Als er seinem Bruder zuliebe auf eine Party mitgeht, ahnt Mateo Vidal (Mario Casas) noch nicht, daß dieser Abend sein Leben nachhaltig verändern wird - denn von ein paar gleichaltrigen streitsüchtigen jungen Burschen provoziert läßt sich Mateo auf eine Prügelei ein, in dessen Verlauf sein Kontrahent mit dem Hinterkopf auf einen Stein aufschlägt und an Ort und Stelle stirbt. Das Urteil lautet auf Totschlag, bringt Mateo 4 Jahre Knast ein und beendet alle seine Träume, in der Anwaltskanzlei seines Bruders Karriere zu machen. Als er nach 2 Jahren während eines kurzen Hafturlaubs die blonde Olivia (Aura Garrido) kennenlernt, kann er aus naheliegenden Gründen ein weiteres Treffen nicht einhalten - umso erfreuter ist er daher, als er kurz nach seiner Entlassung die junge Dame wieder trifft und diese auf ihn gewartet zu haben scheint.
Gewissermaßen als zweite Chance im Leben wird schnell geheiratet, ein neues Haus bezogen und bald schon ist Olivia schwanger. Ein einziger Anruf jedoch bringt das junge Glück ins Wanken - Olivia soll beruflich für ein paar Tage nach Berlin fliegen, doch merkwürdige Handyfotos, die Mateo kurz darauf erhält, belegen, daß seine Frau gar nicht weggeflogen ist, sondern sich in einem Hotelzimmer mit einem fremden Mann aufhält...
Reichlich turbulent geht es in der spanischen Netflix-Produktion El inocente zu, die in 8 Episoden einen wendungsreichen Thriller präsentiert, der zahlreiche Figuren zunächst (fast) ohne Bezug zueinander vorstellt und die Geschichten dann langsam miteinander verknüpft. Neben dem Ex-Knacki (der zunehmend in den Hintergrund rückt) geht es um eine toughe Polizistin, die in einem seltsamen Mordfall an einer Nonne ermittelt, um Sexarbeiterinnen aus Mittelamerika und die Verstrickungen des spanischen Geheimdienstes UDE in die ganze Sache.
Schon die zweite Episode beinhaltet eine völlig andere Story, in der Kommissarin Lorena Ortiz (Alexandra Jiménez), die als Kind den Selbstmord ihres unglücklichen Vaters mit ansehen mußte, den plötzlichen Suizid einer Nonne zu untersuchen hat, deren Leiche auf dem Seziertisch nicht nur zahlreiche Tattoos u.a. unterhalb des Bauchnabels, sondern auch zwei Silikonimplantate offenbart. Erst ganz zum Schluß gibt es eine Verbindung zur ersten Episode, doch in den darauffolgenden werden immer weitere Charaktäre eingeführt - als nächstes geht es um den Alltag von und die Freundschaft unter Sexarbeiterinnen, die mit großen Versprechungen geködert nach Spanien gebracht und dort gegen ihren Willen Dienst im horizontalen Gewerbe tun mußten. Schließlich kommt noch das außerordentliche Interesse eines leitenden Geheimdienstlers an gewissen Videobändern aus der Vergangenheit dazu...
Um etwas Struktur in die an Charaktären und Nebenhandlungen bald schon überbordenden Episoden zu bekommen, beginnt eine jede von ihnen mit einer Art kurzem Curriculum Vitae eines/einer der Beteiligten, was jedoch nicht verhindern kann, daß die schon nach kurzer Zeit derart viele verschiedene Fäden entwickelnde Handlung das interessierte Publikum (das sich somit auch nie auf eine/n Darsteller/in konzentrieren kann) langsam aber sicher zu verwirren beginnt. Zwar ist der über alle 8 knapp einstündigen Kapitel vorhandene Spannungsbogen bis zum Schluß vorhanden, doch der Plot als solches führt sich selbst trotz aller rasanten Inszenierungen langsam aber sicher ad absurdum - zu viele Zufälle und Unwahrscheinlichkeiten kommen hier zusammen, um das Ganze noch als halbwegs authentisch bezeichnen zu können. Daß sich die Serie dennoch zum binge-watchen eignet, spricht für die vielen Twists und Überraschungen, die das auf einem Roman basierende Drehbuch von El inocente bis ganz zum Schluß parat hat. Kaum wirklichkeitsgetreu, aber in höchstem Maße unterhaltsam: 7 Punkte.