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Warum Roberto Bianchi Monteros Krimi "Das Auge der Spinne" (L'occhio del ragno) heißt, mag sich nicht recht erschließen. Vielleicht beschreibt "Spinne" das im Film vorgestellte Verbrechergrüppchen und das "Auge" den Protagonisten Paul (Antonio Sabato), weil der als Einziger den "Durchblick" hat? Da kann man nur wild herumspekulieren. Möglicherweise sollte das auch nur ein geheimnisvoll-symbolischer Titel nach Art der damals gerade populären Gialli sein. Denn 1971 sind wir noch nicht in der großen Zeit des italienischen Gangster- und Polizeifilms angekommen, diese begann erst im nächsten Jahr mit "Milano calibro 9" von Fernando di Leo und "La polizia ringrazia" von Stefano Vanzina. Und mit diesen Filmen kann Bianchis kleiner Gangsterstreifen leider hinten und vorne nicht mithalten. Ihm fehlt die Energie, die Wut der Klassiker wie z. B. von Umberto Lenzi. Ihm fehlt auch die Treffsicherheit der Inszenierung.

Im Grunde ist schon der Vergleich zwischen "Das Auge der Spinne" und den genannten Filmen irreführend, denn ersterer hat nichts zu bieten, um mit ihnen mithalten zu können. Höchstens Klaus Kinski - der hätte sich in manchem späteren Poliziesco oder Gangsterfilm sicher ebenfalls gut gemacht -, mit dem Bianchi aber nicht so viel anzufangen wusste wie andere Regisseure. Als "der Polacke", so will es die schwache deutsche Synchronfassung, darf Kinski, der hier wie so oft völlig unterfordert ist, den Hauptgegner des vom sinistren Professor Krüger (Van Johnson) aus dem Gefangenentransport befreiten Paul geben.

Krüger ahnt jedoch nicht, dass in Paul - während es dem Professor nur um das zu erhoffende Beutegeld geht, das Paul sich von seinen einstigen Komplizen zurückholen soll - nur der Wunsch nach Rache lodert. Dazu kommt eine Liebesromanze mit Gloria (Lucretia Love), die ihm vom Professor für seinen Auftrag zur Seite gestellt wurde. Lucretia Love ist nun nicht unbedingt eine der großen 70er-Italofilm-Schönheiten vom Schlage einer Edwige Fenech. Da hilft es auch nicht, dass sich Fausto Rossis Kamera in einer Badewannen-Szene sekundenlang unverfroren auf ihre Brüste richtet. Ja, "Das Auge der Spinne" wirkt des Öfteren richtig billig. Auch dass Krüger extra eine Liebesdienerin in Pauls Bett bestellt hat, scheint einzig und allein dadurch motiviert zu sein, weibliche Nacktheit zeigen zu können. Dass Bianchi, der immerhin in einem Zeitraum von über 40 Jahren als Regisseur tätig war, es auch besser konnte, zeigte er in seinem nicht Spitzen-, aber sehenswerten Giallo "Rivelazioni di un maniaco sessuale al capo della squadra mobile", der bei uns (leider) "Schön, nackt und liebestoll" heißt. Auch hier durfte Fausto Rossi seinem lüsternen Handwerk nachgehen, allerdings um einiges versierter und ansprechender als in "Das Auge der Spinne".

Einer der wenigen Glanzpunkte des Films ist die Musik von Carlo Savina, einem äußerst vielbeschäftigten Filmkomponisten, der hier einige flotte Akzente setzen kann und damit dem Film Leben einhaucht, wo Besetzung, Ausstattung und Inszenierung es nicht vermögen. Wohl so gut wie jedem Zuschauer wird der Mangel an Tempo auffallen. Es ist kein kontemplatives Innehalten, kein verzaubertes Verharren, keine Liebe zum Detail - es ist schlicht dröge Lahmheit, die dem Film anhaftet. Zudem irritieren diverse unerwartete Schnitte, bezogen auf die Fassung der deutschen NEW-DVD. Vermutlich sind diese jedoch höchstens teilweise Editor Roberto Salvatori - der danach noch zweimal mit Bianchi zusammenarbeitete - anzulasten, sondern Schäden am Filmmaterial oder auch späteren Kürzungen des Films. Verschiedene Szenen brechen unerwartet ab, was den ganzen Film neben seiner Langsamkeit auch noch holprig wirken lässt. Dies gilt jedoch nicht für das Finale, in dem sich das Tempo signifikant steigert. Auch der Schluss ist, für die Entstehungszeit, bemerkenswert; hier haben die Autoren Luigi Angelo, Aldo Crudo und Fabio De Agostini Mut bewiesen.

Zu den Darstellern: Weder Sabato noch Johnson vermögen in ihren Darbietungen bemerkenswerte Akzente zu setzen. Auch für die Rolle von Lucretia Love könnte man sich interessantere Besetzungen vorstellen. Man stelle sich beispielsweise die geheimnisvolle Margaret Lee in dieser Partie vor. Neben Kinski bleibt die einzige weitere einprägsame Besetzung Charakterkopf Teodoro Corrà, der unter anderem in zahlreichen Western, aber auch in Mario Bavas wunderschönem "Cinque bambole per la luna d'agosto" zu sehen war.

"Das Auge der Spinne" gehört insgesamt nicht zu den Höhepunkten des italienischen Kriminalfilms. Zumindest der unerwartet radikale Schluss macht ihn aber doch sehenswert, so dass ich letztlich eine Durchschnittswertung für vertretbar halte.

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