Jedermann kennt Stephen King, doch wer schon in den 80ern dabei war und wenn es generell um die rassigen, bluttriefenden und atmosphärischen Schmöker ging, der kennt auch noch James Herbert. Wie auch Dean R. Koontz und John Saul war er einer der „neuen“ Horror-Autoren, der vor allem durch seine Romantrilogie um blutrünstige Ratten die Buchhandlungen stürmte, die recht graphisch darlegten, wie es ist, wenn dir das Fleisch von Monstren vom Körper genagt wird (natürlich gab es zu dieser Zeit schon derbere Autoren, aber die kamen nicht gleich im Mainstream an).
Um so seltsamer ist es, dass Herbert, der Zeit seines Lebens über 20 Romane schrieb, gerade in Sachen Werkverfilmung nie die Ehre zuteil wurde, die King (mit dem er befreundet war) etngegen gebracht wurde.
Es gibt nur eine Handvoll von Adaptionen seiner Bücher, keine davon werkgetreu und nahezu alle kreativ als halbwegs gescheitert angesehen (die annähernd beste Herbert-Adaption ist der 1995er „Haunted – Haus der Geister“), wie ich in Sachen „Survivor“ von 1981 bestätigen darf.
Eine ganze Dekade ist Herbert nun schon tot, doch erst jetzt findet sich mal wieder jemand, der sich eines seiner Werke annimmt – und dann wird praktisch gar nicht mit der Herkunft geworben, als sei der Autor quasi ein Hinderungsgrund und nicht ein Verkaufsargument.
Der Film ist das Regiedebüt von Evan Spiliotopoulos, einem hauptsächlichen Drehbuchautor, der mit Actionfilmen begann und zuletzt häufiger für Animationfilm-Sequels tätig war. Nun adaptiert er erstmals einen Horrorroman und führt auch gleich noch Regie, der Mann traut sich was zu.
Allein, das Ergebnis ist eine zwiespältige Angelegenheit: einerseits ist der finale Film kein Ärgernis, man kann ihn als Horrorfan problemlos schauen, zwischen dem dritten Stück Pizza und dem vierten Red Bull. So gesehen ist er eine stabile Unterhaltungseinlage, wenn man halt nicht zu viel erwartet.
Sieht man in dem Film eine Herbert-Adaption (bei Buchkenntnis selbstverständlich), wird man ob der Simplifizierung sicherlich enttäuscht sein.
Im Kern ist die Adaption Spiliotopoulos‘ der Vorlage treu geblieben: ein gewissensarmer Sensationsjournalist stolpert zufällig in einem abgelegenen Nest in Massachussetts (in der Buchvorlage Mittelengland) über eine taubstumme Teenagerin (Vorlage: ein Kind), die plötzlich angesichts der Marienstatue in ihrer Heimatkirche vor einem Eichenbaum auf einem Feld nahebei eine Marienerscheinung hat. Zumindest behauptet sie dies, doch die kleine Story wächst in dem Maße, in dem das Mädchen erst zu sprechen und zu hören beginnt und später Wunder an Kranken tut und Lahme gehend macht.
Daraus strickt sich ein dichtes Netz widersprüchlicher Interessen: der Journalist ist zwar gierig auf die Story, reagiert aber zunehmend unwirsch auf die Einflussnahme örtlicher Händler und der katholischen Kirche, die natürlich in den Wunderheilungen und den Möglichkeiten eines Wallfahrtsort dauerhaft Popularität, Zulauf und viel Geld sehen.
Das Wundermädchen wird zur Weltsensation, erst kommen Hunderte, dann Tausende gepilgert, währen erst der örtliche Priester, dann später auch noch der Journalist und andere Kirchenleute ahnen, dass es vielleicht nicht gerade die Mutter Gottes gewesen sein könnte, die dem Mädchen erschienen ist. Und dass sich dahinter ggf. ein bösartiges Wesen mit einem furchtbaren Plan versteckt.
Leider hat die Amerikanisierung der Vorlage wie üblich nicht gut getan, der Ort der Handlung evoziert schon eine Nähe zu Hexenprozessen und da der Regisseur und Autor kein Freund des Subtilen ist, setzt er einen aufklärerischen Prolog samt Hexenverbrennung quasi vor die eigentliche Handlung, womit schon alle Pferde gesattelt, aber jegliches Aha-Erlebnis abgestorben ist. Zum Vergleich: eine verwandte Backstory der Entität im Buch findet nach über 300 von 400 Seiten (dt.Ausgabe) statt, bis dahin widmet sich Herbert in seinem Buch dem Unheil, welches durch Gier und Verzweiflung erwächst, ehe auch im Buch die Schatten des Übernatürlichen langsam immer länger und dunkler werden.
Von derlei Tiefenschärfe ist im Film wenig zu bemerken, der Regisseur setzt – leider – auf das Offensichtliche und präsentiert in endloser Folge durch den ganzen Film Kurzauftritte seiner Finsterfrau, die kuttenbewehrt und mit Maske im Gesicht stets dann ins Bild springt, wenn man das von einem Horrorfilm mit Jumpscare-Quote halt erwarten kann – also ständig.
Wäre der Buh-Mann (oder Buh-Frau) nun noch überzeugend, würde das zumindest manchmal funktionieren, aber die mit knackenden Gliedern und langen Krallen schön klischeehaft programmierte CGI-Nachtgestalt langweilt spätestens beim fünften Auftritt ziemlich – und sie kommt in Träumen vor, lauern in Kirchen, hascht aus Reflektionen, erschreckt aus Pfützen, wo immer sich eine Gelegenheit bietet.
Die vielschichtigen Nebenfiguren des Buches dampft der Autor auf die wackeren Kirchenleut ein; die Geschäftsleute verschwinden, aus der Beziehung des Journalisten, belastet durch einen Glaubensschub ihrerseits, wird eine beliebige Dorfärztin, auch die Journalistenkollegin aus den Staaten fällt weg.
Das ginge alles, wenn die namhafte Besetzung etwa als Ausgleich bieten würde, doch Jeffrey Dean Morgan kann leider fast ausschließlich das raffgierige Arschloch vom Beginn spielen, die feineren Nuancen später als Aufklärer und Mahner gehen ihm als Darsteller ab. Cary Elwes spielt den publicity-interessierten Bischoff aus dem FF, William Sadler als lungenkranker Ortspriester hat zwar einen besseren Bezug zu den Wundern als im Buch, leidet aber genauso darunter, dass ihm das Skript zu wenig zu tun gibt. Cricket Browns Interpretation als „Wunderkind“ ist sicherlich hier zugänglicher, als ein elfjähriges Kind gewirkt hätte, aber letztendlich bleibt die Figur – und das ahnt man sehr schnell – nur ein Instrument, das jemand anderes lenkt.
Was aber besonders enttäuscht: ganz abgesehen davon, dass „Spilio“ das sich entwickelnde Mysterium zugunsten der totalen Offensichtlichkeit aufgibt (es ist immerhin ein Horrorfilm, da müssen schnell Gruselbilder her), macht das Skript den Journo Gerry Fenn auch noch zum Auslöser der ganzen Misere. Und man verzichtet praktisch-faktisch auf fast alle Katastrophen, die das Buch noch bietet, sei es die Tankwagen-Bus-Explosion, die fast den halben Ort vernichtet, seien es die Tode zweier Kirchenleute, sowie ein besonders atmosphärische Szene im letzten Viertel, als Fenn und seine US-Kollegin in einer abgelegenen Kirchenkapelle nacheinander dem Grauen begegnen.
Qualitätsverlust Nr.1 ist aber, dass die Produktion – vielleicht aus Kostengründen – auf das apokalyptische Ende verzichtet, welches durch einen Attentäter ausgelöst wird, zwar findet eine ähnliche Abfolge statt, aber anstelle den Sündern und Profiteuren den Spiegel vorzuhalten, löst sich der Film tatsächlich durch eine Art „Ihr dürft nicht an sie glauben!“-Appell und drückt ordentlich auf die christliche Erlösertube, etwas was in der Vorlage ebenfalls rudimentärer angedeutet wird.
Die ganze Produktion wirkt somit kleinskaliger, als sie es verdient hätte; gute Darsteller müssen mit einem sehr mechanischen und abgenutzten Horror-Plot zurecht kommen, der weder eine eigene Handschrift bietet, noch sein Sujet langsam zu steigern weiß. „Spilio“ agiert hier wie jemand, der schon immer mal einen Horrorfilm drehen wollte, weil er einige davon gesehen hat und sie ihm gefallen, aber ein Händchen hat er in den wenigsten Fällen dafür, ergeht sich in Variationen und Wiederholungen der immer gleichen Effekte und lässt viel zu häufig den Computer die Arbeit machen, die für Spannung und Atmosphäre sorgen soll. Selbst einige Innenräume sind vermutlich auf diese Art entstanden.
Ich möchte betonen, dass nichts daran exemplarisch schlecht wäre, aber der Film hat nicht die nötige Originalität und tut beiden Schöpfern (sowohl Herbert als auch dem Filmemacher) keine Ehre, ist aber immerhin eine Rückkehr zu dem erzählerischen Gruselfilm, der in den letzten 20 Jahren zunehmend seltener geworden ist, aber in den 80ern und 90ern groß war. Er verzichtet auf übermäßige Gewalt, vergeudet aber viel von seiner Wirkung, in dem er jeden Mysteryfaktor banal in die Mitte des Tisches wirft – und danach gibt es für das Publikum dann auch keine großen Überraschungen mehr.
Daraus wird ein Film, der nachträglich erklärt, was man schon weiß, anstelle anzudeuten, was man ahnen soll. Manchen mag das für eine solide Wertung genügen, mir selbst ist das Ergebnis unter dem Strich anzusiedeln.
Und was soll ich sagen, ich hab nach 25 Jahren die Vorlage gleich noch mal durchgelesen und sie ist deutlich wirksamer.
Herbert kann sich nicht mehr beschweren, aber wenigstens wurde überhaupt mal wieder eines seiner Bücher verfilmt. Und Ähnliches bei Adaptionen ist seinem Kollegen King mit seinen 40+ Buchvorlagen auch schon häufiger passiert (4,5/10)