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„Die treiben’s doch heute alle so früh!“

Fall Nummer zwölf der Essener „Tatort“-Kommissare Heinz Haferkamp (Hansjörg Felmy) und Willy Kreutzer (Willy Semmelrogge) markiert den Einstand des späteren Miterfinders der Ermittlerfigur Horst Schimanski, Regisseurs Hajo Gies, innerhalb der öffentlich-rechtlichen Krimireihe. Sein Bruder Martin Gies verfasste das Drehbuch dieses Kriminal-/Liebesdramas, das am 4. Dezember 1977 erstausgestrahlt wurde.

„Manchmal les‘ ich sogar Kafka!“

Der 15-jährige Kalle (Gerhard Theisen, „Das fünfte Gebot“) interessiert sich für seine ungefähr gleichaltrige Nachbarin Bärbel (Holle Hörnig), beobachtet sie auf der Kirmes und bietet ihr anschließend an, sie auf seinem Fahrrad nach Hause zu bringen. Bärbel zeigt jedoch keinerlei Interesse an Kalle, lehnt dankend ab und nimmt lieber den Bus. Doch Kalle kann diese Niederlage nicht akzeptieren und fährt ihr hinterher, verfolgt sie bis in ein altes Bahnhofsgebäude, wo sie sich offenbar mit ihrem Freund (Jürgen Prochnow, „Das Boot“) treffen will (von dem Kalle bisher nichts wusste). Als sie Kalle entdeckt, fordert sie ihn abzuhauen auf, doch stattdessen stürzt Kalle sich auf sie. Sie wehrt sich und als ihr Freund am Treffpunkt erscheint, hält Kalle ihr den Mund zu und erstickt sie dabei. Kalle flieht und Bärbels Freund Klaus findet das tote Mädchen. Kommissar Haferkamp nimmt die Ermittlungen auf und sieht sich in Bärbels Zuhause sowie in ihrer Schule um. Sein Hauptverdächtiger ist bald Bärbels Lehrer Klaus Lindner – pikanterweise jener Klaus, mit dem sie sich treffen wollte. Bärbel hatte eine Affäre mit ihrem Lehrer! Damit diese nicht herauskommt, hält sich Klaus mit Angaben gegenüber dem Kommissar sehr bedeckt, wodurch er jedoch nur noch stärker in Mordverdacht gerät. Kalle wiederum plagt sein Gewissen…

„Dann kann ich eben nix…“

Die Kirmesszenen zu Beginn werden von schöner, gleichsam melancholischer Musik kontrastiert und bilden somit eine Analogie zu Kalles Gefühlswelt, der weniger zum unbeschwerten Vergnügen auf der Kirmes weilt, sondern vielmehr, um Bärbel näherzukommen. Die Konfliktsituation, in die er sich mit seiner Nachstellerei manövriert, eskaliert, als er sich einem Vergewaltigungsversuch gleich auf das Mädchen stürzt – was sie nicht überleben wird. Haferkamp trifft seine Ex-Frau Ingrid (Karin Eickelbaum) in einer schummrigen Kneipe, bevor er Bärbels Vater (Hansjoachim Krietsch, „Fluchtversuch“) aufsucht und sich dort einen ersten Eindruck verschafft. Es gibt also kein Whodunit? hier, auch keine klassische Motivsuche. Längere Zeit beschäftigt sich die Handlung mit der Charakterisierung des Lehrers Klaus Lindner, der in einer offenen Beziehung mit seiner attraktiven Frau Jutta (Herlinde Latzko, „Die Affäre Lerouge“) lebt, als besonderen Kick jedoch anscheinend den Missbrauch einer Schutzbefohlenen braucht. Bärbel hielt ihre Schwärmerei für ihren Lehrer für die große Liebe, was er bereitwillig ausnutzte.

Dass Bärbel die gleiche Miles-Davis-LP, dessen Musik Teil der musikalischen Untermalung dieses „Tatorts“ ist, wie Klaus besaß, wird zu einem wichtigen Indiz für Haferkamp, der jedoch die meiste Zeit über irrt und erst spät Kalle als Täter ins Auge fasst. Die Kamera ist nah am verzweifelten Kalle, die Handlung begreift ihn als Täter und Opfer zugleich. Er will Suizid begehen und macht im letzten Moment einen Rückzieher. Dass ihn schließlich sowohl Lindner als auch Haferkamp auf dem Kieker haben, wird er in Kombination mit seinen Schuldgefühlen aber nicht verkraften. Die Empathie, mit der die Gies-Brüder der Figur Kalle begegnen, unterscheidet diesen „Tatort“ von zahlreichen anderen Fernsehkrimis und betont die Tragik und Dramatik, die ihm innewohnen. Bisweilen mag sie indes ein wenig irritieren, denn Kalles Übergriff auf Bärbel ist natürlich absolut verurteilungswürdig, wird hier zwischen den Zeilen aber mit dem jugendlichen Eifer eines Schwerstverliebten erklärt, dem die Sicherungen durchbrannten.

Was eine solche im Affekt geschehene Tat mit dem Täter macht, schildert „Das Mädchen von gegenüber“ indes sehr anschaulich, wenngleich im letzten Drittel ein noch etwas stärkerer Fokus auf Kalle angemessen gewesen wäre. Die traurige Musik, ein wiederkehrendes Klavierstück, unterstreicht die Atmosphäre dieses hervorragend gefilmten Falls, dessen urbane ‘70er-Jahre-Tristesse (inklusive heftig geschmacksverirrter zeitgenössischer Tapeten) sich perfekt in den Neo-noir-Stil einfügt. Die Kirmes wirkt darin wie ein Fremdkörper und wird erneut zum Schauplatz, diesmal des letzten, bedrückenden Kapitels. Auch Haferkamp hat schwer am Geschehenen zu knapsen; die geringe Rolle, die sein Kompagnon Kreutzer einmal mehr spielt, lässt Haferkamp beinahe als völligen Einzelgänger mit zerstörter Ehe und zerknitterter Psyche erscheinen. Trotz Verzichts auf ein Whodunit? gelang Gies eine bemerkenswerte, spannende Inszenierung dieses „Tatorts“, der zu den herausragenden der zweiten Hälfte der 1970er zählen dürfte – wenngleich die im März desselben Jahres ausgestrahlte Inspirationsquelle „Tatort: Reifezeugnis“ allgegenwärtig ist.

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