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Bevor sich Paul Verhoeven mit brachialen Action-Beiträgen in Hollywood einen Namen machte (ROBOCOP, TOTAL RECALL) drehte er bereits in seiner niederländischen Heimat ein halbes Dutzend an Filmen, von denen wahrscheinlich TÜRKISCHE FRÜCHTE den größten Bekanntheitsgrad erreicht haben dürfte.
Dabei spielten überdrehte, realitätsfremde Gewalt und Sexualität immer eine gewichtige Rolle, weshalb seine Filme bei verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen oft heftigste Proteste auslösten.

Dieses Merkmal trifft auch auf das vorliegende Werk „SPETTERS - KNALLHART & ROMANTISCH" (welch bescheuerter deutscher Untertitel!), zu. Die Geschichte handelt im weitesten Sinne von den drei Freunden Rien, Hans und Eef, die sich ihre Leidenschaft für Motorräder und Frauen teilen. Angespornt von den Weltcup-Erfolgen des großen Gerrit Witkamp (Rutger Hauer) träumen auch die drei Jungs von Ruhm und Geld. Als die Imbissbuden-Besitzerein Fientje (Renèe Soutendijk) in die Stadt kommt, beginnt der Kampf ums „Fleisch". Doch die blonde Schönheit hat große Ansprüche...

Das „Coming-Of-Age"-Drame einer wilden Generation kratzt dabei weitestgehend an der Oberfläche und nimmt wenig Rücksicht auf die Charaktere, dreht sich doch der Tagesablauf der Jungs nur um Motocross-Rennen, Weiber und Saufen. Beziehungen scheinen nie das große Ziel in Verhoevens Filme zu sein, der Reiz liegt vielmehr an der Jagd. Dass dabei selbst sexuelle Identitäten nicht genau definiert sind, mag in SPETTERS eine interessante Komponente bilden: Nachdem Eef seine Finanzen durch Überfälle auf Schwule aufbessert wird er von der Lack- und Leder-Fraktion in einer U-Bahn-Baustelle vergewaltigt. Doch anstatt tiefer Trauer macht sich Erleichterung, entdeckt er dadurch doch seine wahren Gefühle für das eigene Geschlecht und tankt Mut für das große Coming-Out.

Für Verhoeven war Nacktheit und Schamgefühl noch nie ein Thema und so präsentiert er nicht nur in dieser Szene Ständer am laufenden Band. Während in diesem Streifen Gewalt-Ausbrüche nicht zu erwarten sind (bis auf ein paar harmlose Schlägereien) bilden die eingebauten, detaillierten Aufnahmen von praller Männlichkeit die Schauwerte von „SPETTERS", die sicherlich die Grenzen üblicher Genre-Filme an Freizügigkeit sprengen, aber keinen Anflug von Pornografie versprühen.

Lässt man diese „Skandal"-schreienden Argumente weg bleibt ein relativ harmloses Frühwerk übrig, dass sich weitestgehend auf das Schicksal des ambitionierten Cross-Fahrers Rien und seinen tragischen, folgenschweren Unfall konzentriert. Die Aufmachung des Streifens mag aus heutiger Sicht aufgrund der damaligen Kleidung, Frisuren und Ausstattung eher drollig wirken - der Film hat aber auch inzwischen mehr als ein viertel Jahrhundert auf dem Buckel! Ansonsten ist das Ganze prinzipiell recht unterhaltsam und auch einigermaßen nachvollziehbar - dennoch fehlen mir leider die großen emotionalen Momente, die andere seiner Werke auszeichnen.
Betrachten wir es als Übung für die späteren Meisterwerke!

(6/10)

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