Review

ACHTUNG ! SPOILER !

Tokio, Anfang der 60er Jahre des 20.Jahrhunderts. Seltsame Dinge ereignen sich in der Stadt. Der Gangster Misaki (Hisaya Ito), der soeben dem Boss einer rivalisierenden Gangsterbande eine Tasche mit Rauschgift gestohlen hat, verschwindet kurz nach dem Raub absolut spurlos. Nur seine Kleidung und seine Habseligkeiten werden in der Nähe des Tatortes gefunden. Inspektor Tominaga (Akihiko Hirata) und die örtliche Polizei stehen vor einem Rätsel. 

Tominaga lässt die Nachtclubsängerin Chikako Araji (Yumi Shirakawa), die mit Misaki befreundet ist, rund um die Uhr beobachten, da er damit rechnet, dass Misaki sich bei ihr meldet. Ein Mitglied der bestohlenen Bande hat allerdings die gleiche Idee und er versucht eines Abends mit Gewalt von Chikako den Aufenthaltsort von Misaki in Erfahrung zu bringen. Die zur Hilfe gerufene Polizei stürmt Chikakos Wohnung, worauf der Mann flüchtet. Kurz darauf sind Schüsse zu hören und die Polizei entdeckt unter dem Fenster der Wohnung die Kleidung des Mannes, von dem es ansonsten keine Spur gibt.

Etwas später erscheint bei der Polizei der junge Wissenschaftler Dr. Masada (Kenji Sahara), ein Freund von Tominaga. Er stellt die Behauptung auf, dass die Verschwundenen von einer Art lebender Flüssigkeit absorbiert worden sind. Er stützt seine Geschichte auf die Aussagen von zwei Seeleuten, die an Bord eines in der Südsee treibenden Fischerbootes von einem seltsamen, plasmaähnlichen Wesen angefallen wurden, welches mehrere Fischer absorbierte. Dr. Masada geht davon aus, dass durch Atombombentests in der Südsee dieses schleimige Lebewesen entstanden ist. Tominaga hält diese Geschichte zunächst für Seemannsgarn, doch als er bald darauf mit eigenen Augen zusehen muss, wie sein Kollege Sakata (Yoshifumi Tajima) von diesem Wesen absorbiert wird, ist auch er überzeugt.

Es wird in fieberhafter Eile ein Plan zur Vernichtung des Wesens entwickelt. Man stellt fest, das sich der Schleim in der Kanalisation eines Stadtteils von Tokio aufhält, woraufhin dieses Stadtviertel evakuiert wird. Dann wird Benzin in die Kanalisation gegossen und entzündet. Nach und nach breitet sich das Feuer aus und vernichtet schließlich das Wesen. 

Ishiro Honda, Toho-Experte für Monster aller Art, inszenierte mit BIJO TO EKITAI NINGEN eine recht ungewöhnliche Mischung aus Gangster-, Horror- und Science-Fiction-Film, wobei die verschiedenen Elemente nicht immer homogen zusammenklingen. Trotz der für Honda eher untypischen Geschichte geht es aber auch hier letztlich um die Gefahr durch nukleare Strahlung. Und so steht auch ganz am Anfang des Films, noch vor dem Vorspann, die Explosion einer Atombombe. Was dann folgt ist zunächst einmal eine ganz konventionelle Kriminalgeschichte mit deutlichen Film-Noir Anklängen (so regnet es z.B. die meiste Zeit, und viele Szenen sind in einem zwielichtigen Nachtclub angesiedelt). Die profane Handlung wird aber mehr und mehr von seltsamen, untypischen Ereignissen unterlaufen, bis mit dem Auftritt des Wissenschaftlers die Ebene des Science-Fiction Films erreicht wird. 
Die Szenen wiederum, in denen das Monster auftaucht, sind in ihrer Inszenierung den klassischen Stilmitteln des Horrorfilms verpflichtet. So kommt es an einigen Stellen im Film zu leichten Brüchen in der Dramaturgie, doch insgesamt ist es Honda erstaunlich gut gelungen, die verschiedenen Segmente des Films zu kombinieren. 

Der im Vergleich mit Hondas Godzilla-Spektakeln geradezu stille Film erreicht seine besten Momente immer dann, wenn das Monster über Menschen herfällt und diese absorbiert, wobei sie auf unangenehm anzusehende Art und Weise in sich zusammensacken, bis nur noch ihre ausgehöhlte Kleidung zurückbleibt. Diese Bilder der an Wänden lehnenden oder auf dem Asphalt liegenden Kleiderhülsen verweisen auf Opfer der Atombombenexplosion von Hiroshima, deren verdampfte Körper wie nukleare Schatten in Hauswände und Gehwege geätzt wurden.
Die Gruselelemente des Films werden in ihrer Wirkung aber mehrheitlich relativiert durch die plakative Gangster-Story, die u.a. auch eine recht „gemütliche“ Verfolgungsjagd mit dem Auto bietet, sowie zwei längere, amüsante Nachtclub-Szenen in denen einige erstaunlich leicht bekleidete Tänzerinnen zu sehen sind, begleitet von einer ungestümen Jazz-Band, und in denen Yumi Shirakawa zwei eher langweilige Songs in voller Länge zum Besten gibt. Der akzentfreie, sehr amerikanisch klingende Gesang stammt aber wohl nicht von Miss Shirakawa selbst, sondern wurde laut IMDb von einer gewissen Martha Miyake nachträglich synchronisiert. 

Das schleimige Monster des Films stellt im Prinzip die japanische Variante des amerikanischen Ungeheuers aus dem Film „The Blob“ dar, der im gleichen Jahr entstanden ist. Der fundamentale Unterschied ist jedoch, dass der Blob in „The Blob“ aus dem Weltall kam, also etwas Fremdes, einen Eindringling von Außen repräsentierte, um arglose, aufrechte Amerikaner zu absorbieren, also zu einer gleichförmigen Masse zu machen (Kommunismus!!), während bei Honda das Monster hausgemacht ist, erzeugt durch radioaktiven Fallout, verursacht durch Menschenhand. 
In der Originalfassung des Films ist dann auch aus dem Off folgender Epilog zu hören (zitiert nach den US-Untertiteln): „If this earth were covered in radioactive fallout and humanity faced extinction, the next species to rule the earth could very well be the H-Man.
In der synchronisierte US-Fassung klingt dieser Epilog etwas anders: „If man perishes from the face of the earth, due to the effects of Hydrogen Bombing, it is possible, that the next ruler of our planet may be the H-Man.“
In der sehr frei interpretierten deutschen Fassung des Textes spielt die Radioaktivität hingegen gar keine Rolle, statt dessen wird von einem hochmotivierten Sprecher die positive, verantwortungsvolle Funktion der Behörden / Verantwortlichen herausgestellt: „Durch die enge Zusammenarbeit von Wissenschaft und Polizei war es möglich, dieser Gefahr Herr zu werden und unsere Stadt vor einem grauenvollen Unglück zu bewahren!“

DAS GRAUEN SCHLEICHT DURCH TOKYO, der in der japanischen Originalfassung 86 Minuten dauert, wurde 1959 in Deutschland erstmals gezeigt und ist mit seiner Laufzeit von 79 Minuten mit der leicht gekürzten US-Fassung identisch, die unter dem Titel THE H-MAN veröffentlicht wurde. Im Vergleich mit dem Original wurden einige Szenen etwas gestrafft: „The edits were well chosen and to some degree, the pacing is improved by the shorter running time. Most of the difference in running time is due to the deletion of scenes which slow down the middle of the film.“ (Warren: Seite 353) Der Vorspann weist ebenfalls einige Abweichungen auf. Das Toho-Logo war z.B. nur in der Originalfassung zu sehen. Die amerikanische DVD-Fassung wird mit dem „Columbia-Logo“ und dem Titel THE H-MAN präsentiert. Der Film wurde inzwischen mehrfach im deutschen TV gezeigt, erstmals 1994 (Kabelkanal) mit einer Längen von 75:45 Minuten (PAL). Dieser Fassung war neben dem „Columbia-Logo“ auch eine deutsche Titelkarte mit dem Titel DAS GRAUEN SCHLEICHT DURCH TOKYO vorangestellt. Seitdem sind weltweit diverse DVD und Blu-ray Editionen erschienen. 

Literatur:
Peter H. Brothers: Mushroom Clouds and Mushroom Men, Bloomington 2009
Stuart Galbraith IV: Japanese Science Fiction, Fantasy and Horror Films, Jefferson 1994
Bill Warren: Keep Watching the Skies!, Jefferson 2016

Details
Ähnliche Filme