Eigentlich wollte ich zu Schlingensief gar nichts mehr schreiben, aber dann habe ich mir doch noch ein Herz gefasst und mein altes Videoband raus gekramt, wo dieser 50 qualvolle Minuten lange Mistfilm über Hitler im Zuge einer Themennacht über deutsche Amateurfilme auf VOX gezeigt wurde. Habe ihn nur der Komplettheit halber aufgehoben, seit Jahren nicht mehr angeschaut und möchte ihn auch nie wieder gucken müssen.
Bei seinem Hitlerfilm gibt er wenigstens in Interviews, wo er einen ganz normalen und vernünftigen Eindruck macht, offen zu, sich nicht vorher mit Geschichtsbüchern, Zeitdokumenten und Augenzeugenberichten befasst zu haben. Stattdessen steckte er sein Ensemble von Bühnendarstellern, die gleiche grausige Truppe wie später bei seinem KETTENSÄGENMASSAKER, für einen vollen Tag in einen Bunker, gab nur wenige Vorgaben oder Anweisungen und ließ die Leute einfach improvisieren. Und genauso sieht das dann auch im Ergebnis aus.
100 JAHRE ADOLF HITLER – DIE LETZTE STUNDE IM FÜHRERBUNKER
Deutsche Verfilmungen einer solch schwierigen und für uns noch immer unangenehmen Thematik können sich entweder ernsthaft mit der Materie auseinandersetzen wie Hierschbiegels und Eichingers DER UNTERGANG oder mittlerweile auch bemüht humorvoll und eventuell leichter verdaulich wie MEIN FÜHRER mit Helge Schneider in der Hauptrolle. Aber Schlingensiefs Umgang mit dem Stoff aus dem Jahre 1989 ist wieder bloß ein verzerrtes und bizarres Stückwerk mit schreienden, spuckenden, obszön fluchenden, vögelnden und sich völlig von den historischen Personen lösenden Darstellern aus der modernen Theaterszene, bei deren Schauspiel man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Eigentlich wirkt der ganze Fokus auf den Führerbunker nur wie ein dünner Vorwand für dekadente Exzesse vor der Kamera, bei denen es gar keinen Unterschied macht, ob die Teilnehmer der Orgie Nazis, Römer oder rein fiktive Figuren sind. Dabei wäre da ein brillanter Bonus vorhanden gewesen, der nur leider nicht mal ansatzweise genutzt wird; Fünf Worte: Udo Kier spielt Adolf Hitler! Wie man einen so charismatischen Akteur in einer so prestigeträchtigen Rolle so dermaßen verschwenden kann, ist schon bemerkenswert übel.
Ich will hier ansonsten nur mal eine kleine Liste der anderen furchtbaren Missgriffe dieses Werkes zusammenstellen:
- Bis auf Kier als Hitler sieht kein anderer Darsteller seiner Rolle auch nur annähernd entsprechend aus, so dass man sich ständig fragt, welche Persönlichkeit des NS-Regimes nun eigentlich gerade zu sehen ist.
- Der Film wurde komplett in Schwarzweiß gedreht und soll durch mangelnde Ausleuchtung ein Gefühl der Beklemmung und Klaustrophobie vorgaukeln, erreicht mit seiner Dunkelheit aber nur Augenschmerzen.
- Aus unerfindlichen Gründen ist bei vielen Einstellungen am Anfang die Klappe der Regie im Bild und die Anweisungen des Regisseurs sind auch noch zu hören („Ruhe jetzt!“). Diese Stümperhaftigkeit soll wohl so eine Art Stilmittel sein, reißt den Zuschauer aber nur unnötig ständig aus dem Geschehen heraus.
- Es werden Ausschnitte aus fragwürdigen Äußerungen des ultrakonservativen und umstrittenen CSU-Chefs Franz Josef Strauß mitten in das Geschehen eingeflochten, die wieder nur den Fluss der Handlung stören. Es geht schließlich um das Dritte Reich und nicht um Meinungen späterer deutscher Politiker zu diesem geschichtlichen Zeitabschnitt. Ebenso schwachsinnig sind die Stellen, wo Goebbels, Göring und Bormann Texte verlesen, in denen die Kriegsverbrechen aus heutiger Sicht analysiert werden.- Im Bunker wird grundlos ein Weihnachtsbaum geschmückt. Im April?!
- Hitler besaut sich auf dem Nachttopf und beschmiert mit seinem klebrigen Hintern eine Wand. Na toll.
- Einer der hohen Nazis scheint nur ein einziges Wort sagen zu können: „Ficken!“
- Brigitte Kausch als Eva Braun ist eine Zumutung. Ein solch psychotisches Overacting sieht man nicht alle Tage. Von Schauspielkunst kann bei einem solchen Gekreische und Gestöhne keine Rede sein.
- Ständig kriegen Männlein und Weiblein ohne erkennbaren Auslöser Orgasmen oder epileptische Anfälle. Diese Szenen lassen einen nur fassungslos werden.
- Als Hitler sich dann selbst gerichtet hat, zuckt er noch mit den Wimpern, wenn er geohrfeigt wird. Eva Braun taucht dann mit falschem Hitlerbärtchen auf und krächzt: „Jetzt bin ich der Führer!“
- Hitlers Schäferhund Blondie ist hier eine Promenadenmischung (sieht irgendwie nach Dalmatiner aus) und wird mit in einem unsagbar schlechten Effekt und ohne Erklärung in einer widerlichen Szene von Frauchen verbrannt.
- Frau Goebbels (die hier Martha statt Magda heißt) stirbt während ihrer lesbischen Hochzeit mit Eva Braun und bringt ohne vorangegangene Schwangerschaft eine Stoffpuppe zur Welt (!!!), die später Moses getauft wird (!) und genau wie der berühmte Namensvetter auf einem kleinen Boot ausgesetzt wird.
Und so geht das ständig weiter. Irgendwann ist es dann genug mit dem Schwachsinn. Schlingensiefs Interpretation des Führerbunkers als Irrenhaus, wo die Verrückten sowohl vor als auch hinter der Kamera stehen, ist so völlig grotesk, missraten und unfundiert, dass sie überhaupt nicht als echte Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte durchgehen kann. Sie fällt aber auch ebenso radikal als Satire oder Exploitation durch. Es gibt viele bessere Werke, die den Gröfaz gezielt als sterblichen und kleinen Menschen entlarven, als dieses grauenvolle Schmuddelfilmchen, das von einer Horde Bekloppter innerhalb eines Tages verbrochen wurde.
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