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Eingebettet in die Zeit der „video nasties“ und der damit einhergehenden Sichtung dieser Werke durch die BBFC verschwimmen in dem von Prano Bailey-Bond inszenierten Film einige interessante Themen. Natürlich geht es in der Ausgangsthematik um die Wirkung von Filmen mit hochgeschraubtem Gewaltlevel auf das Publikum in der Thatcher-Ära. Die These, dass man hier schützend eingreift, vertritt auch Protagonistin Enid, die bei dieser Behörde arbeitet. Sie sieht allerlei rohes Material, legt Kürzungen fest, verweigert auch Filmen die Freigabe. Und will in einem Film ihre verloren geglaubte Schwester erkennen.

Hier bringt Bailey-Bond, die auch am Drehbuch mitschrieb, ein persönliches Trauma der Hauptfigur mit ein, denn das Verschwinden der Schwester und die Umstände dessen sind bis heute nicht ganz klar. Enid plagen Schuldgefühle, abgeschlossen hat sie mit diesem Thema nie. Hier macht „Censor“ eine weitere Ebene auf. Denn geistert auch ein Killer durch die Medien, der sich für seine Tat auf einen expliziten Film beruft, so bleibt hier die Frage, ob und wie Beeinflussung durch den Konsum solcher Medien stattfindet. Und „Censor“ macht das einzig Richtige, indem er diese Frage nicht klar beantwortet. Denn pauschal ist das nicht möglich. Aber er entwickelt einen Gedanken, der im Zuschauer vielleicht nachhallt.
Das abgebildete, fiktionale Grauen mag erschrecken, abstoßen oder Einfluss nehmen. Aber der wahre Horror findet in der Realität statt, im Erlebten und in dem, was uns quält, was nicht verarbeitet wurde. Dort wird der Schaden angerichtet, der einen aus der Bahn wirft.

Hier zieht das Skript Vergleiche und spielt mit den verschiedenen Themen, bettet sie in Formatwechsel und Bandrauschen ein, sodass irgendwann selbst die eigene Erinnerung oder eben das gespeicherte Trauma filmhaft und damit irreal wirkt. Die Grenzen zerfließen irgendwann und so tut es auch Enid, die sich in einem Alptraum wiederfindet - und wir schauen zu. Durch den Bildschirm.

„You can be surprised what the human brain can edit out when it can't handle the truth.“

Mehr Drama als Horror, aber ohne geht es dann doch nicht. Prano Bailey-Bond liefert mit „Censor“ einen ansprechenden Genrebeitrag mit Sogwirkung, dessen Faszination sich vielleicht mit etwas Geduld erschließen mag. Das Eintauchen in die hier triste Welt der Film-Bürokratie und der Blick durch den Bildschirm in den Abgrund der Hauptfigur machen das Werk zu einem sehenswerten Beitrag aus der Indie-Ecke.

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