Blut, Schweiß und Fatalitäten: Ein Reboot zwischen Faustschlag und Formsache
Manchmal braucht ein Franchise keinen sanften Neustart, sondern eine saftige Ohrfeige – am besten mit offener Hand, begleitet von splitterndem Knochenwerk. „Mortal Kombat“ ist so ein Fall. Die legendäre Beat-’em-up-Reihe, einst kulturelles Epizentrum der Videospielgewalt-Debatte der 1990er, hat im Kino eine wechselhafte Geschichte hinter sich: Paul W. S. Andersons Erstverfilmung von 1995 war atmosphärisch stimmig, überraschend respektvoll und bis heute nostalgisch verklärt – nur leider so blutleer wie ein Vampir auf Diät. Annihilation hingegen erledigte sich selbst schneller, als man „Finish Him!“ sagen konnte.
Nun also der Reboot. Regisseur Simon McQuoid verspricht Rückkehr zu den Wurzeln, kompromisslose Brutalität und Fan-Nähe. Herausgekommen ist ein Film, der sichtbar will, spürbar kann – und dennoch nicht ganz darf. Ein ansehnliches B-Movie mit Ambitionen, das mehr Blut zeigt als Charaktertiefe, mehr Mythos behauptet als ausformuliert und sich irgendwo zwischen Franchise-Grundsteinlegung und kalkulierter Zurückhaltung verheddert.
Die Handlung folgt im Groben dem bekannten Kanon: Earthrealm gegen Outworld, Auserwählte mit Drachenmal, ein drohendes interdimensionales Turnier, das über das Schicksal der Menschheit entscheidet. Neu ist die Einführung von Cole Young (Lewis Tan), einer eigens für den Film geschaffenen Figur – und genau hier beginnt das erste Problem. Cole fungiert als Identifikationsfigur für Neueinsteiger, als narrative Klammer, als emotionaler Anker. Auf dem Papier sinnvoll, in der Ausführung jedoch unerquicklich. Seine persönliche Geschichte bleibt generisch, seine Motivation austauschbar, seine Präsenz erstaunlich farblos. Während um ihn herum Ninjas teleportieren, Götter donnern und Wirbelsäulen herausgerissen werden, wirkt Cole wie ein austauschbarer Everyman aus der Streaming-Serien-Restekiste.
Visuell bewegt sich der Film zwischen dreckigem Fantasy-B-Movie und modernem Studio-Blockbuster. McQuoid, ursprünglich aus der Werbung kommend, hat ein gutes Auge für Tableaus: Schatten, Rauch, Feuer, metallisch schimmernde Oberflächen. Die Welt fühlt sich grundsätzlich stimmig an, auch wenn sie selten wirklich atmet. Was fehlt, ist ikonische Größe. McQuoid inszeniert solide, manchmal inspiriert, aber selten ekstatisch.
Blutige Renaissance mit angezogener Handbremse
Die größte Tugend des Films ist zugleich sein lautestes Versprechen: Endlich Blut. Und davon nicht zu knapp. Köpfe rollen, Körper zerbersten, Fatalities werden nicht angedeutet, sondern exekutiert. In Sachen Gore liefert der Film genau das, was Fans seit Jahrzehnten einfordern. Die Gewalt ist nicht schüchtern, nicht ironisch gebrochen, sondern direkt und deftig. Splatter-Fans kommen auf ihre Kosten. Die Choreografie selbst bleibt oft unter ihren Möglichkeiten. Zu häufig wird mit hektischem Schnitt kaschiert, was an Präzision fehlt. Einige Fights haben Wucht, andere wirken erstaunlich unübersichtlich. Gerade im Vergleich zu modernen Martial-Arts-Filmen oder asiatischen Genrevertretern bleibt hier spürbar Luft nach oben. Immerhin: Fanservice wird großgeschrieben. Wenn Scorpion sein ikonisches „Come over here!“ zischt oder ein „Flawless Victory“ den Bildschirm ziert, funktioniert das – ehrlich, unverkrampft und mit einem wissenden Grinsen.
Der Cast ist durchwachsen, insgesamt solide, aber selten herausragend. Lewis Tan bleibt als neue Hauptfigur erstaunlich blass – was weniger an ihm als an der schwachen Charakterzeichnung liegt. Cole Young ist ein Protagonist ohne ikonische Konturen, ohne echtes Alleinstellungsmerkmal. Ganz anders Kano: Josh Lawson stiehlt dem Film jede Szene, in der er auftaucht. Seine rotzige Schnauze, der zynische Humor, die respektlose Haltung – Kano ist das emotionale Ventil des Films und zugleich dessen komödiantischer Motor. Problematisch sind hingegen einige Fehlbesetzungen. Rayden wirkt seltsam kraftlos, fast schon beiläufig göttlich, Kung Lao bleibt trotz ikonischer Vorlage merkwürdig eindimensional. Auch die Kostüme schwanken stark in Qualität und Spieltreue: Manche Designs treffen den Ton, andere wirken wie cosplaynahe Kompromisse.
Fazit
„Mortal Kombat“ (2021) ist ein ehrlicher, handfester Versuch, eine legendäre Videospielreihe endlich ernsthaft und goregerecht auf die Leinwand zu bringen. Das gelingt über weite Strecken – visuell, atmosphärisch und in Sachen Brutalität. Gleichzeitig bleibt der Film hinter seinem Potenzial zurück. Die erzählerische Hast, die schwache neue Hauptfigur, die inkonstante Choreografie und einige fragwürdige Besetzungsentscheidungen verhindern den ganz großen Wurf. Statt einer fatalen Offenbarung bekommt man ein solides, unterhaltsames, manchmal überraschend deftiges B-Movie mit Herz für Fans, aber ohne echte filmische Unsterblichkeit. Als Franchise-Auftakt funktioniert das – als eigenständiger Film bleibt er leicht unter seinen Möglichkeiten. Aber er legt die Knochen frei, auf denen ein stärkeres Sequel aufbauen kann. Mehr Fokus, bessere Fights, mutigere Inszenierung. Die Arena ist bereitet.