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Mit "Verführung: die grausame Frau" haben sich Treut und Mikesch Sacher-Masochs "Venus im Pelz" angenähert. Hier steht jedoch nicht Gregors Selbstfindungsprozess im Vordergrund, diese Rolle fällt sogar ganz im Gegenteil vergleichsweise klein aus. "Verführung" weitet vielmehr die sadomasochistische Beziehung auf eine ganz Bühnenshow aus; Dreh- und Angelpunkt dieser Beziehung und dieser Bühnenshow ist die dominante Wanda, um die sich ihre Mitarbeiter/innen und Sklaven/Sklavinnen versammeln. Zu ihnen gehören Friederike, die sich duldsam vor Publikum bis aufs Blut schneiden lässt, oder Herr Maehrsch, der anfangs als Interviewpartner erscheint und sich zum Toilettensklaven wandelt.
Doch da - gemäß der anfänglichen Texttafel mit Baudrillard-Zitat (Baudrillard mochte den Film übrigens) - die "majestätische Macht des Spiels" die Verführung die "Macht der Erotik" untergraben lässt, ist es notwendig entsprechende Spielregeln einzuhalten, um nicht der bloßen Trieb- und Wunscherfüllung zu erliegen. Doch nicht jeder vermag diese einzuhalten, wie etwa Sklave Gregor, der sich in Wanda verliebt und mehr erbittet, als sie ihm zugesteht. Oder auch Justine, die vollkommen verliebt immer mehr Zuneigung Wandas einfordert und sich vielfach eifersüchtig aufführt.
Dieser Umstand bewirkt das dramaturgische Spannungsverhältnis des Films, das sich gegen Ende in einem verzweifelten Gewaltakt Gregors entladen - wenn nicht gar dauerhaft lösen (das Ende bleibt offen) - wird.

Doch eine klassische Dramaturgie wird dabei trotzdem nicht aufgebaut. Der Film bleibt episodenhaft, womöglich etwas fragmentarisch und richtet sein Augenmerk auf wunderschön in Szene gesetzte Zustandsbeschreibungen und auf abstrakt bleibende Themen wie die Lust an der Demütigung, die verbunden ist mit strenger Selbstbeherrschung, mit Entsagung und (in erster Linie auf der Seite der Devoten) mit einem übermäßigen Stolz.
Der Film bietet somit eher einen Einblick in verführerische Rituale und weniger eine fesselnde Handlung. Dass er keine Motivation der Figuren mitliefert, ist dabei kein Mangel - wie es etwa der katholische Filmdienst annahm. (Dieser nahm es dem Film dann auch übel, dass er nicht "für Verständnis bei den ,normalen' Kinogängern" wirbt und verdammte das Werk auch gleich als überflüssig und ärgerlich.) Es ist eher Ausdruck eines ganz neuen Selbstverständnisses, es ist die vollkommene Selbstsicherheit, die im Film ja auch thematisiert wird wenn in Wandas Videoanleitung die Überwindung von Tabus mit dem Hinweis auf die Natürlichkeit des Tabuisierten erfolgt. ("Stehen Sie zu Ihrer Scheiße!" lautet das Fazit.) Dass sich die Perversion nicht erklären muss ist freilich eine Sichtweise, die dem katholischen Filmdienst völlig fremd war. Der CDU allerdings auch - aus deren Reihen wurde der Film als "unzumutbar" hingestellt.

Solche Urteile könnten den Eindruck erwecken, der Film lege es auf eine totale Konfrontationsästhetik an - das ist jedoch nie der Fall. Von entblößten Brüsten und Hinterbacken abgesehen bleibt der Film geradezu keusch in seiner Darstellung und zeigt auch das Abjekte nicht: keine Scheiße, kein Urin, kein Sperma; die Thematisierung erfolgt in dieser Hinsicht bloß auf sprachlicher Ebene. Will man dem Film also einen Vorwurf machen, dann eher den, dass er sich das, was er als ganz natürlich propagiert, nicht zu zeigen traut.
Die Motive, die der Zuschauer zu Gesicht bekommt, werden zudem im höchsten Grade stilisiert, was zusammen mit dem grobkörnigen Material eine ganz eigene Ästhetik bewirkt. Eine sehr sorgfältige Bildkomposition, die sich bisweilen etwas minimalistisch, zum Ende hin aber auch beinahe überladen gibt, und eine auffällige Farbdramaturgie, die vor allem auf sehr kühle Farben Wert legt, nehmen dabei den höchsten Stellenwert ein.

Einen großen Beitrag zum künstlerischen Erfolg liefern aber auch die ausgelassen spielenden Darsteller. Da wäre Mechthild Grossmann in der Rolle der Wanda ("Es ist mein Beruf grausam zu sein."), die die herrschende, vergötterte Frau selbstbewusst und mit Spaß an der Sache gibt und dabei an ihre vorherige Filmrolle bei Fassbinder (die Prostituierte in "Berlin Alexanderplatz" (1980)) anknüpft. Ein Kuriosum ist sicherlich Peter Weibel (!) als Toilettensklave ("Ich möchte gerne... Ihre Toilette sein."), den er mit kriecherischer Unterwürfigkeit gibt, die mit dem seriösen Erscheinungsbild des damaligen Professors für Photographie einen faszinierenden Kontrast bewirkt. Kurios ist - oh Wunder! - auch Udo Kier, der hier ein paar skurrile Zeilen aufsagen ("Das ist mein liebstes Spielzeug. Wenn man es aufsetzt, funktioniert's wie ein Radio.") und ansonsten mit schmachtenden Blicken, halbnackt unter Peitschen kriechen und robben oder nach züngelnden Zungenspitzen schnappen darf, sodass diese Rolle sicherlich zu seinen bizarrsten gezählt werden kann, wenngleich er hier auffällig viele ruhige Auftritte hat. Erwähnenswert ist ebenfalls noch Georgette Dee, der damals noch weitestgehend unbekannte Travestie-Star, der hier die melancholische, leidenswillige Friederike mit traurigem, gedankenverlorenem Blick gibt ("Wenn ich mir was wünschen dürfte...").

Der naheliegende Verdacht, dass Mikesch und Treut als deutlich feministische Filmemacherinnen eine starke Frau, eine Domina feiern, bestätigt sich übrigens zu keiner Sekunde. Wanda bleibt in intimen Momenten nicht immer souverän und ihre berufsbedingte Grausamkeit wird auch nicht immer sympathievoll inszeniert. Ebenso erweisen sich männliche Sklaven im Vergleich mit Sklavinnen nicht als willensschwächer: Gregor verhält sich zu Maersch wie Justine zu Friederike, ausgeglichener kann eine Figurenkonstellation gar nicht sein.
Aber dennoch schlägt sich die feministische Grundhaltung hier nieder und zwar in einer Form, die sich bewusst vom feministischen Mainstream der frühen 80er abkoppelt: dieser nämlich hat den Sadomasochismus als männliche Sexualität verteufelt und Frauen mit diesen Vorlieben wurden - selbst wenn es sich um Lesbierinnen handelte - heftig angegriffen. "Verführung" nimmt davon Abstand und präsentiert devote, masochistische und dominante, sadistische Frauen. Die Regisseurinnen sabotieren auf diese Weise die populäre feministische Einstellung, dass S/M Ausdruck genuin männlicher Sexualität sei, eine Einstellung, die jedoch die tatsächliche sexuelle Ausrichtung etlicher Frauen völlig ignoriert hat. Auch die negative Konnotation von S/M wird damit (und zu diesem Zweck) völlig geleugnet, mit der Legitimation, dass die Formen der Gewalt während des sexuellen Spiels im gegenseitigen Einverständnis erfolgen. Treuts und Mikeschs feministisches Anliegen versperrt sich also zweifelhaften Geschlechterbildern (es verwundert nicht, dass Treut später "Gendernauts - Eine Reise durch die Geschlechter" (1999) abgeliefert hat) und legt Wert darauf, mit der tatsächlichen Sexualität der Menschen im Einklang zu stehen.

Kurz: für aufgeschlossene Gemüter ein lohnenswerter Blick auf den Reiz des S/M, bildschön umgesetzt (solange man underground-kompatibel ist) und in der feministischen Ausrichtung außerordentlich intelligent.

8/10

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