Comic-Verfilmungen schleppen immer ein Trauma mit sich herum.
Entweder sie entfernen sich von ihrer Vorlage, ihrer Urform und werden belanglos oder schlicht langweilig, ja redundant oder sie bleiben ihrer Vorlage treu und geraten zu trefflichen Visualisierungen, aber stets höchstens der puren Unterhaltung verpflichteten Filmen.
Damit erledigt sich für Comicverfilmungen meistens schon das eine oder andere Ende der Skala. Bewertet man einen Comicfilm mit 100, macht man sich lächerlich und entwertet andere Filme, stuft man ihn gegen 0 ein, war man vermutlich im falschen Film, im falschen Genre. (Begründete Ausnahmen nicht ausgeschlossen.)
Wo also landet der Hulk, das Gleichnis für Wut und Zerstörung in dieser Rechnung? Vor allem, wenn Ang Lee sich eines solchen Themas annimmt, sicherlich kein Comicfachmann, aber ein Spezialist für das Visuelle und ausdrucksstark, wenn es um das Innenleben seiner Charaktere geht. Da kann man Tiefe erwarten und wenn nicht Tiefe, dann schicke Bilder mit angedeuteter Tiefe.
Blieb nur die Frage, ob das Medium Comic dabei nicht zu kurz kommt.
Da kann man die Fans beruhigen, denn selten hat sich ein Film rein formal so sorgfältig seiner Wurzeln angenommen. Fliegend und fließend zugleich der Schnitt, der reinsten Wassers aus allen Comics der Welt perlt: Splitscreens, comic-panel-ähnliche Bildverschiebung, Schnitte um Figuren herum. Die Kamera gleitet durch Dutzende von Perspektiven, ist weniger aktiv in der Eigenbewegung, als daß sie über die gemalten Bilder zu gleiten scheint. Dazu donnert ein unheilsschwangerer Soundtrack von Burton-Hausmusiker Danny Elfman, der uns beständig daran erinnert, welch düsteres Drama uns erwartet.
Und ein Drama soll folgen.
Ang Lee und sein Skriptstab haben die Originalstory ordentlich aufgepumpt und aus dem simplen Haudrauf mit der Gammastrahlenverseuchung einen tragischen Helden konzipiert, der zwischen genetisch verändertem Erbe seines Vaters, Familiendrama und innerer Dämonen hin- und herschwankt.
Tatsächlich braucht der Film dazu nicht mehr als fünf Personen, ein aufeinander bezogenes Pentagramm von Personen: Bruce Banner alias Hulk, seine Ex-Freundin, deren Vater als ihn verfolgenden General, einen geldgeilen Militärvermarkter und seinen mysteriösen Vater, der für seinen Zustand mitverantwortlich ist. Und über all dem schwebt das große Geheimnis, die Düsternis aus der Vergangenheit.
Ja, „Hulk“ ist tatsächlich ein schwerer, ernster Film. Kein Ulk mit dem Hulk, kein Witz, mehr Drama und Tragik. Lee gönnt seinen wenigen Schauspielern viel Raum, ordentlich Laufzeit, um mehr zu sein, als bloße Chiffren vom Zeichenbrett. Jeder hat Platz, jeder hat gute Szenen.
Und genau hier, an diesem Punkt, stößt Ang Lees „Hulk“ an seine Grenzen.
Denn gerade diese Freiheit legt die Schwachpunkte des Medium Comic, selbst des erweiterten Comics, gnadenlos frei. So düster und schwer das Schicksal der Beteiligten sein mag, es ist einfach...zu einfach.
Simpel die Konstruktion, durchschaubar von der ersten Sekunde an. Das ist an sich im Genre Comic nicht schlimm, da eh nach bekannten Schemata gearbeitet wird, doch weil Hulk über 135 Minuten läuft, merkt man trotz teilweise hervorragender Schauspielerleistungen, wie wenig das Skript wirklich zu sagen hat.
Nick Nolte, der in jeder Szene aussieht, als hätte er die letzten drei Monate in einer Mülltonne Party gemacht, bietet großartiges Spiel an. Was er jedoch zu sagen hat, sind meist kryptische Andeutungen um Schuld und Sühne, um Pläne und Furcht, um Hoffnung und Ängste. So fix einem aufgeweckten Zuschauer klar sein muß, daß der Haarige damalig Brucies Mutti gemeuchelt hat, so sehr stört es zu sehen, wie die Auflösung desselben mehr als anderthalb Stunden herausgezögert wird. Was Nolte wirklich will, jetzt wo er und sein Sohnemann genetisch verändert sind, wird nie ganz klar und es scheint auch niemand so recht gewußt zu haben. Kurz vor dem Schlußkampf wird die Rede dann gänzlich wirr, aber dazu später.
Auch sonst bemüht sich der Film um Tiefe, wo keine ist. Sam Elliots Militär ist wie immer ein Ausschneidecharakter und Jennifer Connelly sieht zwar wieder lecker aus, muß aber selten mehr tun, als besorgt oder verängstigt drein zu schauen. Wissenschaftliche Arbeit will man ihr nicht abnehmen. Josh Lucas dagegen muß den Arsch vom Dienst geben und verabschiedet sich relativ früh aus dem Film.
Womit wir bei der zentralen Figur wären: Bruce Banner alias Hulk!
Tjaaaa...wie soll ich sagen...es ist immer schlecht, wenn ein Darsteller weniger Gesichtsausdrücke drauf hat, als sein computergeneriertes Monster-Ich!
Um es auf den Punkt zu bringen: Eric Bana ist eine langweilige Blassnase, die stets nur gebeugten Hauptes introvertiert vor sich hinstiert und manchmal wütend mit den Augen rollt.
Als kleine Reminiszenz werte ich schon fast den Haarschnitt zu Beginn, der so stark an Christopher Reeves furchtbar-klamaukigen Clark Kent von 1978 erinnert, daß es einen schüttelt. Dieser treue Bub kann wirklich kein Wässerchen trüben, dafür aber den Film auch nicht tragen, denn ehrlich gesagt, ist er einem scheißegal. Da ist sein alter grüner Ego schon von anderem Kaliber, denn obwohl er stets wie eine CG-Creation aussieht (und definitiv nicht mit „Gollum“ mithalten kann), hat man ihn genauso umgesetzt, wie man ihn aus den alten Comics kennt und emotional beweglicher ist er auch, geradezu sympathisch, was unabdingbar für den Film ist.
So streckt sich das Drama ungnädigerweise über den Film, doch Lees Gespür für poetische Bilder (die immer wieder eingeschnitteten Bilder von verkrümmt und verschlungen wachsenden Wüstenbäumen sind eine wunderbare Metapher für das verkorkste und genetisch verschlungene Innere und zugleich ein Symbol inneren Friedens) ist noch aktiv und immer, wenn es nötig wird, sorgt er für Action.
Und ja, da gibt es nichts zu meckern: Hulk rennt, Hulk springt, Hulk wirft und schlägt. Ja, so ist er nun mal das grüne Ungetüm und auch wenn er wortkarger als in den Comics ist, so kommen die Tricksequenzen in ihrem Ungestüm doch immer wieder als erfreulich leichte Unterbrechung des traurigen Tons. Gerade die Sprungsequenzen sind bombastisch und in den Zerstörungen leistet sich der Film die einzigen ironischen Brechungen der ganzen Story quasi im Vorbeigehen.
Gut, das Gefecht mit den Monsterhunden ist albern und zu dunkel, aber die Wüstenszenen, die Mimik und die Bewegungen beweisen, hier hat einer seinen Hulk gelesen. Darauf ein Grunz!
Leider geht dem Film dann aber im Motivationsgewirr am Ende die Luft aus. In einer hinreißend unerklärbaren Szene, in der man den zwar gefesselten Nolte ganz allein ohne Bewachung zu seinem Sohnemann marschieren läßt (was angesichts der Chance, ihn wieder wütend zu machen als absolutes Risiko erscheint), sitzen sich beide dann schlußendlich gegenüber, auf einer Apparatur, die nicht näher erklärt wird.
Ebenso ungeklärt, ist dann das Wirrwarr, das Nolte absondern muß, als es darum geht, zu erklären, was er eigentlich will. Bana muß die ganze Zeit nur schreien, daß Nolte aufhören soll und obwohl wir ihm recht geben, geht er uns noch mehr auf die Nerven.
Und als hätte er erkannt, daß hier kein Durchblick zu haben wäre, beißt Nolte in ein frisches Kabel. Was folgt, ist die wohl schnellste, ungeschickt geschnittenste und am wenigsten erklärte Schlußkampfsequenz seit langem, die zwar bombastisch daherkommt, aber auch bombastische Fragen offenläßt.
Irgendwie beschleicht mich das Gefühl, daß dieser Schluß so eine Art Schnellersatz für etwas anderes war, jenseits von Filmlänge und überschrittenem Budget. Es sieht nicht schlecht aus, ist aber im Vergleich zu den alles enthüllenden Tagessequenzen in der Wüste eine starker Rückschritt.
Wenn man also einen Vergleich ziehen will, so hat Ang Lee gegenüber z.B. Spider-Man den visuell anspruchsvolleren und comichaft besseren Film geschaffen, doch die Verbindung aus namhaftem Schicksalsdrama und Superkräften will wegen mangelnder Tiefe keine Symbiose eingehen. Trotzdem sieht das alles todschick aus.
Im Falle eines zweiten Males würde der Film aber mangels Tiefe an Kraft verlieren, da fehlt dem Plot die Vielseitigkeit einer X-Men-Franchise.
Ergo gibt es Abzüge für einen faden Hauptdarsteller, ein geschwätziges Drehbuch und einen mißglückten Höhepunkt. Reicht für 75 Prozent, aber nicht für 80.
Trotzdem: einfach riesig, der Grüne!