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Disney kann es sich erlauben, zwischendurch relativ hoch zu pokern und dabei auf die Popularität eines alten Klassikers setzen, der 1961 mit „101 Dalmatiner“ per Zeichentrick umgesetzt wurde. Zweimal verkörperte Glenn Close die Rolle der fiesen Widersacherin Cruella, während Emma Stone deren Werdegang spielt, - mit allem, was Make-up und Kostümdesign hergeben.

Früh wurde aus Estella (Stone) ein Waisenkind. Ihre Mutter starb bei einem Unfall, in dem die Modeschöpferin Baroness (Emma Thompson) indirekt verwickelt war. Nachdem sie sich mit den Kleinganoven Jasper (Joel Fry) und Horace (Paul Walter Hauser) einige Jahre über Wasser hielt, gelingt es Estelle, in der Modewelt Fuß zu fassen und bei der gestrengen Baroness einen Designer-Job zu ergattern. Doch dann stößt sie auf ein düsteres Geheimnis…

Es ist ein Auftakt nach Maß, indem Regisseur Craig Gillespie den Werdegang der rebellischen Estelle ab Grundschulalter im Schnelldurchgang mit viel Humor durchzieht und damit die (spätere) Titelfigur als auch ihre überaus sympathischen Sidekicks treffend etabliert. Zugleich erscheint die Baroness erstmals und offenbart bereits eine herabwürdigende Kaltschnäuzigkeit, die der eigentlichen Antagonistin förmlich ins Gesicht geschrieben steht.

Das London Mitte der Siebziger lebt in erster Linie von der detailverliebten Ausstattung, die anfangs stark an die Punk-Ära angelehnt ist, was einige Songs, unter anderem von „The Clash“, „Supertramp“, Suzi Quatro und David Bowie die richtige Stimmung verleihen. Die Gestaltung der Kostüme steigert sich im Verlauf, von zunächst recht schlichten Abendkleidern, die etwa durch einen Flammeffekt direkt am Körper enthüllt werden. Später durch eine groß angelegte Werbeaktion der Modeschöpferin Cruella, die zunächst einem Müllwagen entspringt, um kurz darauf die längste Schleppe seit langem zu präsentieren. Den Kostümdesignern gebührt großer Respekt, ebenso dem ausgefeilten Make-up, welches der Titelfigur Variabilität und einige recht markante Auftritte beschert.

Obgleich es zwischenzeitlich ein wenig düster zugeht und Estelles Alter Ego einige finstere Neigungen offenbart, sorgen nicht zuletzt ihre Helfer für gelungene Aufheiterungen, welche einige Male von gut dressierten Hunden begleitet werden. Wenn ein Chihuahua als verkleidete Mischung aus Waschbär und Ratte durch einen Palast hastet, sieht das einfach schön schräg aus, - anders als die drei Dalmatiner, die größtenteils und leider offensichtlich per CGI in die Runde geworfen werden.

Was über weite Teile recht flott und überwiegend gut gelaunt vorgetragen wird, bleibt innerhalb der 133 Minuten nicht ohne kleine Längen, zumal etwas zu ausladend auf die Baroness eingegangen wird, während die wesentlich ambivalenteren Figuren wie ein helfender Modehändler zu sehr im Hintergrund bleiben. Auch die Wandlung zur späteren Hundehasserin erschließt sich hier nicht, - vielleicht bedarf es dafür eines weiteren Prequels.

Emma Stone beweist einmal mehr ihre Vielfältigkeit und performt hier mit der notwendigen Präsenz, um aus Cruella eine Gestalt mit Widererkennungswert zu formen, die den schmalen Grad zwischen Faszination, Mitgefühl und Verachtung beschreitet. Thompson lässt sich als eiskalte Diva nicht lumpen und spielt ebenfalls recht einnehmend, gut sind auch Fry und Hauser als helfende Kumpane und Mark Strong als undurchschaubarer Adjutant der Bösen.

Was dramaturgisch nicht immer einwandfrei funktioniert und erst zum Showdown eine angemessene Spannungskurve inklusive Twist erfährt, vermag die Optik zu fast jeder Zeit auszugleichen. Tolle Kostüme, starke Sets mit prunkvollen Bauten und auffallende Oldtimer zählen zu den visuell ansprechenden Höhepunkten, die von einer recht treffenden und vielfältigen Songauswahl begleitet werden. Ein insgesamt kurzweiliges Unterfangen, welches allerdings (noch) nicht verrät, wie man von drei auf 101 Dalmatiner kommt…
7 von 10

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