Review

Groß, grün, gespalten

Bruce Banner alias der Hulk war, neben dem "Ding" (Fantastische Vier), schon immer der tragischte aller Superhelden. Aus einer kaputten Familie kommend, sich bei emotionalem Streß ungewollt in ein Monster mit unkontrollierbarer Kraft verwandelnd – und mit dieser nicht immer nur den "Bösen" schadend –, würde die Mehrheit der Menschen wohl nicht einmal darauf kommen, ihn als Held zu bezeichnen. Er unterschied sich schon immer massivst von den fliegenden Rittern in strahlender Rüstung, war nie ein Saubermann, der stets politisch korrekt und moralisch integer für Ruhe und Ordnung sorgt – sondern erschütterte im Gegenteil eben diese Ruhe und Ordnung permanent mit seiner ungezügelten, anarchischen Kraft. Im Kern zwar voller Güte, jedoch von seinen Mitmenschen mißverstanden, gefürchtet, gehaßt erinnert er nur zu oft an das Monster Frankensteins – was Stan Lee, einer seiner Erschaffer, auch unumwunden einräumt.

Ein anderer Lee, der mehrfach oscarnominierte Ang Lee, selbst mit einem Martial Arts-Epos wie CROUCHING TIGER, HIDDEN DRAGON eher durch Feinsinnigkeit und Poesie als durch exzessive Actionsequenzen auffallend, übernahm es nun, diesen grobschlächtigen Anti-Superhelden in die Moderne und auf die große Leinwand zu führen. Um es vorwegzunehmen: Der beeindruckendste Aspekt seiner Verfilmung ist es sicherlich, das Drama, die Tragödie, die Schwere, die der Saga um den Großen Grünen ursächlich anhaftet, konsequent ausgebaut – und dem Film damit eine Art Tiefe verliehen zu haben, die bisherigen Comicverfilmungen fremd war. Bis zu einem gewissen Grad ist HULK tatsächlich eine psychologische, eine Charakterstudie. Die jedoch stellenweise recht deutlich an letztlich naturgegebene Grenzen stößt – denn trotz aller Andersartigkeit ist der Hulk eine Comicfigur, und damit: zweidimensional. Flach. Sicher, der zentrale Gegensatz von unterdrückten Emotionen und ihrem zügellosen Ausleben, der die Figur(en) Bruce Banner/Hulk auszeichnet, ist – gerade für das Genre – kein allzu ausgelutschter. Außerdem standen Ang Lee so hervorragende Schauspieler wie Eric Bana (CHOPPER) in der Titelrolle, Nick Nolte als Bruce Banners Vater David und Jennifer Connelly als Betty Ross, der selbsterklärende Teil in "Beauty and the Beast", zur Verfügung; genau wie sein erhebliches Talent, bekannte Stoffe auf neuartige Weise zu inszenieren.

Und so überschreitet HULK auch, wie erwähnt, in gewaltigen Sätzen viele der tumb story-fixierten Limitierungen, die wir nicht nur aus anderen Comicverfilmungen, sondern ganz generell aus primär massenerfolgs-orientierten Hollywood-Streifen kennen. Beschäftigt sich mit seinen Charakteren und ihren Emotionen. Aber – vermutlich nicht zuletzt, weil Stan Lee nicht nur Erfinder der Figur, sondern auch Executive Producer des Films war (eine kleine Rolle, als Wache, spielt er übrigens auch noch), orientiert sich dieser penibel am Comic, addiert den Figuren wenig bis nichts hinzu – was letztendlich eben doch in Charakteren resultiert, die einem Comic entsprungen sein könnten; die Zwischentöne zwar zu kennen, jedoch nicht sonderlich viel mit ihnen anfangen zu können scheinen. So wird im Film zwar immer wieder über moralische Standpunkte, Ethik und Verantwortung diskutiert, so ist man sich zwar irgendwann auch darüber einig, daß "Richtig" und "Falsch" zwei nicht ganz so einfach zu definierende Parameter sind – aber am Verhalten der Figuren ändern diese Erwägungen und Diskussionen faktisch nichts. Die Rollen sind klar verteilt, wer ein "Guter" ist, bleibt eben "gut", wer "schlecht" ist, "schlecht". Was paradoxerweise sogar für den Hulk gilt: Die Inszenierung macht von Anfang an klar, daß sie ihn als einen "Guten" betrachtet wissen möchte. Sein Verhalten wird entschuldigt, ja gerechtfertigt; seine Opfer nicht weiter beachtet. Natürlich muß ein Film wie dieser "parteiisch" sein. Aber ein Superheld, der schließlich nicht nur vom Rest der Welt, sondern sogar von sich selbst äußerst zwiegespalten betrachtet wird, hätte ein wenig mehr kritische Distanz durchaus verkraftet. Ang Lee aber läßt keinen Zweifel daran, daß der Hulk unsere absolute Identifikationsfigur zu sein hat; trotz allen Geredes über Kontrollverlust und trotz aller Kollateralschäden. Die einzigen Figuren, die ein wenig aus dem starren Gut/Böse-Raster ausbrechen, sind die Väter: Bettys Vater General Ross, ein ranghoher Militär, der den Hulk zunächst fanatisch verfolgen läßt, um die Situation zuletzt immerhin skeptisch zu hinterfragen; und vor allem Bruces Vater David. Er ist nicht eindeutig auf eine Position festgelegt, seine Einschätzung durch den Betrachter muß sich im Verlauf des Films mehrfach wandeln – auch wenn sie fast ultimativ in der Beschreibung "armer Irrer" kulminiert.

Genau hier, in der Problematik einer um Ernsthaftigkeit, Vielschichtigkeit und Relevanz bemühten Charakterisierung der Figuren und ihrer Limitierung durch die omnipräsente Comic-Abstammung, offenbart sich ein zentraler Schwachpunkt des Films – seine Zerrissenheit. Es war ohne Zweifel ein interessantes Experiment, einen derart "erwachsenen" Regisseur wie Ang Lee einen so "kindlichen" Stoff wie HULK verfilmen zu lassen. Ein Experiment, das sicherlich zu außergewöhnlichen, die bisherigen Grenzen des Genres sprengenden Ergebnissen geführt hat. Jedoch ein Experiment, das, wenn es um den Grad der Unterhaltsamkeit bzw., alternativ, des echten Interesses an Charakteren und Hintergründen geht, nur bedingt überzeugen kann. Kurz gefaßt: der Film wirkt phasenweise arg unentschieden. Zwischen plattem B-Movie und anspruchsvollem Drama schwankend. Eher enttäuschend, wahrscheinlich, für die Popcorn-Meute – aber auch nicht tiefgreifend genug, um die Intellektuellen-Fraktion, die einer Comic-Verfilmung wohl ohnehin skeptisch gegenüberstehen wird, zu überzeugen.

Ein schlechter Film ist HULK trotzdem noch lange nicht. Was zu einem guten Teil daran liegt, daß er wieder und wieder überrascht. Zum einen durch das schon angesprochene Gewicht, das er auf die (begrenzte) Charakterisierung der Figuren legt; auf die persönlichen Dramen und Auseinandersetzungen, die die Geschichte des Hulk schon immer so interessant machten: zum Beispiel der schiere Gegensatz zwischen der verklemmten, leicht neurotischen, regelfixierten Figur Bruce Banners und dem ganz und gar freien, gewalttätigen Hulk. Das ganz besondere Vater-Sohn-Verhältnis bei den Banners, das zwischen (mitunter sehr eigenen) Formen der Liebe und dem innigen Wunsch nach Auslöschung des anderen schwankt. Das Spannungsfeld Erziehung – Abstammung: wie viel deiner Persönlichkeit ist tatsächlich deinem Umfeld geschuldet, was gar vorherbestimmt?

Genauso zu überraschen vermag der Film zum anderen aber durch die Wahl seiner visuellen Mittel. Ob die Begründung für den Einsatz dieser Mittel im Versuch liegt, Assoziationen zur Erzählweise von Comics zu schaffen, oder darin, von Storylängen abzulenken, sei hier dahingestellt: Der exzessive Einsatz von multiplen Splitscreens, außergewöhnlichen Überblendungen und nicht immer linearen Montagen ist bei einem Film für das Mainstream-Klientel zweifellos innovativ; bricht mit Sehgewohnheiten; ist fordernd. Und manchmal überfordernd. Denn auch, wenn (auffälligerweise) auf den Einsatz solcher Techniken immer dann verzichtet wird, wenn der HULK selbst im Bild ist; auch, wenn sie vornehmlich dann Verwendung finden, wenn inhaltlich gerade nicht ALLzuviel passiert: Es ist zuweilen anstrengend, ja enervierend, und vor allem sehr oft nicht im geringsten sinnstiftend, allen möglichen Teilen des Bildes dabei zu folgen, wie sie sich auf allen möglichen Teilen der Leinwand breitmachen. Mitunter ertappte ich mich sogar dabei, wie ich über allzu offensichtliche Taschenspielertricks den Kopf schütteln mußte.

Wie auch immer: ein Flair der Neuartigkeit erreicht Ang Lee so ohne Frage – was im Zeitalter effekttechnisch aufgeblähter Nichtigkeiten wie "Matrix Reloaded" für einen im weiteren Sinne phantastischen Film ja schon überlebensnotwendig sein kann. Abgesehen von solchen Montage-Techniken bietet der Film auch, diesmal eigentlich ausnahmslos stimmige, Ausflüge in verfremdete Bildwelten. Da flirren grüne und violette Nebel über die Leinwand, da tauchen wir in Zellstrukturen ein, da erleben wir seltsame Perspektiven, symbolhafte Motive, Verformungen. Was einerseits sicherlich der Comic-Abstammung geschuldet ist, andererseits aber auch dem häufigen Abtauchen des Films in Traum-, Erinnerungs-, Vorstellungswelten der Protagonisten (bzw., vornehmlich, des Hulk).

Dennoch, wie schon angedeutet: all diese innovativen Maßnahmen können nicht verhindern, daß sich mehrfach ein Gefühl der Zähigkeit breit macht; daß Längen auftreten. Dies gilt – wie fast erwartet werden konnte – vor allem für den ersten Teil des Films. Jenen Teil, in dem der Hulk noch nicht auftritt. Und der dauert immerhin fast 45 Minuten. Trotz aller Bemühungen, hier Interesse an den Figuren, ihrer Vergangenheit, ihrem Schicksal entstehen zu lassen, schafft es Ang Lee nicht wirklich, den Zuschauer vergessen zu lassen, daß die Hauptfigur erst noch auftreten WIRD; daß der Film eigentlich eben noch nicht richtig angefangen hat. Was irgendwo auch verständlich ist: in einen Film mit dem Namen HULK will man nun mal vor allem den Hulk sehen. Vielleicht ist die Wartezeit bis dahin einfach zu lang; bei allen zwischenmenschlichen Dramen passiert inhaltlich nicht genug.

Dabei beginnt der Film atemberaubend schnell. Der Vorspann ist mit einer rasanten Montage unterlegt, die uns die Experimente David Banners näherbringt – und uns zeigt, wo der Ursprung der späteren Entstehung des Hulk liegt. Auch die folgenden Minuten des Films behalten das schwindelerregende Tempo bei, indem sie uns im Zeitraffer durch die tragische Kindheit Bruce Banners führen, kurz sein Heranwachsen streifen, bis wir dann in der Jetzt-Zeit abrupt zum Stehen kommen: Bruce als etwa 30jähriger, der in einem Labor in Berkeley molekulargenetische Forschungen betreibt, die denen seines Vaters auf frappierenden Weise ähneln. In der Folge erfahren wir mehr über die Verwerfungen seines (Gefühls-)Lebens und lernen sämtliche Protagonisten des Films kennen, bis es dann nach geraumer Zeit endlich zum sprichwörtlichen großen Knall kommt. Nämlich zu jenem berüchtigten Unfall, bei dem Gammastrahlung das mutierte genetische Erbe Bruce Banners erweckt – was ihn schließlich in den Hulk verwandelt.

Ab diesem Moment nimmt der Film wieder Fahrt auf, zeigt uns – wenn auch immer wieder von ausufernden Dialogsequenzen unterbrochen – das Wüten des Hulk, gibt uns Zerstörung noch und nöcher, die zumindest gut in Szene gesetzt wird. Inwieweit das Ausmaß seiner Kraft übertrieben dargestellt wird und albern wirkt, ist Ansichtssache – ich persönlich fand es, im großen und ganzen, seinem Muskelumfang angemessen. Insbesondere natürlich wird Wert auf Fights gelegt. Der Hulk kämpft gegen Menschen (ein sehr unfairer Kampf), gegen ihr gesamtes militärisches Arsenal, gegen ein anderes, genetisch verwandeltes Wesen, und gegen mutierte Hunde, die den Zombie-Tölen aus RESIDENT EVIL zeigen, was eine Harke ist – was Bedrohlichkeit und Grusel-Faktor angeht. Dieser Kampf ist auch eine der brutalsten Sequenzen des Films, bei der dem Hulk selbst schwer zugesetzt wird.

Hier unterhält der Film einfach nur, und das sehr gut. Auch das Aussehen des Hulk tut dem ganzen zu diesem Zeitpunkt keinen Abbruch mehr. Ich muß zugeben, durch den Trailer war ich bereits leicht verängstigt, ob der Große Grüne nicht einfach nur albern herüberkommen würde, und bei seinem ersten Auftreten sah ich mich bestätigt: das wirkte so sehr wie die CGI-Vorhölle... deplaziert, billig, lächerlich. Und man konnte kaum umhin, sich vom Aussehen her an SHREK erinnert zu fühlen. Aber je häufiger er auftritt, desto mehr gewöhnt man sich an seine Form. Die im Verlauf des Films auch immer imposanter wird, da er von zunächst drei auf zuletzt fünf Meter anwächst. Viel entscheidender: später im Film kommt es vermehrt zu Nahaufnahmen seines Gesichts, die dann endgültig daran erinnern, daß hier mit Dennis Muren von Industrial Lights & Magic ein echter, achtmal mit einem Oscar ausgezeichneter Profi am Werk war. Einzig die Sequenz, in der der Hulk wie ein Flummi durch die Wüste dotzt, war mir – wenn auch exakt dem Comic nachempfunden – ein wenig zu viel der Animations-Nicht-Kleckern-Sondern-Klotzen-Marschrichtung.

Wie auch immer: weite Teile des Films machen Spaß. Gegen Ende wird die Gesamtstimmung noch einmal überraschend düster, und wir erleben sogar eine Szene, die mich fast an ein Kammerspiel erinnerte: ein ausuferndes Wortgefecht zweier Protagonisten, die, alleine im Bild, vor einer schwarzen Wand postiert, dem anderen tatsächlich schmerzhafte Aussagen entgegenschleudern. Hier verließen die Dialoge dann doch den Rahmen der Nichtigkeit, das war intensiv und fesselnd.

Zuletzt erleben wir dann, selbstverständlich, noch einen massiven Showdown – der allerdings für meinen Geschmack ein wenig zu kurz und unübersichtlich gehalten wurde. Ein paar wenige schließende Worte, ein "lustiges" Schlußbild – und der Zuschauer wird entlassen in ein sicher etwas andauerndes Nachdenken über das, was ihm hier gerade präsentiert wurde. Was für eine Comic-Verfilmung sicher nicht das schlechteste Ergebnis ist – jedoch auch kein durchweg positives, denn ein Teil des Nachdenkens wird sich vor allem darauf beziehen, warum sich die Filmemacher nicht einfach entscheiden konnte. Unterhaltsame Action ODER Drama. Der Film bietet beides, und in Teilen bietet er beides sogar GUT (plus visuelle Schmankerl, plus Atmosphäre, plus gute schauspielerische Leistungen). Aber den Eindruck einer Einheit des Gezeigten kann er nicht vermitteln.

So bleibt der Film, so bleibt mein Gesamteindruck wie die Persönlichkeit Bruce Banners: gespalten. 7,5 Punkte – Ansehen lohnt allemal.

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