Review
von Leimbacher-Mario
Ein Amerikaner in Marseille
Vor einigen Jahren trug sich Tom McCarthy mit seinem packenden Kirchenskandalthriller „Spotlight“ in die filmischen Geschichtsbücher ein. Jetzt schiebt er nach einem kurzen Ausflug zu Disney+ mit „Stillwater“ ein ungewöhnliches Vater-Tochter-Drama nach, das Matt Damon nach Marseille reisen lässt, um dort auf eigene Faust zu ermitteln - da seine Tochter dort schon seit Jahren wegen einem scheinbaren Mord an ihrer Freundin im Gefängnis sitzt…
„Stillwater“ hätte nicht weit über 2 Stunden gehen müssen und sein letztes Drittel überschlägt sich etwas in Zufällen und unbefriedigenden losen Enden. Doch ansonsten macht dieser geerdete Krimi (und in weiten Teilen auch Liebesgeschichte) sehr, sehr viel richtig. Gerade bei Leuten, die lebensechte Thriller mögen, nicht alles auf die Goldwaage legen und vielleicht nicht so viele Filme gucken wie wir Nerds oder gar Kritiker, kommt „Stillwater“ zweifellos exzellent an. Also eine recht sichere Wette und ein risikoarmer Vorschlag für eure Mutter, eure Frau oder den nächsten Filmabend mit Freunden, bei dem auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geschielt werden muss. Und das will ich „Stillwater“ oder einem Matt Damon gar nicht allzu negativ anhängen. Das Ding ist eine Empfehlung an alle wert und hat mich trotz Ruhe und Zeit sehr bei Laune gehalten, durch seine nachvollziehbaren und emotionalen Figuren sogar echten Wiederspielwert bei mir entwickelt, klare Chancen in die eigene Filmsammlung zu kommen. Daher kann „Stillwater“ im Grunde weder zu trocken noch zu langsam oder mainstreamig sein. Er wirkt halt manchmal beabsichtigt entschleunigt, charakterfest und behäbig. Aber auch das muss nichts Schlechtes heißen. Die Geschichte eines verzweifelten Vaters, eines Außenseiters in einem fremden Land, eines Suchenden - alles gut bis sensationell. Man sieht nicht mehr Damon sondern die Figur, man sieht keinen plumpen Redneck sondern einen komplizierten Menschen. Ein Film voller grauer und sensibler Töne. Auch musikalisch sehr fein. Daher deutlich Daumen rauf!
Fazit: zeitweise der (Slowburn-)Thriller des Jahres. Hintenraus dann aber weder rund noch spannend oder befriedigend genug für knappere Toplisten. Dennoch: definitiv im oberen Damon-Drittel. Und vor allem mit Figuren, die einem nah gehen und Ami-/Hinterland-/Redneck-Vorurteile bestätigen und doch gekonnt ausheben.