30 Jahre unschuldig im Gefängnis zu sitzen ist ein hartes Los - dementsprechend motiviert läßt es Alejandro "Alex" Guzmán (Manolo Cardona) dann auch angehen, als er nach 18 Jahren vorzeitig aus der Haft entlassen wird: er plane einen grandiosen Rachefeldzug gegen die Familie Lazcano, verkündet er ganz offen, gibt er dem Clan des reichen Casino-Besitzers César Lazcano (Ginés García Millán) doch die alleinige Schuld am Tod seiner Schwester Sara (Ximena Lamadrid). Die war seinerzeit mit dem Lazcano-Sohn Rodolfo befreundet und bei einem gemeinsamen Segeltörn auf einem Feriengrundstück der Familie tödlich verunglückt - wofür Alex schlußendlich schuldig gesprochen und verurteilt wurde.
Nun aber ist der passionierte Hacker ein freier Mann und setzt seine Rachepläne auch schnellstmöglich in die Tat um - zunächst indem er sich, ausgestattet mit den neuesten technischen Gadgets, ins Netzwerk des Casinos reinhackt und dessen Betrieb nachhaltig stört. Später lanciert er eine Rufmordkampagne gegen einen Lazcano-Sohn in den sozialen Medien und macht auch sonst lautstark auf sich aufmerksam. Clan-Boss Don César bleibt all dies nicht verborgen und er schickt ein Rollkommando, das Alex´ Haus durchsiebt, ihn selbst jedoch nur verprügelt - als Warnung. Doch Alex spornt dies nur umsomehr an, und nachdem sich Clan-Tochter Elisa unsterblich in ihn verliebt, hat er bald eine unerwartete Verbündete, die ihm bei der Lösung der titelgebenden Frage behilflich ist: Wer hat Sara ermordet?
Die Gattung Telenovela (vulgo Seifenoper) ist in Südamerika, zumal in Mexiko, deutlich beliebter als bei uns in Europa, wogegen auch nichts einzuwenden ist, wenn der umtriebige Streaming-Gigant Netflix seine Eigenproduktion allerdings unter "spannende internationale Serien" anbietet und damit das Krimi-Publikum anspricht, muß sich dieses Angebot dann auch unter Thriller-Gesichtspunkten messen lassen - und hier versagt diese Seifenoper auf ganzer Linie.
Nach einem halbwegs interessant anmutenden Opener folgen 9 weitere Teile zu je etwa 40 Minuten, in denen die Geschichte kaum ein Stück vorankommt, wer denn nun 18 Jahre zuvor die Haltegurte des von einem Motorboot gezogenen Segelschirms derart manipuliert hat, daß es zum tödlichen Absturz kam. Stattdessen werden einige äußerst zweifelhafte Figuren wohlhabender Kreise eingeführt, von denen keinE EinzigeR auch nur die geringsten Sympathien aufzubauen weiß. Neben tonnenweise dümmlichem Geschwätz, Gefühlduseleien und Partnerschaftsproblemen, gepaart mit vielen überflüssigen Liebesszenen (in denen freilich nichts wirklich zu sehen ist) und wenig zielführenden, mit der Dauer nur noch nervtötenden Wiederholungen ein und derselben Szenen aus anderen Perspektiven gerät die ursprüngliche Frage nach dem wahren Mörder Saras immer mehr in den Hintergrund. Am Ende interessiert dies allerdings auch niemanden mehr, gleichwohl auch in der letzten Episode keinerlei Klarheit darüber geschaffen wird, sondern mit einem neuen "sensationellen" Fund die kurz danach abgedrehte 2. Staffel beworben wird.
Zu den Merkmalen dieser Telenovela zählt, wie schon erwähnt, das permanente Wiederholen des entscheidenden Moments an jenem Nachmittag vor 18 Jahren, als die mehrfach beschädigten Fallschirmgurte in kürzester Zeit einrissen und Sara abstürzte. Daß hier mehr als nur fünf Jugendliche im Boot anwesend waren, sondern auch Erwachsene am Ufer, kristallisiert sich erst langsam heraus - allerdings ist es der Spannung keineswegs zuträglich, in jeder neuen Folge die Geschehnisse aus der Sichtweise eines jeden Anwesenden neu aufzurollen und ihn damit dem Publikum als neuen Verdächtigen zu präsentieren.
Dazu kommt, daß fast jeder Involvierte irgendein Interesse daran gehabt haben könnte, die ca. 18-jährige Sara zu ermorden, denn nach und nach ergeben sich dutzende Motive. Motive, die sich das Drehbuch für jede der kurzen Folgen neu einfallen lassen hat, die niemand vorausahnen kann und die teilweise an den Haaren herbeigezogen sind - wie ein Krimi, wo auf den letzten Metern noch schnell ein neuer Charakter eingeführt wird, der dann als Täter herhalten muß.
Was Wer hat Sara ermordet? neben all den anderen Ärgernissen noch auszeichnet, ist der Stil der Produktion, der sich zu 100% an US-Serien anlehnt und nicht im Mindesten mit Mexiko in Verbindung zu bringen ist bzw. gebracht werden will: ausschließlich wohlhabende oder zumindest gutsituierte, wohlerzogene Leute in prächtigen Wohnungen, europäische oder US-(Luxus)-Schlitten, die völlige Absenz von Armut oder Gewaltkriminalität lassen zu keiner Zeit darauf schließen, daß die Serie in Mexiko spielt. Wären da nicht die einheimischen Namen oder ab und zu ein verschämtes "Ich muß nach Mexiko-City fahren" könnte man sich glatt in L.A. oder New York wähnen.
Bezüglich der Filmcharaktäre und deren teils haarsträubender Vita drängt sich auch niemand auf: Alex zum Beispiel hat der Knast nichts anhaben können: im Gegenteil, hat er dort doch auf Hacker umgesattelt, liest Bücher über das Darknet und kennt sich mit Drohnen bestens aus - einfach toll, was mexikanische Gefängnisse so bieten. Danach kehrt er ins Haus seiner Mutter zurück, das 18 Jahre unberührt stand und keinerlei Staub angesetzt hat und richtet dort sein Hauptquartier ein. Clan-Chef Don Lazcano (der seine Rolle als Oberfiesling wenigstens halbwegs konsistent bis zum Ende durchhält, was schon eine Erwähnung wert ist) läßt dieses Haus mit Blei vollpumpen und dem Rächer eine Abreibung verpassen - wieso er ihn ob seiner lauthals verkündeten Rachepläne nicht gleich erledigt, bleibt ein Rätsel. Ebenso wie das kurz danach wieder tadellos renovierte(?) Haus, in dem Alex weiter an seinen PCs sitzt, als wäre nichts gewesen. Solche Kontinuitätsfehler passieren übrigens immer wieder, fallen aber irgendwann gar nicht mehr auf.
Auch der Umstand, daß sich die attraktive Elisa völlig grundlos in Alex verliebt und sofort mit ihm in die Kiste steigt, obwohl er ihre Familie bedroht, wird nie erklärt, genausowenig wie seine an sich optisch häßliche Schwester Sara (ein unsympathischer Hungerhaken ohne jegliche Ausstrahlung) seinerzeit den reichen Rodolfo bezirzen konnte. Der übrigens ist mittlerweile ein breiter, vollbärtiger Mann geworden, innerlich jedoch ein totaler Schlappschwanz, der von seinem Vater, der regelmäßig seine Schwägerin bumst, verachtet wird. Der andere Sohn Chema ist ein schwuler Modellathlet und wird allein deswegen noch viel mehr von seinen Eltern verachtet - er und sein italienischer Lebensgefährte sind allerdings noch die normalsten in diesem Sammelsurium merkwürdiger bis abstoßender Vögel, zu denen außerdem die intrigante Mama Mariana (die sich mit einem spitzenbewehrten Goldkettchen dann und wann zur Strafe selbst geißelt), ein adoptierter Hausdiener Elroy und ein paar namenlose und nach und nach auftauchende Bekannte zählen, die sich alle im Sinne des Drehbuchs dieser Seifenoper mehr oder weniger verdächtig machen.
So bleibt trotz des Exotenbonus für eine mexikanische Produktion am Ende nur die Erkenntnis, daß Wer hat Sara ermordet? selbst für den unbedarftesten Krimi-Freund schlichtweg ein Griff ins Klo ist. Unbedingt vermeiden: 2 Punkte.