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Das Joch des deutschen Krimis ist unsere Vorstellung eines Polizisten, die zwischen Dorfsheriff und beleibtem Beamten mit Butterbrotdose so engen Raum läßt für echte Actionhelden. Da Protagonisten mit charismatischen Bösewichten wachsen, bietet sich ein Milieu wie das hamburger Rotlichviertel nahezu an für Geschichten über kernige Spießgesellen. Doch ist dies nicht der ganze Kniff, mit dem der als Nachkriegsregisseur berühmt gewordene Wolfgang Staudte das Buch der zwei versierten Genreautoren George Hurdalek und Fred Denger St. Paulis Pflaster beben läßt.
In Fluchtweg St. Pauli – Großalarm für die Davidswache sind die Ermittler seriös aber menschlich. Sie lassen Bauchentscheidungen über der Vorschrift, weil sie ihr Mileu kennen. Nervös werden sie dennoch, als Bankräuber Willy Jensen (Horst Frank) ausbüchst, zumal von der Beute noch keine Spur zu ermitteln war. Sein vollkommenes Gegenstück ist sein Bruder Heinz (Heinz Reincke), Taxifahrer und eine so ehrliche Haut, daß er die millionenschwere Liliane Berndorf (Heidy Bohlen), die sich gerade volltrunken auf seinem Rücksitz entblättert hat, brav bei der Wache abliefert und sich nicht einmal getraut das Fahrgeld aus ihrer mit mehreren Tausendern bestückten Handtasche zu entnehmen.

Unter groovigen Jazzstücken zwischen Bläsern und sirrender Gitarre entwickelt sich ein Drama zwischen den Geschwistern, welches ganz Hamburg mit einbezieht und doch wie zufällig immer wieder seine Kreise schließt. In Fluchtweg St. Pauli – Großalarm für die Davidswache wird das Schlüpfrige ohne Sinn nach Provokation in seinem Naturalismus integriert. Es ist die Welt in der die Protagonisten aufgewachsen und geformt wurden. So ist es für Heinz eine Frage der Diskretion, Koffer voller Pornographie zu chauffieren – ihn selber läßt dies kalt.
Kalt gelassen hat ihn jedoch nicht Vera (Christiane Krüger), die zuckersüße Puppe seines Bruders. Quasi in flagranti erwischt scheint selbst diese Auflehnung gegen Willy am Ende erfolglos zu sein. Heinz ist sicher nicht überzeugt von den Taten seines Bruders, jedoch hat er für ihn bereits 10000 Mark gespart. Bei solcher Geschwisterliebe scheint die Entscheidung Veras schwer zu wiegen, Willy verlassen zu wollen.

Doch Willy denkt nicht daran mitzuspielen. Flugs entführt er seine Frau auf der Flucht vor der eintreffenden Polizei. Er will ins Ausland, doch dazu benötigt er Geld. Gelegenheit, eine Tat noch und dann ist es ein Mord. Hier kommt die Ganovenehre auf dem Kiez zum tragen, romantisierend fast, wie keiner der angeblichen Freunde je etwas mit Willy Jensen zu tun gehabt haben will, eher sogar noch bereit ist ihn zu verpfeifen. Geistesgegenwärtig, denn die Klunker sind nunmal viel zu heiß.
Fluchtweg St. Pauli – Großalarm für die Davidswache scheint besonnen und realistisch, wird doch nie ein Geheimnis darum gemacht, daß ein steter Bezug zur feinen Gesellschaft besteht. Ein weiterer zentraler Handlungsort ist die Elbchaussee und sein Vergnügen im Moulin Rouge sucht auch der Doktor aus Wanne-Eickel. Es bleibt nicht aus, daß insbesondere Heinz Jensen an den ermittlerischen Qualitäten zweifelt, muß er doch spätestens bei sich wiederholenden Verdächtigungen seiner Person die Frage stellen, ob man denn an der wirklichen Lösung des Falles interessiert ist. Immerhin ist der Flüchtige immer noch verschwunden, samt Vera, seiner Vera, oder hat diese sich nun wieder an Willy geheftet?
Der Kniff, mit dem in Fluchtweg St. Pauli – Großalarm für die Davidswache nun der gemächliche Beamte überwunden und eine Verfolgungsjagd zu Auto und Motorrad aufgenommen werden kann, stützt sich auf dem tragischen Bruderkrieg. Erst als die Fahrzeuge Schrottwert haben, kommt ist die Polizei wieder zur Stelle. Doch wird Heinz diesmal seinen Bruder aufhalten können, oder wird er abermals den Kürzeren ziehen?

Es sind keine Übermenschen, die einen spannungsgeladenen Kriminalfilm wie Fluchtweg St. Pauli – Großalarm für die Davidswache prägen. Das unterhaltsame Werk lebt von der Natürlichkeit seiner Figuren, die insbesondere mit dem Gegensätzlichkeiten betonenden Brüderpaar aus Horst Frank und Heinz Reincke ideal besetzt scheint. Klaus Schwarzkopf, hier noch als Kommissar Knudsen, wurde im gleichen Jahr noch Tatort-Kommissar Finke. Vom Lexikon des internationalen Films als “Hintertreppen-Krimi” bezeichnet, wird Fluchtweg St. Pauli dort aufgrund einer Erwartungshaltung an Wolfgang Staudte abgestraft. Heute ist es hingegen eher der Anspruch an einen Kinofilm, der Sleazefans mit einer nicht um Voyeurismus bedachten Kamera vor den Kopf stoßen könnte. Aber es ist nicht bieder, wie Staudte seinen Film inszeniert, sondern ein um die eigentlichen Inhalte bedachter Grenzgang, den er erhobenen Hauptes absolviert. Ein intimer Konflikt, der durch Milieu und Sujet gewinnt, um sich an den zeitgenössischen Kinokassen als Sehenswürdigkeit bemerkbar zu machen.

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