Der italienische Genre-Regisseur Roberto Bianchi Montero („So schön · So nackt · So tot“) inszenierte den im November des Jahres 1971 in italienischen Kinos angelaufenen Gangsterfilm „Das Auge der Spinne“, dessen Drehbuch vom Trio Luigi Angelo, Fabio De Agostini und Aldo Crudo geschrieben wurde. Rund vier Monate später wurde er synchronisiert auch in deutschen Kinos gespielt.
Bei einem Juwelenraub wird ein Polizist erschossen und die Gangster lassen ihren angeschossenen Komplizen Paul Valery (Antonio Sabato, „Das Rätsel des silbernen Halbmonds“) am Tatort zurück, der als einziger nicht fliehen kann und daher zu einer Haftstrafe verdonnert wird. Da der Drahtzieher und Hintermann des Überfalls, Professor Krüger (Van Johnson, „Blutiges Blei“), von Pauls Komplizen hintergangen wurde und keinen müden Kreuzer aus der Beute sah, befreit Krüger kurzerhand Paul aus dem Gefangenentransport, um ihn als gesetzlich ungebundenen Inkasso-Mitarbeiter anzustellen. Zu diesem Zwecke erhält er eine neue Identität als „Franz Vogel“ inklusive einer Gesichtsoperation, die sein Aussehen verändert. Als Aufpasserin stellt ihm Krüger seine Lebensgefährtin Gloria (Lucretia Love, „Die Frauen, die man Töterinnen nannte“) zur Seite, die Paul von nun beim Ausfindigmachen und bei der Konfrontation seiner ehemaligen Komplizen begleitet. Doch Paul verfolgt auch ganz eigene Ziele: Rache, eiskalt serviert…
Der reizvoll und rasant inszenierte Überfall findet in Wien statt, was Monteros Film unmittelbar sein internationales Flair verleiht, das sich durch den weiteren Verlauf ziehen wird. Doch bereits im direkten Anschluss wird es unfreiwillig komisch, wenn sich der unmaskierte Paul als Sabato mit Knollennase und mieser Perücke entpuppt, die man ihm schließlich „wegoperiert“. Im weiteren Verlauf leidet die Handlung unter Temposchwankungen, die Dramaturgie wirkt mitunter arg betulich, steif und ob des ihr zugrundeliegenden Hasses unangemessen entspannt. Hat man sich damit abgefunden, macht es aber durchaus Laune, sich zur Musik Carlo Savinas zusammen mit Paul auf die Suche nach seinen ehemaligen Kumpanen zu begeben und diese dadurch kennenzulernen. Als Zuschauer(in) erhält man erhellende Einblicke dahingehend, wie erfolgreiche Gangster leben, sich geben und tarnen – und wie sie reagieren, wenn sie mit ihrer dunklen Vergangenheit konfrontiert werden. Mehr noch: Wie sie sterben, wenn Paul seine Rache vollzieht.
Als härtester Gegner stellt sich „der Polacke“ heraus, gewohnt sinister von Klaus Kinski („Leichen pflastern seinen Weg“) gespielt, der gewarnt war, in der Sauna bedrohlich unter seinem Handtuch hervorlugt und in einem furiosen Showdown am Algierer Hafen eine Art exaltiertes Sterbeballett aufs Parkett hinlegt, das zu den erinnerungswürdigsten Szenen des Films gehört. Dass dort zufällig ein Haken herumlag, zählt jedoch ebenso zu den etwas erzwungen wirkenden Handlungselementen wie eine heillos übertriebene, zweifelsohne hübsch anzusehende Autoexplosion oder auch der eine oder andere Zufall. Aufgelockert wird die Chose durch einige optisch verfremdete Rückblenden und angereichert um eine etwas absehbare Romanze um die attraktive Gloria, die Lucretia Love mit Anmut und einer gewissen geheimnisvollen Tiefe verkörpert. Van Johnson muss in erster Linie jegliche Emotionen unterdrücken, um kühl berechnend und gefühlskalt zu wirken, was ihm gelingt, letztlich aber ein bisschen im Widerspruch zu seinem ach so ausgeklügelten Plan steht, der so sehr durchdacht nun doch wieder nicht ist. Sabato ist hier nicht gerade eine Ausgeburt an Ausstrahlung, spielt, erst einmal von der albernen Maskerade befreit, seinen Stiefel aber seriös herunter.
Als Gangster-Milieuthriller überzeugt „Das Auge der Spinne“ Genrefreunde ferner mit seinem an manch Italo-Western gemahnenden Nihilismus, denn hier wirtschaftet letztlich jeder in die eigene Tasche. Nur konsequent ist da das starke, fatalistische Finale – und dass der obligatorische J&B mitunter heruntergestürzt wird, als gäb’s kein Morgen. Der überwiegend sehr ansehnlich ausgestattete Film aus der zweiten Reihe des Genres entwickelt, hat man sich erst einmal auf ihn eingegroovt, durchaus seinen Charme – umso bedauerlicher erscheinen da die vermeidbar gewesenen Schwächen.