Review

We were successful in the past because we made sacrifices. The movies did well back then not because there were more people in Hong Kong at the time, but because those movies were profitable overseas. Can we say the same for the movies we’re making today?
It’s true that the film industry hasn’t improved. We have to admit that. It was our mistake to give up on our audiences.(...)It’s like escaping from one prison to another prison. The road of atonement feels worse than death itself, and that is what the Hong Kong film industry is going through right now.
~ Soi Cheang


Eine Geschichte von Leben und Leid und Tod, eine Grausamkeit in teils schönen, oftmals hart kantig düsteren Bildern, Entdeckungen von Details, die oft erst nach und nach gemacht werden müssen, die Herangehensweise an die Romanverfilmung (von Lei Mi's “Wisdom Tooth“) vielen gewohnheitsmäßigen Zuschauer womöglich ungewohnt bis schwer. Eine eingangs aufgerissene, durchbrochene Chronologie, ein Tatort, verschiedene Schauplätze zu sich widerstrebenden Zeiten, eine erste Bestandsaufnahme, der Beginn einer Polizeiermittlung im Eastern District und das Ende wird auch in Augenschein bereits genommen, in der Vorahnung, im Einzelbild:

Die Polizisten Cham Lau [ Gordon Lam ] und Will Ren [ Mason C. Lee ] werden von ihrem Vorgesetzten [ Hugo Ng ] auf eine Reihe von Mordfällen in ihrem Distrikt angesetzt, bei dessen weiblichen Opfern vor allem auch die rechte Hand abgetrennt wird. Cham, der eine andere Vorgehensweise als der Neuling durchsetzt, verwendet bei Informationen im Umfeld von Drogen- und Triadenkreisen die junge Kleinkriminelle Wong To [ Cya Liu ], die er dabei ungeschützt den Gangsterbossen um Spark [ Sammy Sum ] präsentiert und dabei mit zum Freiwild auserkoren hat. Währenddessen stößt er durch eine Anfrage beim Immigrationsamt auf den seit Monaten abgängigen japanischstämmigen Yamada Akira [ Ikeuchi Hiroyuki ].

Menschen verschwinden in der Umgebung, sowohl draußen als auch drinnen, werden assimiliert und werden eins mit. Gewusel allerorten, eine aufgeregte Stimmung, fast aufgesetzt, die Erschwerung einer Arbeit, der schwer genug allein und von Grund auf ist. Es wird durch Müllhalden gewatet, durchsucht, auseinanderklamüsert, kategorisiert, die Sinne geschärft und gleichzeitig stumpf von all den Eindrücken, ein zu viel der Belastung, für den Neuling von der Polizeiakademie und später auch den Routinier. Viele einzelne Ereignisse finden statt, viele einzelne Existenzen und Schicksale, oft dem Zufall geschildert, oft nur von anderen im Nebenher gesehen, aus den Augenwinkeln, aus verschwommenen Pupillen, aber nicht registriert. Der Mensch verliert sich im Milieu (eine große Müllhalde) und in der Umwelt (ein riesiger zivilisatorischer Schrottplatz), eine oft kalte Bedrohlichkeit, und sowieso stets monochrome Düsternis.

Mehr Film Noir als Neo Noir, dafür auch Krimi, Thriller (Lei Mi, der als Liu Peng als Dozent für Kriminalpsychologie an der China Criminal Police University arbeitet, hat vor allem mit seiner “Criminal Minds“ Reihe große Erfolge in China gefeiert und auch bereits einträchtige Verfilmungen wie Xie Dongshens Guilty of Mind a.k.a. Evil Minds, 2017, und Xu Jizhous The Liquidator im selben Jahr vorzuweisen), Horror, Polizeifilm, Sittenzeugnis, Gesellschaftsporträt, die Wahl der schwarz-weiß Grundierung – die vom artistischen Konzept her ein wenig an das derzeit immer noch auf Halde liegende Projekt Sons of the Neon Night erinnert – erzeugt erst Unbehagen und Gewöhnungseffekte, zeichnet dann allerdings fortlaufend extra darauf abgestimmte, vom Konzept des Verlierens in der Großstadt her gedachte Bilder. Zufällige Razzien auf Häuserparkdecks, Verfolgungsjagden über Treppenhäuser und die Gegenfahrbahn hinweg, der Polizist dreht bald völlig frei, ein Trauma im Hintergrund, er wird fast zum Mörder. Es geht um Taten, die man nicht wiedergutmachen kann, um Schuld, um vergebliche Sühne, um Flehen an Verzeihung und um Trauer, das alles auffrisst. Alles Elend dieser Welt, geballt und gebündelt, für Regisseur Soi Cheang (nach drei Produktionen an CGI-lastigem, extensiv teuren und farbenfrohen Monkey King - Bearbeitungen; Limbo war mit 16 Mio. USD aber auch kein Independent) wahrscheinlich ein Befreiungsschlag, für den Außenstehenden zuweilen nah an der Toleranzgrenze und darüber; ein Albtraum, eine Nachtmahr, wie die Apokalypse, weniger wäre zuweilen auch hier mehr gewesen. So findet keine Steigerung statt, sondern bloß eine Überreizung und Abstumpfung gleichermaßen, zumindest kommt man gefährlich nah in diese Nähe.

"I don't want a colleague to become a criminal."
Adaptiert vom Drehbuch-Autorenduo Au Kin-yee (der zuvor vermehrt für Johnnie To und Wai Ka-fai geschrieben hat) und dem relativ unerfahrenen Shum Kwan-sin wird sich dabei auf drei Personen konzentriert und fokussiert, eine weiß, eine grau, eine eher schwarz, ein Dreierteam, von denen erst keiner richtig miteinander verbunden ist und erst auch nicht für den anderen in die Bresche zu springen scheint, aber dennoch unaufhörlich zusammen gehört. Darstellerisch von den jungen Leuten adäquat unterstützt (speziell Mason Lee, aber auch im kurzen Auftritt Sammy Sum), vom einzigen bekannteren Schauspieler Gordon Lam auf die Dauer (weil auch zuletzt vermehrt um eine gewisse Präsenz vor und hinter der Kamera ersucht) vielleicht etwas zu bemüht. Nach etwa 70min ertönt endlich die erste Polizei- und Krankenwagensirene, für einen Moment kehrt die Hoffnung ein, eine kurze Normalität nur und erblickt man für die Minute auch mal Tageslicht.

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