Einige hundert Menschen leben auf der Erde, die sich an ihre früheren Leben erinnern können, behauptet Mark Wahlbergs Off-Stimme in den ersten Minuten von „Infinite“. Unterteilt seien sie in zwei Gruppen: Da gebe es zum einen die „Believers“, die ihre Fähigkeit als Gabe betrachten und sie einsetzen, um das Gute in der Welt zu bewahren. Und dann sind da noch die „Nihilists“, die sich dem Fluch der ewigen Wiederholung ausgesetzt sehen und den Kreislauf um jeden Preis unterbrechen wollen, wozu ihnen auch die Auslöschung der Menschheit recht ist. Eine Prämisse, so hirnzerfräsend, dass man sie dem Zuschauer wohl Wort für Wort über die Tonspur eintrichtern muss, damit er sie schluckt.
Während die Hauptfigur also ihr entzückend einfach gestricktes Weltbild ausbreitet, gibt sie bereits preis, dass sie damit ihrem eigenen Wissensstand bei Handlungsbeginn weit voraus ist und im folgenden ihre Geschichte rückwärts aufrollen wird. Denn dies, darauf deuten früh alle Zeichen, wird eine weitere Erwacher- und Erlöserfabel, geschnitten aus der Matrix-Lende, auf dass der heilige St. Neo seinem ausgezehrten biblischen Vorbild optisch immer näher kommt.
Eine ästhetische Beobachtung, die hingegen keineswegs auf den alternden, gleichwohl immer noch ordentlich fleischbepackten Hauptdarsteller Mark Wahlberg zutrifft. So wie Antoine Fuqua die satten Proportionen seines ehemaligen „Shooter“-Stars inszeniert, könnte man tatsächlich glauben, dass darin unzählige frühere Leben Platz finden, vom Jäger mit Speer und Bastrock bis zum mittelalterlichen Eisenschmied. In so mancher Szene fällt die Beleuchtung derart schmeichelnd auf seinen massigen Oberkörper, dass die darunter liegenden Muskeln damit zu einem Tanz der Symmetrien aufgefordert werden. Der auf die Brust tätowierte Imperativ „Look Inside“ wird zum Ticket für ein Klassentreffen mit allen Ehemaligen, die in der Wahlberg-Bauchhöhle den Bären steppen lassen.
Um das abenteuerliche SciFi-Fundament dann auch gleich einem Crash Test zu unterziehen, wird der Prolog nicht etwa mit Wahlberg und seinem Widersacher Chiwetel Ejiofor bestritten, sondern mit deren Schmalhans-Avataren Dylan O'Brien und Rupert Friend, die sich als 1985er-Reinkarnation der Hauptcharaktere eine flotte Verfolgungsjagd durch das nächtliche Mexico City liefern. Ausgesprochen früh wird dadurch auch schon die eklatanteste Schwäche freigelegt: Dieser Film wird sich zum Friedhof ausrangierter Kleinteile vom Paramount-Wertstoffhof entwickeln, zusammengeklebt durch völlig redundante Autorennen oder sonstige Spießrutenläufe. Was auch immer auf dem Schneidetisch früherer Produktionen des Studios gelandet ist, feiert hier minutiöse Wiederauferstehung, indem Szene für Szene einfach das visuelle Konzept, das Setdekor, der Cast und die Effektcrew über den Haufen geworfen werden. Kann man ja mal machen, es passt schließlich zum Inhalt, denn es geht ja um Reinkarnation. Und so fungiert schon das Autorennen als warnendes Omen für die folgenden Ereignisse: Handwerklich beginnt es einwandfrei (übersichtliche Panoramaeinstellungen, dynamische Onboard-Aufnahmen, fast schon Jack-Reacher-Niveau), da blitzt noch einmal kurz der Fuqua auf, der sein Handwerk versteht. Auf dem Höhepunkt verwandelt es sich aber auch schon in einen irrsinnigen Superhelden-Alptraum, als der Ferrari, beziehungsweise dessen computergeneriertes Abbild, gemäß jüngster Gesetze des Unterhaltungsfilms jeglichen Grip verliert und den Adler auf der Schanze macht.
Dass Wahlberg kurz darauf mit seiner Türsteher-Statur ganz klein im Bewerbungssessel eines arroganten Restaurantbesitzers hockt und Häme über sich ergehen lassen muss, womit er als Normalo verkleidet das Mitleid des Zuschauers sucht (wie einst Neo als ausgebeuteter Büroangestellter im Großraumbüro), wirkt im Kontrast zur gerade erlebten Übertreibung sondergleichen wie die Pointe eines schlechten Witzes. Doch die Erdung durch eine Alltagssituation ist schon bald wieder passé, denn kurz darauf findet sich Otto Normalverbraucher aka Heinrich Treadway aka Evan McCauley in der Drogenhöhle eines Kleingangsters wieder und versucht ihm ein selbst geschmiedetes Katana anzudrehen. So postmodern verdreht, wie die Szene in ihrer Ausstattung schon anmutet mit all dem fernöstlichen Kitsch und den Tattoos, kommt sie natürlich nicht ohne billige „Kill Bill“-Referenz aus und beweist ihr beschränktes, auf recycelte Popkultur limitiertes Vorstellungsvermögen, um schließlich erneut in einer bleigeschwängerten Eskalation auszuarten. Und man beginnt zu verstehen: Der Restaurantchef, der seinen Bewerber arrogant abblitzen lässt, hat im Grunde in diesem Moment beste Menschenkenntnis bewiesen.
Auftritt Chiwetel Ejiofor, der nicht an sich halten kann und sich an einem kostengünstigen Denzel-Washington-Plagiat eines soziopathischen Straßenwolfs versucht. Das Spiel „Böser Cop, böser Cop“ übernimmt er praktisch im Alleingang. In einer von Klischees regelrecht gefluteten Verhörsequenz zieht er alle Register, die Hollywood ihm bietet. Ganz offensichtlich sind wir jetzt in der „Matrix“-Szene gelandet, als Neo über die Matrix aufgeklärt wird und ihm gewaltsam eine Metallspinne in den Bauch gepflanzt wird. Ejiofor jauchzt quasi vor Spielfreude, als er mit der Knarre herumfuchteln und seinem Widersacher rabiat die Augen öffnen darf. Welch ein Höhepunkt schauspielerischer Weihen. Immerhin zieht er sein hoffnungslos überzogenes Spiel den gesamten Film über durch und ist damit eine der wenigen Konstanten in einem Film, der auch nach dieser absurden Sequenz ohne Sinn und Verstand bei jeder sich bietenden Möglichkeit die Gestalt ändern wird.
Und während Wahlberg so langsam die Abenddämmerung der Erkenntnis ins Gehirn strahlt, öffnet sich das Produktionsdesign immer weiter der Hi-Tech-Linie. Futuristische Gerätschaften mit blauen Lichtern lassen vergangene Zeiten in Blitzgeschwindigkeit am Auge des Betrachters vorbeirauschen, zwischen Welten und Zeiten wird gesprungen, als wären es Nachbarschaften, die bequem zu Fuß erreichbar sind. Während Ejiofor mit abstrusen Mitteln zunehmend dämonisiert wird (Benzin-Waterboarding als morgendliche Hallowach-Übung? Warum nicht...), löst Mark lustige Körperrätsel und stählt somit nicht nur Körper, sondern auch Geist für den finalen Standoff. Zwischendurch präsentiert uns das Drehbuch allerhand abenteuerliche Nebenfiguren, die im Grunde nichts beitragen außer ihre eigene Schrulligkeit (hier insbesondere zu nennen: Jason Mantzoukas als Maschinenmeister und Toby Jones, wie zumeist, als schmieriger kleiner Wicht). Zum Abschluss wird noch ein wenig aus Flugzeugen gehüpft, was nichts Anderes bedeutet, als dass wir alle mit dem Storch gebracht werden und manche von uns dabei auch mal aus dem Wickel ins Meer fallen. Wasserspritzer, Blubberblasen, ein paar Gedankenmonologe zum Abgang. Warum das alles noch gleich? Was war das noch mit den Believers und Nihilists? Egal. Der Epilog ist dann wieder wie der Prolog, nur eben indonesisch. Und so schließt sich der Kreis. Asien-Sequel incoming. Mit neuen Darstellern, falls Wahlberg gerade Besseres zu tun hat. Spencer Confidential 2 drehen oder den Funky Bunch re-uniten zum Beispiel.
D. Eric Maikrantz hat eine Verfilmung seines Debütromans „The Reincarnationist Papers“ selbst aktiv vorangetrieben, indem er eine Prämie für die erfolgreiche Vermittlung an einen Hollywood-Agenten ausschrieb. Ob er sich das Ergebnis so vorgestellt hat? „Infinite“ ist nicht nur mit gebührendem Abstand Antoine Fuquas schlechtester Film, sondern ein waschechtes Desaster. Eine Frankenstein-Azubi-Schularbeit von einem SciFi-Actioner, die sich nicht anders zu helfen weiß, als die Reinkarnations-Thematik in unzusammenhängende Filmfetzen zu übersetzen, die nichts Wesentliches miteinander zu tun haben, außer, dass sie am Schneidetisch zusammengefügt wurden. Dabei liegt bei einem solchen Thema doch gerade der Reiz darin, kognitive Brücken zu schlagen und Verknüpfungen zu erstellen. Die finden hier jedoch bloß in Form von überzogenen, mit künstlichen Spezialeffekten legierten und schnell vergessenen Actionszenen statt, die in der Vita eines routinierten Handwerkers wie Fuqua eigentlich schon einen Alan Smithee rechtfertigen würden.
(2.5/10)