Der Amerikaner teilt den Tag bei seiner Zählung in zweimal 12 Stunden – einmal a.m. (ante meridiem) und einmal p.m. (post meridiem). „11:14“ spielt p.m., also 23:14 Uhr nach deutscher Zählung.
Dies ist auch der Zeitpunkt, an dem sich die zahlreichen Stränge dieses multiperspektivischen Films treffen. Gleich fünfmal wird erzählt, was um diesen Zeitpunkt herum passiert, immer aus einer anderen Sichtweise, sodass der Zuschauer zusammensetzen kann, was in wenigen Minuten passierte. Und das umfasst unter anderem zwei Todesfälle, mehrere Verhaftungen und so manch andere kriminelle Tat...
Nach seiner Entstehung dauerte es eine ganze Weile, bis „11:14“ den Weg nach Deutschland fand, was schade ist, denn hier handelt es sich um einen jener visuell einfallsreichen, kleinen US-Filme, denen erst auf DVD so richtig Beachtung geschenkt wird (vgl. „Running Scared“). Sicherlich haben schon andere Filme das Konzept des Erzählens einer Situation aus mehreren Perspektiven durchexerziert, aber „11:14“ will auch keine Innovationspreise gewinnen, sondern einfach gute Unterhaltung bieten – was auch gelingt.
Der Ton des Films ist eine Mischung aus Thriller und Komödie – ersteres vor allem im punkto Plot, letzteres vor allem im Bereich des angeschlagenen Tons. Der Humor ist teilweise schon schwarz bis makaber, wer jedoch Gefallen daran hat, der kann sich köstlich amüsieren, denn dank wunderbar schnoddriger Dialoge und des richtigen Timing sitzen die Gags wirklich gut. Dahinter steckt auch eine reichlich fiese Form von Schadenfreude in Verbindung mit der altbekannten, poetischen Gerechtigkeit, denn häufig trifft es die hintertriebensten Charaktere am schlimmsten – wobei fast jede der handelnden Personen um 23:14 Uhr Dreck am Stecken hat.
Denn fast jede der Episoden dreht sich um einen Unfall oder ein Verbrechen, dass die Personen zu vertuschen versuchen. Erst durch das Zeigen des Geschehens aus mehreren Perspektiven kann sich der Zuschauer das Geschehen vollends zusammensetzen, wobei sich die Hintergrundgeschichte als erfreulich durchdacht und wirklich stimmig herausstellt. Und sobald das Rätsel gelöst ist, endet „11:14“ auch; was mit einigen Personen später geschehen wird, bleibt offen.
Jedoch ist diese Antwort minder wichtig, das episodische Puzzle kommt auch ohne diese Erklärung aus. Neben dem hohen Tempo kommt „11:14“ auch eine wirklich schicke Optik zugute, die mit einfallsreichen Kameraperspektiven und dezent eingesetzten, aber stets passenden visuellen Mitteln wie z.B. Splitscreen arbeitet. Sehr schön auch die Credit-Sequenz, in der die Schriftzüge als Autos über eine Straße fahren. Allerdings muss man gleichzeitig sagen, dass der Wiedersehwert von „11:14“ nicht ganz so hoch wie z.B. bei „The Sixth Sense“ oder „Die üblichen Verdächtigen“ ist: Kennt man die Auflösung, kann man sich immer noch an Dialogen, Bildern und dem starken, rocklastigen Soundtrack berauschen, versteckte Details, wie man sie bei den beiden genannten Filmen bei mehrmaligem Sehen findet, gibt es leider kaum.
Wirklich toll ist die Besetzung, die sogar ungeahnte Glanzlichter bietet. Der sonstige Sunnyboy Shawn Hatosy als prolliger Kerl mit dem Herz am rechten Fleck liefert hier seine vielleicht beste Leistung. Auch die Jungschauspieler Ben Foster, Colin Hanks und Stark Sands sind ausgesprochen überzeugend – ersterer fiel zuletzt bereits in größeren Filmen auf. Patrick Swayze und Barbara Hershey als besorgtes Elternpaar spielen stark, Henry Thomas ist recht gut und Rachael Leigh Cook macht das Beste aus ihrer leicht klischeehaften Rolle. Nur Hilary Swank fällt da etwas aus dem Rahmen: In ihrer Verkörperung der White Trash Kassiererin overactet sie gelegentlich derart, als wolle sie Juliette Lewis Konkurrenz machen.
Visueller Einfallsreichtum, eine durchdachte Geschichte, reichlich schwarzer Humor und eine gute Besetzung – „11:14“ ist ein wirklich einfallsreicher, kleiner Film. Da stört es auch nur etwas, dass der Wiedersehwert nicht ganz so hoch ist wie bei ähnlich gelagerten Werken.