Review

"I made silly videos, but the funny thing about being a human being in 2017, is that if you’ve got a phone in your pocket, you are a film maker if you want to be. So, it doesn’t have to be silly videos anymore, you can go out there and you can make actual productions. I thought, 'the equipment is there, the ability to edit is there, more importantly the ability to find an audience is there, I just need to figure out who the hell is going to buy my stuff from me.'"
~ Tom Paton

Falls ein Vergleich zur Kenntlichmachung von Jean-Paul Ly heutzutage noch nötig sein muss und für das Mainstreampublikum sicher auch nötig sein wird, würde dieser auf den ähnlich bekannten oder eher unbekannten Alain Moussi abzielen und dort die Analogie herbemühen. Beide sind zumeist als Stuntman unterwegs und haben so auch begonnen und sind so auch in Hollywood bzw. größeren Produktionen, aber eben als Double vom Star und vielleicht in einer kleineren Aktion als Prügelknabe und Scherge unterwegs. Beide agieren getreu ihrer Herkunft eher körperlich und haben dort ihre Meriten, nicht unbedingt als Darsteller selber, wobei beide mittlerweile und dies auch Kraft ihrer Wassersuppe vor der Kamera, in entsprechend aber naturgemäß eingeschränkten Werken tätig waren, bei Moussi im Umfeld von Dimitri Logothetis, bei Ly ganz unterschiedlich, auch noch mehr Independenz, und auch oftmals im Short Cut Format und damit eher nicht kommerziell gewinnbringend unterwegs. Ly hat erste Aufmerksamkeit durch den kambodschanischen Jailbreak (2017) erlangt, die zweite durch den britischen Nightshooters (2018), nun ist der ebenfalls britische 400 Bullets da und bedient die Klientel von preiswerter Action mit Militärfetisch:

Afghanistan. Als der Militärkonvoi von Noah Brandt [ Andrew Lee Potts ] von Taliban überfallen wird, flieht dieser mit technisch und strategisch wichtigen Material in einen abgelegenen und derzeit auch nahezu leeren Stützpunkt in der Nähe, wo neben der dort stationierten Nachtwache Rana Rae [ Jean-Paul Ly ] nur noch ein weiterer Soldat und auch kaum Munition vorhanden ist und die Feinde schon bald vor der Tür stehen.

"I emptied out the magazines for ya, so you've got something to do." - "Counting rounds all night. Great." - "You wanna know how many there is?" - "I don't like spoilers." - "There's 400."
Regisseur Paton hat kurz zuvor den Black Site (2018) und Black Ops (2019) mit durchaus ähnlich reduzierter Prämisse und ebensolchen Vollzug gedreht, mehrfach sich schon leicht an die Achtziger Jahre und das Schaffen dort von John Carpenter mit in den Mittelpunkt gestellt und angelehnt, das Kreuzen verschiedener erwachsener Genres auch und technisches Filmemachen, zumal Carpenter auch das Mittel der Action eher sparsam einsetzte und dies dramaturgisch und nicht mit und für den visuellen Effekt unterlegt. Hier ist die erste Schießerei quasi gleichzeitig aus dem Nichts, aber mit Ankündigung, und sieht ist auch eher ungewöhnlich formuliert und montiert, die Angreifer auf einen Militärkonvoi sind nahezu unsichtbar und in weiter Ferne und nicht zu erkennen, die Schüsse kommen von allen Seiten, die Verteidiger sind schon beim ersten Treffereinschlag auf das Fahrzeug, eine Falle, nicht nur ausgeschaltet, sondern quasi 'weg', und die Szenerie eines leicht verschneiten nächtlichen Afghanistan ist dunkel, mehr oder minder nur von der Munition erhellt und auch 'leer'. Eine Auseinandersetzung irgendwo im Nirgendwo, aus der Ferne per Satellit überwacht und dort scheinbar zum Greifen nah, ansonsten abgeschieden, tödlich und isoliert. Es ist auch kein richtiger Kampf, keine Auseinandersetzung, es ist mehr eine Flucht, aber die Hintergründe dessen werden später erläutert und der Kampf selber wird noch erklärt.

Wachablösung in der Nacht, zur Geisterstunde, mitten in der Einöde, wo der Krieg eher Nebensache und für die Wachsoldaten eher ein Fremdwort ist, aber hier dann später doch dazu gehört. Die Belagerungssituation und der stete Angriff auf ein Zentrum kommt natürlich von Assault on Precinct 13th (1976), ein Klassiker mit ebensolchen Variationen, der sich ebenfalls einem Klassiker, dem Rio Bravo (1959) bedient und dort die Umstände und die Figurenkonstellation und das Motiv v.a. auch variiert. Der Schauplatz winzig und umstellt, die Angreifer in Überzahl, die Reserven von vornherein begrenzt und die Mittel der Kommunikation zum bspw. dem Ersuchen von Hilfe und Verstärkung teils bis auf null und Nichtig reduziert. Ein wenig Unterstützung bräuchte man hier auch bei der Inszenierung, manches ist recht steif dargeboten, gerade im Aufbau weniger flüssig, mit einigen seltsamen Bildfolgen und etwas grob im Rhythmus; zusätzlich zu einer Art Kapiteleinteilung mit längerer Schwarzblende, die allerdings keine Überschrift für diese chapter erhält.

Besser wirkt dann schon die Präsenz selber in der umkämpften Basis, die eher wie ein stillgelegter englischer Lagerplatz mit vielen Containern drumherum aussieht und wahrscheinlich auch war (gedreht wurde Dezember 2019 in Coventry); die Bedrohung vor Ort, die erst mit Herumschleiche und Taktik im Rondell versucht wird zu umgehen und wo bald doch das Dauerfeuer ausbricht und nachdem die Kugeln alle sind, auch in die Baracke selber und den Nah- und Zweikampf gegangen wird und physisch und dies auch recht ausdauernd und anstrengend um Leib und Leben gekämpft; wobei allerdings einzig der Finalkampf tatsächlich nach etwas aussieht und es vorher eher ein grobes Hauen und Stechen ist. Gehalten im leichten Blaufilter, als Art Sparversion von 13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi (2016) oder neuerdings dem The Outpost (2020), eher minimalistisch gerade im Vergleich zu beiden und auch auf Strategie und dem Vollzug im (durchaus knackigen) Dialog aus und nicht per se dem bleireichen Widerstand angelegt.

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