Review

Mit diesem durchschnittlichen Italowestern outet sich Regisseur Ferdinando Baldi wieder als Mann vom Fach der zwar handwerkliches Geschick besitzt, aber nie Kontinuität in seine Karriere bringen konnte und deswegen immer zwischen Genie („Django und die Bande der Gehenkten“, „Blindman, der Vollstrecker“) und Wahnsinn („Django, der Rächer“, „Blaue Bohnen für ein Halleluja“) fleißig hin- und herpendelte.

„Hasse deinen Nächsten“ gibt sich nach dem recht innovativ gestalteten Intro, nämlich einer Zeitung inklusive sich bewegender Bildern, mit den bekannten Standards des Genres zu erkennen. Ken Dakota, kaum einprägsam von Spiros Focás („The Jewel of the Nile“. Rambo III“) verkörpert, erfährt, dass sein Bruder und dessen Frau von einem Banditen namens Gary Stevens (George Eastman, „Django und die Bande der Gehenkten“, „Antropophagus“) umgebracht wurden. Das fordert natürlich Rache und weil der feige Sheriff lieber weggesehen hat, bekommt er zuerst paar Schläge in die Visage während seine Deputys gleich dran glauben dürfen.

In Folge gereicht das Drehbuch der vermeintlichen Sympathiefigur sehr zum Nachteil, weil es ihm kaum Auftritte gönnt und sich viel faszinierter von Chris Malone (Horst Frank, „Django und die Bande der Gehenkten“, „Django - Die Totengräber warten schon“) zeigt, der als dekadenter, reicher Rancher gemeinsame Sache mit Stevens macht, zur eigenen Belustigung mexikanische Sklaven für tödliche Gladiatorenkämpfe mit Eisenklauen heranzieht und dem Gewinner das Leben schenkt. In der Tat ist Malone auch eine ziemlich exzentrische Figur, die „Hasse deinen Nächsten“ zumindest einen Stück weit aus der schnöden Gewöhnlichkeit heraushebt, anderseits bringt er der Story nicht mehr als den gängigem Standardbösewicht mit dem dicken Portmonee. Schauspielerisch ist auch George Eastman mit seinem Maniac-Charme ein Geschenk, nur macht Baldi eben nicht viel daraus.

Dessen Filmemacher-Qualitäten beschränken sich nämlich auf die beiden Gladiatoren-Kämpfe und eine fiese Foltereinlage, bei der Stevens kopfüber in ein Klapperschlangennest zu plumpsen droht, sobald ein paar Ratten das honiggetränkte Seil zerfressen haben.
Abseits dessen regieren unmarkante Bilder und eine uninteressante Story, in der Ken in Aussicht einer Goldmine erst umswitcht und Stevens erst vor Gericht schleppt, sich vorübergehend ganz aus der Handlung abmeldet, damit sich die einstigen Partner Malone und Stevens endgültig um die beiden Hälften der Karte in die Wolle bekommen und gegenseitig schwächen, bevor er zum unspektakulären Finale mit etwas Dynamit überzeugende Argumente bereithält, der Rache genüge tut und selbst doch noch Milde walten lässt.

Zart einfließender Humor nimmt dem Stoff dabei leider seinen Ernst. Besonders der Spalier stehende Sargmacher mit seinen unlustigen Kommentaren erweist sich als Störfaktor während der Bub, nun Waise, als Fremdkörper in diesem maskulinen Streifen genauso negativ aus der Rolle fällt wie seine Tante.
Bei dem ewigen Hin und her um die Kartenhälften, die ständig den Besitzer wechseln, treten die beiden zwar nicht allzu häufig in Erscheinung, aber wenn sie dann zugegen sind, reicht das schon, um auf die Nerven zu gehen, zumal sie im Finale auch eine Rolle spielen.

Das Hauptproblem des Films ist dennoch sein stiefmütterlich behandelter Rächer, zu dem man nie einen Zugang erhält und der auch nie den Eindruck macht, er will gnadenlos vollziehen, sondern abwartend den letzten Zug machen. Spiros Focás spielt darüber hinaus auch nicht, als ob er sich mit seiner Rolle großartig identifiziert hätte.


Fazit:
Der Bodycount ist relativ hoch, denn ob Klauenhiebe, Messerwurf oder ganz traditionell die Bleikugel, allerhand Gerätschaft wühlt sich in die schuldigen mal unschuldigen Körper seine tödliche Bahn oder sprengt ihn eben, doch das kann „Hasse deinen Nächsten“ nicht vor dem Absturz in die mittelmäßige Bedeutungslosigkeit retten. Ein Bedienen der Standards reicht eben nicht aus, auch wenn man sich hier ausnahmsweise mal intensiver mit den Halunken beschäftigt, die sich untereinander alles andere als grün sind und mit George Eastman wie Horst Frank dort auch eher die schauspielerische Klasse zu finden ist. Baldi kann das aber eigentlich besser.

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