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Staffel 1

Mitte der 1970er Jahre hat New York City mit überbordender Kriminalität zu kämpfen, und so fällt der Mord an einem jungen Pärchen zunächst nicht weiter auf. Als sich jedoch weitere Morde mit derselben, eher seltenen Tatwaffe ereignen, bekommt der unbekannte Täter den bezeichnenden Spitznamen ".44 Killer". Zu jener Zeit haben tatsächlich eine Menge New Yorker Angst vor dem Täter, der meist nachts jungen, verliebten Pärchen auflauert und diese in ihren Autos erschießt. Im August 1977 schließlich gelingt des dem NYPD, mittels in Tatortnähe ausgestellter Strafzettel den Todesschützen ausfindig zu machen und festzunehmen: Es ist der 24-jährige David Berkowitz, ein biederer Post-Mitarbeiter aus Yonkers, und er gesteht die Morde auch sogleich. Mit diesen Breaking News geht das NYPD sofort an die Öffentlichkeit, was eine Welle großer Erleichterung bei der Bevölkerung nach sich zieht und auch die erfolgreiche Ermittlungsarbeit der New Yorker Polizei ins Scheinwerferlicht rückt. Der Täter hingegen tischt eine abstruse Geschichte vom Hund seines Nachbarn auf, in den ein jahrtausendealter Geist namens Sam gefahren sei, der ihm die Morde befohlen habe - er, Berkowitz, sei somit der (titelgebende) Son of Sam.

Fasziniert von diesem scheinbar aufgeklärten Fall verfolgt der damalige IBM-Mitarbeiter Maury Terry die Ereignisse und stößt schon bald auf diverse Ungereimtheiten, die er sorgfältig dokumentiert. Nach diversen eigenen Recherchen geht er damit an die Öffentlichkeit und behauptet in Talk Shows, daß die Einzeltätertheorie unhaltbar sei, hinter den Morden eine okkultistische Gruppe stecken würde und das NYPD den Fall viel zu schnell abgeschlossen habe. Damit gerät er schnell in Konflikt mit der New Yorker Polizei, die den Fall keineswegs neu aufrollen möchte, zumal der inzwischen zu 365 Jahren Haft verknackte Täter sein Geständnis nicht widerrufen hat und überdies zu Details weiterhin schweigt. Maury Terry hat bald den Ruf eines Verschwörungstheoretikers und Wichtigmachers weg, doch das stört ihn nicht, denn die Recherchen zum Son of Sam-Fall dominieren bald sein Leben: Akribisch geht er kleinsten Spuren nach, spricht mit Zeugen, entwickelt Theorien und bringt nach einigen Jahren sogar ein Buch darüber heraus, das sich nicht schlecht verkauft. In die Schlagzeilen kommt er nur noch ab und zu, aber als es ihm gelingt, im Gefängnis ein Interview mit dem inzwischen geläuterten Berkowitz zu führen, wird man wieder auf seine Interpretation des Son of Sam-Falls aufmerksam...

Die New Yorker Mordserie wurde schon mehrfach filmisch thematisiert (u.a. Copykill 1995, Summer of Sam 1999, Mindhunter), doch Regisseur Joshua Zeman erhielt nach dem Tod des Journalisten (2015) einige Kisten Archivmaterial aus dessen Nachlass, auf denen er seine 4-teilige True-crime-Doku aufbaut: diverse Original-TV-Clips aus der damaligen Zeit lassen die Angst vor dem Killer und die Freude, als er gefasst wurde, wieder lebendig werden; weiters kommen Polizeisprecher, Journalisten, Wegggefährten, Opfer wie auch Familienmitglieder von Terry zu Wort, und, sofern sie noch leben, auch mit Statements aus der Gegenwart, in der manche Einschätzung von früher zum Teil revidieret wird. Dazwischen liest Zeman ausgewählte Passagen aus Terrys Notizen und überläßt es mittels häufiger rhetorischer Fragen dem Publikum selbst, seine Schlüsse aus dem Gezeigten zu ziehen.

Maury Terrys Recherchen, denen der Regisseur in 4 Teilen zu je knapp einer Stunde in seiner Mini-Serie nachspürt, führen von einer Satanisten-Vereinigung in der Nähe von Berkowitz´ Wohnort in New York zu einer anderen in North Dakota und schließlich zu einer europäischen Satanssekte in London, beleuchten weitere - anscheinend in Verbindung damit stehende - Morde wie jener an einer jungen Frau, die auf einer Altar-Kerze aufgespießt ermordet unter einer Kirchenbank aufgefunden wurde und konstruieren mögliche Zusammenhänge wie jenen, daß die Okkultisten Schäferhunde halten, die dann geopfert und verstümmelt werden. Eine weitere Spur führt zu Charles Manson - hatte dieser weithin bekannte Mörder etwas mit den Sons of Sam zu tun?

Doch so spannend sich diese Hintergründe für geneigte True-crime-Freunde auch lesen mögen, nie gelingt es Terry, einen eindeutigen Beweis für seine Theorien aufzustellen, stets fehlt ihm das entscheidende Indiz. Inzwischen rhetorisch geschult, versucht er bei seinem ersten, große mediale Aufmerksamkeit hervorrufenden Knast-Interview dem Häftling Berkowitz, der jahrelang darüber geschwiegen hatte, Details zu den Taten zu entlocken, was nicht immer gelingt. Dennoch kann er einen kleinen, für ihn allerdings umso wichtigeren Erfolg verbuchen, als sich der nachdenkliche Berkowitz, der sich laut eigenem Bekunden inzwischen dem Christentum zugewandt hat, vor laufender Kamera bestätigt, daß die Morde Mitte der Siebziger, für die er einsitzt, von verschiedenen Tätern begangen wurden.

Wer sich für die detailreiche Aufbereitung realer Kriminalfälle interessiert, wird an dieser Netflix-Produktion sicher seine Freude haben; wer seine Krimis lieber in knapp 90 Minuten gelöst haben will, dem können die 239 Minuten dieser Mini-Serie jedoch zeitweise etwas zäh vorkommen. 6 Punkte.

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