände der renommierten Tanzakademie unter Leitung Madame Blancs - und springt mit einer garlanten Pirouette über die Schwelle zur Anderwelt.
Der Akademie, deren mächtige Präsenz Suzy einzuschüchtern, gar körperlich zu schwächen scheint, wohnt ein düsteres Geheimnis inne: Akademiegründerin Helena Markos war nicht nur tänzerisch, sondern auch schwarzmagisch begabt und verbirgt seitdem ihren Zirkel und seine Anhängerinnen in die Tiefen des Schwarzwaldes, just in den Untiefen der Akademie. Das Verschwinden einer ehemaligen Schülerin und die Erzählungen von Mitschülerin Sandra wecken Suzys Neugier, die besser schlafend geblieben wäre. So wie manches andere in den Eingeweiden der Schule...
Gerüchteweise wollte Argento sein erstes phantastikorientiertes Schauermär mit Kinderdarstellern besetzen. Ein Glück, dass er das nicht getan und damit einer Generation einen Schock fürs Leben erspart hat, zumal Jessica Harper das Kindchenschema auch als erwachsene Frau vollkommen bedient: von allen Tänzerinnen im Film wirkt sie am fragilsten, sensibelsten und wird dem Horror mitunter am übelsten ausgesetzt, wenn man ihre ermordeten Mitschülerinnen und Internatsbedienstete aus der Rechnung ausklammert. Der Aspekt von Mrs. Harper Kindlichkeit fiel mir jüngst erst besonders ins Auge, als ich den Film ein zweites Mal in einem Kinosaal und damit wie vorgesehen genießen durfte. Heldenhaften Züge offenbart unsere Protagonistin zwar erst spät im Verlauf der Handlung, aber dafür umso effektiver. Glücklicherweise übrigens vor den Oneliner-Jahren des Genres und mit durchaus nachvollziehbarer Menschlichkeit statt Terminatorstoik.
"Suspiria" gehört eindeutig auf Zelluloid gebannt und Argento nebst Crew haben alles dafür gegeben, dass hier ja jedes Licht an der richtigen Stelle aufblitzt, jeder Blutstropfen korrekt fließt und so zu Boden perlt, wie es den Visionär im Regiestuhl vorschwebte. Wenn hier irgendwas künstlich wirkt, dann ist das Absicht und verstärkt die Wirkung des Filmes statt unglaubwürdig zu wirken. Ein interessanter Fakt für Filmfreunde: die Außenfassade der Tanzschule ist dem Freiburger Haus "Zum Walfisch" nachempfunden, in dem bereits der Gelehrte Erasmus von Rotterdam residierte. Mangels Dreherlaubnis ließ Argento die Fassade im benachbarten München nachbauen, wo sie Suzy und anderen auf der Suche nach ihrem cineastischen Verhängnis ganz im Sinne des Regisseurs offen stand.
Zu guter Letzt sei ein letzter, aber maßgeblicher Aspekt der surrealen Atmosphäre des Filmes genannt: Goblin. Die italienischen Progrocker legten hier nach ihrem Profondo Ross-Score für Argento ihre zweite Filmmusik ab und legten damit einen Grundstein für ihre Karriere als Botschafter zwischen Horror und Rock. Und legen nebenher den Grundstein für das Gothrock - Subgenre. Jepp: der Score bringt nicht nur Hexen in Wallung, sondern auch Grufties und Waver auf die gemeinsame Tanzfläche und selbst in einschlägigen Kinos sieht man in allerschönster Regelmäßigkeit Goblinisten in entsprechenden Fanshirts. Und alles, weil Argento der Band ein Budget und eine Bouzuki aus dem letzten Griechenlandurlaub in die Hand gedrückt hat, um sein Publikum auch per Tonspur zu verhexen.
Ich liebe diesen Film in all seinen Facetten und das wir nun bald 20 Jahren, in denen weder dieses Werk noch Argento selbst auch nur einen Funken der Faszination auf mich eingebüßt haben. Dessen Karriere hatte immerhin bis auf einen drittklassigen Celentano und seinen 98er "Phantom der Oper" - Debakel bis einschließlich 2000 keinerlei Totalausfälle und selbst einige der Post 2000er-Filme haben durchaus interessante Aspekte zu bieten. Grazie, Dario! Deine Filme haben mir einen Blick über den Tellerrand gewährt, der mich das Kino erst so richtig lieben ließ.