Einmal mehr kann ich mich nur über die deutschen Titelschmiede wundern, die den Film HAINE tatsächlich in KILLER TRUCK umtauften. Jegliche Assoziationen, die dadurch hervorgerufen werden, beispielsweise von einem Trucker, der durch die Gegend fährt, und unschuldige Menschen ermordet, werden HAINE ebenso wenig gerecht wie die hiesige Kategorisierung als „Actionfilm“. Vielmehr handelt es sich bei dem Werk um einen regelrechten Autorenfilm, der höchste Ambitionen erkennen lässt. Am ehesten könnte man HAINE zumindest von seiner Atmosphäre her als eine Art modernen Italowestern bezeichnen, wortkarg, in gewisser Weise beklemmend, durchzogen von einer nihilistischen Grundstimmung, auch wenn der Film inhaltlich mit den meisten Genreregeln bricht. Das Setting hat ebenso nichts mit Italowestern zu tun. Angesiedelt ist HAINE im ländlichen Frankreich irgendwann Ende der 70er. Die Landschaften sind weit und trostlos. Zwischen den vereinzelten Dörfern, die relativ unberührt von der Moderne der Großstädte scheinen, breiten sich endlose Landstraßen, Wälder und Felder aus. Schon von Anfang an wird diese scheinbare Idylle als Illusion entlarvt. Ein kleines Mädchen spaziert in einer sehr langen Sequenz aus einem der Dörfer heraus und eine Landstraße entlang. Wenige Minuten später ist es tot. Vom Täter, der sie offenbar über den Haufen fuhr, sehen wir nur die Motorradfahrerhandschuhe, die das verstorbene Kind berühren. Ohne sich der Polizei zu stellen, flieht der Unfallverursacher und lässt die Leiche am Straßenrand liegen.
Neben dieser Ausgangsprämisse kann man eigentlich gar nicht viel mehr über den Filminhalt von HAINE schreiben. Ein Motorradfahrer, der, wie der Film selbst, kein Freund vieler Worte ist und wie ein von seiner Umwelt isolierter, zutiefst einsamer, von Sehnsüchten erfüllter Mensch wirkt, der sich auf der Reise in den Süden befindet, taucht in der Gegend auf und schon bald begegnen ihm die Dörfler feindselig. Weiterfahren kann er nicht, da er einen Unfall mit einem Truckfahrer hat, der sich im weiteren Verlauf zu seinem Antagonisten entwickeln wird, da der Motorradfahrer, dessen Namen wir nie erfahren, eine Affäre mit dessen Geliebter beginnt. Der Originaltitel trifft den weiteren Verlauf schon ganz gut: in den Dorfbewohnern gärt ein schier grenzenloser Hass, dem nicht mal der örtliche Pfarrer Einhalt gebieten kann, und der sich auf den Fremden richtet, den man schließlich auch verdächtigt, das kleine Mädchen vom Anfang auf dem Gewissen zu haben…
Die Story von HAINE ist dünn. Dominique Goult wollte scheinbar keine Geschichte erzählen, sondern einen Film schaffen, der mehr über seine Atmosphäre funktioniert, und die könnte trostloser und trauriger kaum sein. Die Welt in HAINE scheint eine Welt ohne Liebe, ohne Hoffnung zu sein. Es gibt im Grunde keine einzige Figur, die dem Zuschauer in irgendeiner Weise sympathisch sein könnte. Die meisten Dorfbewohner sind roh und verblendet in ihrem Hass. Selbst zum Held des Films, dem Motorradfahrer, baut Goults Inszenierung ständig eine Distanz auf, die es für das Publikum unmöglich macht, sich mit ihm zu identifizieren. Pausenlos hält der Film die Gefühle, die man möglicherweise in ihn hineinprojizieren könnte, auf Abstand, und erlaubt es einem nicht, in ihn einzutauchen. Zudem erfährt man über die dargestellten Personen kaum mehr als ihre Namen und höchstens den Beruf, den sie ausüben. So karg wie die Landschaften des Films so sind auch seine Figuren, und ich nehme mal an, dass Goult diese Wirkung beabsichtigte, denn zu meisterhaft versteht er es, sich kühl und unnahbar zu geben.
Allerdings scheitert HAINE schlussendlich an seinen scheinbar hochgesteckten Zielen. Da ich über die Entstehungszeit des Films so gut wie nichts in Erfahrung bringen konnte, muss es offen bleiben, ob schwierige Produktionsbedingungen Schuld daran sind, dass Goult seine Vision nicht in adäquate Bilder übersetzen konnte, oder ob es an der Unfähigkeit des Regisseurs selbst liegt, der es nicht schaffte, seinen Ambitionen gerecht zu werden. In der vorliegenden Form glaubt man zwar zu spüren, dass der Film relativ überzeugend hätte werden können, doch so wie er vorliegt ist HAINE eine äußerst unausgegorene Angelegenheit, die sich nie wirklich entscheiden kann, in welche Richtung sie sich nun entwickeln möchte. Bis zum konfusen Schluss hat sich die Intention hinter dem Film mir nicht erschlossen. Soll HAINE ein Selbstjustizthriller sein, ein gesellschaftskritisches Drama, ein politischer Kommentar? Falls es Goult, was ich mir kaum vorstellen kann, tatsächlich darum ging, einen unterhaltsamen Actionfilm zu drehen, ist er darin grenzenlos gescheitert. Ich weiß nicht wirklich nicht, ob es Absicht war oder nicht, dass sämtliche Actionszenen, vornehmlich Verfolgungsjagden zwischen Motorrad und Truck, ziemlich unspektakulär daherkommen, und sich während des gesamten Films kein bisschen Spannung aufbaut. In lethargischem Tempo verfolgt man im Grunde nur wie die Situation des Motorradfahrers immer auswegsloser wird, schaut in leere Gesichter, erlebt mit wie die nie offen ausgesprochenen Anschuldigungen in den Dörflern hoch kochen. Gespickt ist das alles mit Szenen, die scheinbar bewusst nirgendwo hinführen, und einzig dazu da sind, der Stimmung zu dienen, der man allerdings keinen Vorwurf machen kann. In einigen Szenen hat mir die Hoffnungslosigkeit des Werks außerordentlich gut gefallen, und stellenweise ist die Musik tatsächlich großartig. Demgegenüber stehen jedoch auch einige befremdliche, schlicht lächerliche Momente. Das Finale ist derart wirr geschnitten, dass ich keine Ahnung habe, was dort nun eigentlich geschah. Und was die lächerliche Anfangsszene bedeuten soll, in der ein paar Typen Teile einer Fabrik in die Luft jagen, ist mir noch immer schleierhaft.
Klaus Kinski ist außerdem für einige peinliche Momente verantwortlich, auch oder gerade weil er in ihnen nicht selbst mitwirkte. Die Legende besagt, dass Goult seinen Film nicht in der vorgeschriebenen Zeit zu Ende drehen konnte, weswegen der sensible Mime den Drehort nach Ablauf der Tage, die er vertraglich dazu verpflichtet war, dort zu verweilen, einfach verließ. Man behalf sich mit einem Double, das Kinski in den ausstehenden Szenen verkörpern sollte. Da er sowieso einen Motorradfahrer spielte, kam man auf die glorreiche Idee, sein Double in all jenen noch fehlenden Szenen einfach den Motorradhelm tragen zu lassen. Leider sind diese drei bis vier Szenen nicht nur welche, in denen er auf seinem Gefährt durch die Gegend braust, sondern auch welche, in denen kein normaler Mensch einen Helm auflassen würde. Es sieht einfach schäbig aus, selbst wenn man die Hintergrundgeschichte kennt, wenn der Motorradfahrer in geschlossenen Räumen mit seinem Helm herumläuft und ihn nicht mal bei einem Wutanfall vom Kopf nimmt.
Falls Kinski dann aber tatsächlich in persona auftritt, versteht er es, seiner von der Charakterzeichnung her völlig nackten Figur Leben einzuhauchen. Man nimmt dem großen Schauspieler die ihn peinigende Verzweiflung problemlos ab. Er lässt den Helden des Films zu einer gequälten Kreatur werden, ein Opfer, das verloren ist in einer erbarmungslosen Welt aus Hass und unterschwelliger Gewalt. Maria Schneider, der zweite bekannte Name auf dem Kinoplakat, hat zu wenig Screentime, um irgendwelche besonderen Akzente zu setzen, zeigt jedoch immerhin flüchtig ihre Brüste, was jedoch lange nicht die ominöse FSK-18-Freigabe der deutschen DVD rechtfertigt, die man wohl eher als Witz verbuchen muss.
HAINE ist ein Film, der es einem schwer macht, ihn zu bewerten, der viel verspricht und wenig einhält, der einen das Gefühl nicht loswerden lässt, dass man es hier mit einem gescheiterten Projekt zu tun hat, das viel sein wollte und am Ende wenig wurde. Kinski-Komplettisten müssen ihn natürlich gesehen haben, da der Klaus auch hier eine gute bis sehr gute Leistung abliefert, die meisten andern werden enttäuscht sein. Für Actionfans, die der deutsche Titel und die FSK 18 anlocken sollen, gibt es zu wenig Action und zu wenig Gewalt. Arthouse-Fans wird das Ganze wohl zu unausgereift und zu pseudo-artifiziell sein. Zu erwähnen ist vielleicht noch, dass Dominique Goult, der vor HAINE ausschließlich Pornofilme drehte, nach diesem missglückten Werk nie wieder die Gelegenheit bekam oder ergriff, in einem weiteren Spielfilm die Fehler zu vermeiden, die diesen hier durchziehen.