Klar, Anthologien gibt es zuhauf, gerade im Horrorgenre, aber „Dark Stories“ hat schon einen leichten Faktor „ungewöhnlich“ extra, denn die sechsteilige Serie dieser Gruselkurzgeschichten wurde im französischen TV versendet, wird nun aber der Welt quasi als Kompilationsfilm „Dark Stories to survive the Night“ von Amazon Prime verwurstet. Das ist vielleicht nicht das Schlechteste, denn die Folgen sind meist nur knapp 15-20 Minuten lang und es bietet sich das Portmanteau-Format geradezu opferbereit an.
Also sehen wir alle jetzt einen Film – in der OFDB/IMDB wird das alles jedoch als Serie gelistet.
Das soll uns aber egal sein, doch im Gegensatz zu einigen anderen Anthologien, die aktuell am Start sind, haben sich die Macher hier mit sehr viel Liebe ans Werk gemacht, ihre budgetbegrenzten Stories möglichst attraktiv und mit Pointe aufzubereiten und auf total ausgetretene Wege zu verzichten.
Obwohl ich da nicht sonderlich viel erwartete, war dann das Ergebnis doch von überraschend hohem Unterhaltungswert, was wieder mal beweist, dass die Story bzw. der Aufhänger das Publikum nur fesseln oder überzeugen muss, dann kann man auch auf extra viel Gore und Gedärmegeschmeiß verzichten und es funktioniert dennoch. Der Verspieltheit alter Amicus-Anthologien kommt „Dark Stories“ so näher als manche andere Anthologie, die sich neben Horror auch Komödie auf die Fahnen schrieben.
So gerät nun eine Episode zur Rahmenstory – wobei ich zugeben muss, nicht ganz zu verstehen, wie die Story eine Episode ohne die anderen Geschichten ergeben sollte, aber vielleicht war das Schnittmagie. Darin sieht sich das international noch bekannteste Aushängeschild Kristanna Loken, ehedem Terminatrix im dritten Einsatz mit Arnie als Cyborg, als Mutter den Attacken einer von Mordlust besessenen Bauchrednerpuppe ausgesetzt, die sie im Keller meucheln möchte. Um sich Zeit zu verschaffen, erzählt sie dem fiesen kleinen Killer eben die nun folgenden anderen „fiesen“ Stories. Obwohl hier kein Budget für ausgesprochen aufwändige Tricks zur Verfügung stand, funktioniert die Notlösung, die „übermenschlich schnellen Bewegungen“ der Puppe aufs rein Akustische zu verschieben, recht beachtlich.
Die nun folgenden Episoden fallen tonal und dramaturgisch zwar ein wenig auseinander, sind aber so abwechslungsreich, dass für jeden was dabei sein müsste.
In „The Ghoul Feast“ werden formlos schwarze Ghoule in einem alten Gemälde lebendig und saugen so einige Leute in die Gemälde hinein. Rettung ist möglich, aber vor allem muss man die Viecher aus den Bildern locken, denn da halten sie sich nicht lange. Latent schwarzhumorig, mit mittelprächtig animierten Schattenmonstern, aber wunderbarer Museumsoptik ein schöner Starter.
„The Park“ bietet dann ein Außentableau, das einer Joggerin, die sich mit einem jungen Mann „anfreundet“, der offenbar nur läuft, um sie kennenzulernen. Später versucht sie im Park auf ihn zu warten und schläft darüber ein, bis sie in der Nacht selbst Zeuge davon wird, wie es zu all den Todesopfern im Park gekommen ist. Auch hier gilt: nicht mörderisch originell, aber die Geister sind gut getrickst, die Pointe ist nett und die Atmo ist creepy genug für eine Gutenachtgeschichte.
„Dead but Alive“ ist dann eine fast reine Comedynummer rund um Body Horror, wenn ein just in der Pathologie eingetroffener Toter wieder erwacht und sich daran erinnert, dass er ja noch seine Familie beschützen muss gegen seinen Mörder. Wie gut, wenn man dann übermäßig stark ist. Wie schlecht, wenn man nicht ordentlich auf seinen Körper achtet. Für die kurze Laufzeit eine spaßige Angelegenheit.
„Boughtat“ ist dann eine sich sehr bekannt anfühlende Story um Schlafparalyse und Djinns, so richtig gewohnt mit dunklen Gestalten im dämmrigen Zimmerhintergrund, die man nur aus dem Augenwinkel sieht. Das ist zwar inzwischen Standard, aber die Story hat eine sehr starke letzte Sequenz, die sie kribblig abrundet.
Am wenigsten hat mir „The Last Judgement“ gefallen, eine Art Found-Footage-Story über ein Kamerateam, welches auf einem Bauernhof in der Provinz einen scheinbar simplen Landmann (Dominique Pinon kennen sicher einige) interviewen will, der sich für einen Auserwählten der Aliens hält. Die Präsentation ist mir zu eckig, erst provinziell-dokumentarjournalistisch, dann ein Effektfinale mit reichlich roter Sauce, aber der Humor wollte bei mir nicht verfangen.
Danach schließt sich die Rahmenstory mit einer quasi erwartbaren Pointe, wenn die Killerpuppe auf Lokens Sohnemann losgehen will, der ja „krank im Bett liegt“.
Was hier so gut funktioniert, ist die Isolation der Figuren, die mit den Spielszenen einher geht: der neblige Park, die menschenverlassenen Gemäldegalerien bei Nacht, die Pathologie, die Bedrohung im Schlafzimmer, der abgelegene Landstrich bäurischen Zuschnitts – und Lokens karger verlassener Keller. Der Fokus bleibt scharf, die Erzählweise abwechslungsreich und im Wesentlichen halten die Elemente gut zusammen.
Persönlich hat mich die Atmosphäre wirklich mitgerissen, wo der Plot nicht durchhält, sind es dann meist die Pointen die alles abmildern und die sehr guten Darsteller. Ein empfehlenswerter Snack der Nachbarn im Südwesten, bei dem man auch mal pausieren und später fortsetzen kann. (7/10)