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Fünf Jahre nach dem Erstling kam „Don’t Breathe 2“ in die Kinos, bei dem dieses Mal nicht Fede Alvarez, sondern sein Co-Autor Rodo Sayagues Regie führte, während Alvarez weiterhin mit für Drehbuch und Produktion verantwortlich zeichnete.
Der Film setzt (mindestens) acht Jahre nach den Geschehnissen von „Don’t Breathe“ ein. Der blinde Mann (Stephen Lang) ist inzwischen am Ziel seiner Wünsche und hat wieder eine Tochter, Phoenix (Madelyn Grace). Wie er an diese gekommen ist, erfährt das Publikum anfangs nicht, aber mit der Kenntnis des Vorgängers kann man eine Adoption oder Ähnliches ausschließen. Der blinde Mann, dessen eigentlicher Name Norman Nordstrom lautet, hütet Phoenix wie einen Augapfel, unterrichtet sie daheim und gibt ihr Survivaltraining. Geld verdient er mit dem Züchten von Pflanzen, die er über Hernandez (Stephanie Arcila), eine Veteranin wie er selbst, weiterverkauft. Hernandez sorgt für die kleinen Freiheiten in Phoenix‘ Leben, denn manchmal darf diese mit ihr in die Stadt kommen.
Bei einem solchen Trip trifft Phoenix auch auf Raylan (Brendan Sexton III), der sie auf einer Rastplatztoilette schräg anlabert. Durch ihre toughe Art – und die Begleitung des massiven schwarzen Hundes Shadow – kann Phoenix den Kerl schnell abschütteln, zumindest vorerst. Denn Raylan trommelt seine Crew zusammen, folgt dem Lieferwagen und stellt Hernandez auf dem Rückweg eine Falle. Auch bei dieser Truppe handelt es sich um Ex-Soldaten, unehrenhaft entlassene. Damit macht „Don’t Breathe 2“ einerseits eine ganz interessante Parallele der Schurken zu Hernandez und zum Blinden auf, greift andrerseits den eher im Actiongenre beheimateten Topos der Veteranen auf, die ihre Fähigkeiten für kriminelle Aktivitäten nutzen, wie beispielsweise in „Criminal Squad“, „Cash Truck“ oder „The Channel“.

Wenig später schleichen sich die Schurken an das Haus des Blinden und seines Schützlings heran, um Phoenix zu kidnappen. Doch auch sie müssen bald erkennen, dass sie einen mehr als ebenbürtigen Gegner in dem ehemaligen Navy Seal haben…
In vielen Horrorreihen ist es so, dass die eigentlichen Antagonisten zu heimlichen Franchise-Helden werden – Freddy, Jason, Chucky und Co. wurde in späteren Teilen ihrer jeweiligen Reihe wesentlich mehr zugejubelt als den nominellen Hauptpersonen. Insofern ist es vielleicht nur konsequent, dass die „Don’t Breathe“-Reihe den blinden Mann schon mit dem zweiten Teil zum Protagonisten ernennt. Wobei dieser nicht ganz eine Wandlung á la „Terminator 2“ durchmacht: Für sein eigenes Familienglück geht er notfalls mit brutaler Gewalt über Leichen und er hat wieder dunkle Geheimnisse, die auch Phoenix nicht kennt. Umgekehrt gibt es auch ein paar Twists zu den Schurken, wenn das Drehbuch von Sayagues und Alvarez das Publikum bezüglich deren Motive erstmal bewusst in die Irre führt, sodass sich die Sympathien auch hier immer mal wieder etwas verlagern. Ganz so gut wie im Erstling klappt dies allerdings nicht, da eine der ersten Handlungen von Raylans Truppe der feige Mord an Hernandez ist. Immerhin gibt es innerhalb der Schurkencrew noch leichte Abstufungen, der hässlich frisierte Asi Jim-Bob (Adam Young) ist beispielsweise ein besonders widerliches Exemplar, ein anderer hingegen zeigt Skrupel. Insgesamt sind sie aber doch verderbt und verwarzt, dass die Publikumssympathien eher, wenn auch nicht vollständig beim Blinden sind. So bleibt Phoenix mehr oder weniger die einzige richte Sympathiefigur, was es „Don’t Breathe 2“ nicht unbedingt leicht mit der Publikumsgunst macht.
Allerdings ist es schön, dass das Team rund um Sayagues, Alvarez und Produzent Sam Raimi nicht einfach nur mehr vom Gleichen liefern wollte, trotz einiger Parallelen zum Erstling. So ist die erste Hälfte erneut ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem Blinden und den Eindringlingen im Haus des alten Mannes, wenn auch unter veränderten Vorzeichen, ehe der Film in Hälfte zwei dann den Schauplatz verlässt. Dass die Gegner dieses Mal wehrhafter sind, verändert den Film ebenfalls, denn sie sind körperlich fitter, kämpferisch geschult und in größerer Zahl unterwegs als das Räubertrio aus dem Erstling. Allerdings wird das Alleinstellungsmerkmal von Normans Blindheit kaum genutzt: Nicht nur auf dem vertrauten Terrain des eigenen Hauses, auch außerhalb bewegt er sich meist ähnlich souverän wie ein Sehender. Dadurch fallen Spannungsszenen wie im Erstling flach, in denen sich Gegner allein durch Geräuschvermeidung vor ihm verstecken können – die Anweisung zum Nicht-Atmen findet sich hier eigentlich nur noch im Filmtitel, nicht unbedingt auf der Handlungsebene.

Stattdessen wird der Blinde eher wie eine Mischung aus einem Survival-Actionhelden der Marke Rambo und einem Slasher-Killer in Szene gesetzt. Wie erstere Gattung versorgte er seine Wunden auch mal schnell mit Sekundenkleber, außerdem bestreitet er ein paar kleinere Actionsequenzen, etwa einen Nahkampf mit explosivem Finish. An das Actiongenre erinnert zudem das Einer-gegen-alle-Szenario, in welchem der Blinde gegen eine Mehrzahl von fitten, jüngeren Gegnern antritt, die noch dazu über alle Sinne verfügen. Im Zeichen des Slashergenres steht dagegen die Tatsache, dass hier deutlich öfter, brutaler und kreativer als im reduzierten Erstling gekämpft und gekillt wird. Sekundenkleber wird nicht nur zur Wundversorgung genutzt, ein Trümmerstück wird zur Nahkampfwaffe, einige Schurken scheiden via Schaufel oder Hammer aus dem Leben. Das ist schon recht hart, baut aber manchmal eher auf den Schadenfreude-Faktor, wenn der Blinde wiederholt unterschätzt wird. Die Inszenierung durch Regiedebütant Sayagues ist dennoch stimmig und hat manchmal auch schicke Kabinettstückchen auf Lager, etwa eine ausgiebige Plansequenz, in der sich Phoenix vor den eindringenden Verbrechern im Haus versteckt.
Stephen Lang als charismatischer Killer ist wieder eine Schau, auch wenn er die Blindheit des Protagonisten dieses Mal weniger spielen muss als im Erstling. Brendan Sexton III als Antagonist ist in Ordnung, Madelyn Grace eine überzeugende Jungdarstellerin. Weitere Akzente setzt Fiona O’Shaughnessy in einer kleinen, aber wichtigen Rolle, während Adam Young als Hackfressenschurke mit Prollfrisur ordentlich hassenswert auftritt.

So bietet „Don’t Breathe 2“ nicht einfach nur Mehr vom Gleichen, was schön ist, allerdings auch Weniger vom Guten, was nicht so schön ist. Durch den Perspektivwechsel mangelt es dem Sequel noch mehr an Sympathiefiguren, die Blindheit des Protagonisten wird eher behauptet als ausgespielt und die Spannungspassagen sind deutlich weniger. Dafür gibt es mehr Action und Blut sowie einen anderen Ansatz, sodass „Don’t Breathe 2“ seinem Vorgänger zwar klar unterlegen ist, auf seine eigene Art aber dennoch einen Unterhaltungswert erzeugt, wenngleich auf niedrigerem Niveau.

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