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In die Welt eines Einzelgängers einzutauchen, muss nicht zwangsläufig eine besondere Herausforderung bilden. Ein besonderes Maß an Empathie wird allerdings nötig, wenn der Protagonist latent unnahbar erscheint, dazu kaum spricht und anbei mit Gewaltphantasien gespielt wird, von denen man nie weiß, ob sie sich vielleicht nur im Kopf der Figur abspielen.

Taxifahrer Leo (Kévin Mischel) ist ein schüchterner Außenseiter und Komponist, der ständig mit Gewaltausbrüchen gegenüber Frauen konfrontiert wird. Als er auf die gehörlose Tänzerin Amélie (Aurélia Poirier) trifft, scheint sich seine Einstellung zu ändern. Doch ein Geheimnis liegt nach wie vor in der Luft…

Der französische Autor und Regisseur Marc Fouchard etabliert rasch eine trostlose Stimmung, die von der traurig anmutenden Existenz des Taxifahrers ausgeht. Augenscheinlich lebt, schläft und arbeitet der Kerl ausschließlich in seinem Wagen, wo er auch per Laptop und Mini-Keyboard an einer Komposition arbeitet. Er ernährt sich überwiegend von Zigaretten und Instant-Gerichten, was ihm ebenso deutlich anzusehen ist, wie die nahezu komplette Abkehr zur gängigen Außenwelt, die lediglich durch die Fahrgäste aufrecht erhalten wird.

Ob diverse Gewaltausbrüche der Realität entsprechen oder nur Gedankengänge Leos darstellen, soll an dieser Stelle nicht konkretisiert werden. Demzufolge gibt es in einer Situation zwar ein anvisiertes Opfer, jedoch drei verschiedene Tatorte, welche nacheinander visualisiert werden. Auch vermengen sich rückblickende Blutmomente mit zu erwartenden Gräueltaten, doch bis auf einen bestimmten Ort der „Entsorgung“ scheinen einige Eskalationsmomente dem inneren Impuls Leos zu folgen.

Zuweilen erscheint es wie ein Akt der Befreiung, wenn einmal mehr das Messer stakkatoartig sein Ziel findet. Eine Katharsis, die mit dem Auftauchen von Amélie eigentlich eine Wendung erfahren müsste. Dazu wäre es allerdings notwenig gewesen, etwas mehr als nur den Jetztzustand zu durchleuchten. Leo erhält somit kaum einen Background, noch einen ausbaufähigen Kontext. Lediglich die bevorzugte Form der emotionalen Kommunikation, des Ausdrucks in Form von Musik und Tanz lässt etwas über die Verbindung zwischen Leo und Amélie erahnen.

Mischel gibt als Hauptfigur eine treffend traurige Gestalt ab, obgleich sein Spiel auf Dauer ein wenig eindimensional anmutet. Wesentlich vielfältiger performt Poirier als stumme Tänzerin, welche binnen weniger Nuancen zwei, drei emotionale Gradwanderungen hinbekommt.
Ein ebenfalls deutlicher Gewinn ist der Score von Pascal Boudet, welcher zugleich als Kameramann fungiert. So wird speziell bei kurzen Tanzszenen ein exaktes Timing offenbart, wobei zwei, drei Themen überdies eine leichte Sogwirkung entfalten.

Darüber hinaus liefert der Stoff allerdings herzlich wenig, mit dem sich arbeiten lässt. Ganz ohne Klischees des vermeintlichen Frauenmörders kommt man hier zwar nicht aus, doch für eine tiefgehende Charakterstudie mangelt es Facetten, an Ecken und Kanten.
Heraus gekommen ist eine sperrige Mischung aus Drama, Thriller und etwas Horror, der zwar einige wenige, poetische Momentaufnahmen entspringen, doch zum Mitfiebern gibt es wahrlich nicht genügend Anknüpfungspunkte.
4 von 10

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