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Bei einer Familienfeier im westafrikanischen Mauretanien steht plötzlich die Polizei vor der Tür und teilt dem Sohn des Hauses, Mohamedou Ould Slahi (Tahar Rahim), mit, daß ihn "die Amerikaner" verhören wollen, und zwar sofort. Daß diese Amerikaner momentan ein wenig verrückt spielen nach den Anschlägen auf das World Trade Center, versteht Slahi, der die ganze Situation seinen besorgten Angehörigen gegenüber herunterspielt, zwar auch noch, daß er sie jedoch für viele Jahre nicht mehr wiedersehen wird, ahnt er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Denn der titelgebende lebenslustige Mauretanier landet über Zwischenstationen in Jordanien und Afghanistan schließlich in Guantanamo, hält ihn die CIA doch für einen der 9/11-Drahtzieher.
Jahre darauf, 2008, bekommt die für ihre Bürgerrechtsprozesse bekannte US-Anwältin Nancy Hollander (Jodie Foster) einen Tip zu diesem Gefangenen, von dem sie zunächst gar nicht weiß, ob er sich überhaupt in jenem Gefängnis befindet, doch mit der ihr eigenen Beharrlichkeit findet sie schließlich heraus, daß Slahi seit Jahren dort einsitzt - ohne Anklage und ohne Prozeßtermin. Gleichzeitig beauftragt die Gegenseite den Militärstaatsanwalt Stuart Couch (Benedict Cumberbatch), sich der Sache anzunehmen und durch überwältigendes Beweismaterial für ein gewünschtes Todesurteil zu sorgen. Der äußerst korrekt auftretende Couch, durch den Tod eines nahen Freundes bei den Anschlägen persönlich betroffen, verspricht, alles zu tun, was in seiner Macht steht. Als es Hollander und ihrer jungen Assistentin Teri Duncan (Shailene Woodley) gelingt, einen ersten kurzen Gesprächstermin bei Slahi zu erwirken, bieten sie diesem nicht nur ihre anwaltliche Verteidigung an, sondern ermuntern ihn auch, sämtliche Erlebnisse in den Jahren der Gefangenschaft niederzuschreiben. Doch ganz so einfach ist die Sache nicht, denn die Gefängnisverwaltung behindert die Anwältin in jeglicher Weise, vor allem an den kistenweise geschwärzten Akten zum Fall des Gefangenen 760 hat die engagierte Verteidigerin lange zu knabbern...

Nach einer wahren Begebenheit gedreht rollt der schottische Regisseur Kevin Macdonald einen jener Fälle wieder auf, in denen ein offenbar Unschuldiger im Zuge des "Kriegs gegen den Terror" vorschnell als Sündenbock verhaftet und dann mangels tatsächlicher Beweise jahrelang ohne Anklage oder irgendeinen zeitlichen Horizont im rechtsfreien Raum Guantanamo festgehalten wurde - eine grundsätzlich löbliche Intention, doch statt neuer Fakten oder besonders schildernswerter Umstände wird hier mit einigen Rückblenden die Gefangenschaft eines Häftlings aufgerollt, der das Glück hatte, daß sich nach Jahren eine von der Widersinnigkeit seiner Haft überzeugte Anwältin für ihn interessiert. In kurzen Episoden aus verschiedenen Zeiträumen entsteht so das Bild eines jungen Westafrikaners, der unerwartet in die Mühlen des US-Geheimdienstes geriet und dort schlicht vergessen wurde.

Warum die ganze Geschichte trotz der Beteiligung namhafter Schauspieler nicht so recht zünden will, liegt vor allem an Hauptdarsteller Tahar Rahim selbst, der fast den ganzen Film über fröhlich lächelt und seinen Running Gag see you later alligator bei allen möglichen Gelegenheiten zum Besten gibt. Zwar scheint dem algerienstämmigen Rahim die Rolle äußerlich gut zu stehen, doch sein gewinnendes Lächeln, welches es dem Zuseher schon in seiner Rolle als Serienmörder in Die Schlange unmöglich machte, ihn zu verurteilen, will nicht recht zu einem jahrelang von den US-Militärs brutal gequälten Gefangenen passen - vielmehr gewinnt man den Eindruck, daß hier ein besonders gewitzter Insasse agiert, an dem die Misshandlungen erstaunlicherweise spurlos vorübergegangen ist. Tatsächlich werden einige Foltermethoden erst spät und dann nur recht kurz angeschnitten - als Slahi erkennen muß, daß es völlig egal ist, was er sagt und schließlich nach 70 Tagen "Spezialbehandlung" anfängt, sich Geschichten auszudenken, was dann auch den gewünschten Erfolg (warmes Essen und die Möglichkeit zu schlafen) nach sich zieht. Bezüglich des Gefängnisalltags gibt es stundenweises Verweilen ohne Fesseln in Käfigen im Freien, wo es bei Strafe verboten ist, herumlaufende Leguane zu quälen und Slahi die Freundschaft eines Franzosen macht, der ihm auch mal seinen Fußball überläßt.
Jodie Foster, die ihre Rolle erwartungsgemäß hervorragend spielt (nach außen hin immer verbindlich, der Gegenseite nie Gelegenheit bietend, sie substantiell anzugreifen, dabei stets auf das Wesentliche fokussiert) trägt ebenfalls nur wenig dazu bei, die Schrecken von Guantanamo begreifbar zu machen - immerhin nennt sie das eigentliche Drama, um das es hier geht, nämlich die unrechtmäßige Festsetzung ohne Prozeßaussicht, öfters und deutlich beim Namen.

Somit bleibt als filmdramaturgisch interessanteste Figur eigentlich nur der Militärstaatsanwalt übrig, der sich im Laufe der Geschichte vom Saulus zum Paulus wandelt - Cumberbatch steht diese Rolle hervorragend, sein sich steigernder Unmut darüber, zunächst einen Schurken mit rechtsstaatlichen(!) Mitteln der gerechten Strafe zuführen zu wollen, dabei jedoch selbst permanent behindert zu werden, indem die Gefängnisverwaltung zunächst herumduckst und ihm schließlich nur widerwillig Protokolle und erzwungene Geständnisse aushändigt, ist fast greifbar. Daß dieser penibel ermittelnde Staatsanwalt am Ende den Kram hinschmeißt, nicht etwa, weil er von der Unschuld des Inhaftierten überzeugt ist, sondern weil er erkennt, daß derlei "Beweise" nicht mit seinem eigenen Rechtsempfinden (das hier sinnbildlich für das Rechtsempfinden gebildeter Amerikaner stehen soll) in Einklang zu bringen sind, ist eigentlich eine wesentlich prägnantere Botschaft des Films als das eher halbherzige (und wiederholte) Anprangern der Lebensumstände in Guantanamo.

Als am Ende dann auf Hollanders Hintertreiben doch ein Prozeß stattfindet, in welchem Slahi von allen Vorwürfen freigesprochen wird, sieht man den fröhlichen Mauretanier mit seinen Bewachern durch das Gitter abklatschen. Daß er trotzdem noch viele weitere Jahre in Haft bleiben mußte bevor er tatsächlich frei ging, danach jedoch in die Heimat zurückkehrte, heiratete und Nachwuchs bekam, war der Regie dann nur noch ein paar Bild- und Texttafeln wert. Damit endet dann diese halb dokumentarische Story, ein gesellschaftspolitisch unzweifelhaft erzählenswerter Fall, filmdramaturgisch jedoch eher mau. 5 Punkte.

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